Für Jens und Bruni Steffen ist der kleine Paul der Enkel, den sie sich immer gewünscht haben. Seit dem ersten Projekttreffen im September 2008 konnten zwar schon fünf Partnerschaften vermittelt werden, doch die Nachfrage ist eben größer als das Angebot.

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Jens (66) und Bruni Steffen (62) spielen mit ihrem „Enkel“ Paul (22 Monate) im Wohnzimmer.

Jens (66) und Bruni Steffen (62) spielen mit ihrem „Enkel“ Paul (22 Monate) im Wohnzimmer.

Stefan Fries

Jens (66) und Bruni Steffen (62) spielen mit ihrem „Enkel“ Paul (22 Monate) im Wohnzimmer.

Haan. Liebevoll nimmt Jens Steffen den kleinen Paul an die Hand und führt ihn die Treppe hoch. Glucksen ist zu hören, als der fast Zweijährige die Familienhündin Kaschi entdeckt. Wenn Paul zu Besuch bei Bruni und Jens Steffen ist, dann ist immer etwas los. "Der Kleine bringt schon Leben in Bude", sagt der 66-Jährige, und seine Frau Bruni (62) fügt hinzu: "Wir haben ja selbst keine Enkelkinder, daher genießen wir die Zeit mit Paul ganz besonders."

Seit einem Jahr sind Jens und Bruni Steffen die Leihgroßeltern des kleinen Paul. Über Bekannte erfuhren die Rentner von dem Projekt der Arbeiterwohlfahrt. "Mein Mann war damals ein bisschen skeptisch. Aber ich habe ihn dann überzeugt", erzählt Leih-Oma Bruni. Mittlerweile will keiner der beiden den kleinen Paul mehr missen. "Er ist wirklich eine Bereicherung", sagt Bruni.

Bei gemeinsamen Treffen lernten sich beide Familien erst mal kennen

Und nicht nur das Ehepaar Steffen profitiert von dem Arrangement. Auch Nina Köhler (27), die Mutter von Paul, ist von den Teilzeit-Großeltern begeistert. "Die richtigen Großeltern leben im Münsterland. Da sieht man sich nicht so oft. Durch Jens und Bruni kann Paul so aufwachsen, wie ich auch, nämlich mit Oma und Opa in der Nähe", sagt Nina Köhler.

Auch ihr Mann sei anfangs kritisch gewesen. "Du kannst das Kind doch nicht zu fremden Leuten geben", meinte er.

Doch bei vielen gemeinsamen Treffen hatten beide Familien genug Zeit, um sich in aller Ruhe zu beschnuppern. "Diese Eingewöhnungszeit ist sehr wichtig", sagt Uschi Reiser von der Awo, die das Leihgroßeltern-Projekt vor knapp zwei Jahren ins Leben gerufen hat und Familie Steffen bis heute betreut.

In Deutschland gibt es Leihgroßeltern seit etwa 20 Jahren, in Großbritannien und den USA schon etwas länger. Das Prinzip ist einfach: Ältere, körperlich und geistig fitte Menschen werden als "Großeltern" an Familien vermittelt. Es handelt sich nicht um Babysitting, die ehrenamtlichen Leihgroßeltern werden langfristig in die Familie eingebunden.

In Haan vermittelt die Awo die "Großeltern" an Familien in Haan und Umgebung. Montags von 10 bis 11 Uhr ist eine Sprechstunde im Awo-Haus, Bandenfeld110. Infos unter Telefon 2188. Donnerstags bei der Awo an der Breidenhofer Straße von 17.30 bis 18.30 Uhr. Telefon 2550.

"Es geht hier nicht um eine Betreuung, wie sie eine Tagesmutter leistet, sondern um ein menschliches Miteinander", betont Reiser. Auch Nina Köhler war sich von Anfang an darüber im Klarem, dass die geliehenen Großeltern keine Babysitter auf Abruf sind. Trotzdem nutzt sie den freien Nachmittag, den Paul wöchentlich bei den Steffens verbringt, um wieder in ihrem Beruf als Erzieherin und Theaterpädagogin zu arbeiten.

Für das Ehepaar Steffen ist Paul das Enkelkind, das sie sich immer gewünscht haben. Für ihn haben sie die alten Spielsachen der eigenen Tochter aus dem Keller geholt, Kinderbücher und einen Kindersitz fürs Auto gekauft.

"Wenn es das Wetter zulässt, dann gehen wir natürlich auf den Spielplatz", sagt Bruni Steffen. Mit dabei ist dann auch immer der Mischling Kaschi. Für Mutter Nina Köhler ist das eine sinnvolle Ergänzung. "Wir haben selbst keine Tiere. Ich finde es aber schon wichtig, dass Paul auch Kontakt zu Hunden hat."

Die Warteliste ist voll, in Haan fehlen weitere Leihgroßeltern

Wie Nina Köhler gibt es viele Eltern in Haan, die den Leihgroßeltern offen gegenüberstehen. Allein elf Kinder - vom Kleinkind bis zum Teenager - stehen zurzeit auf der Warteliste. "Uns fehlen leider die Großeltern", sagt Margit Thomas von der Awo.

Seit dem ersten Projekttreffen im September 2008 konnten zwar schon fünf Partnerschaften vermittelt werden, doch die Nachfrage ist eben größer als das Angebot. Die Gründe sieht Margit Thomas vor allem in der Bindungsangst der Rentner.

"Das ist natürlich etwas, was man nicht nur fünf Monate macht, sondern auf lange Zeit. Viele Senioren reisen gerne und haben Hobbys. Sie haben Angst, nicht mehr so flexibel zu sein. Dabei ist das im echten Leben doch auch so: Man steht eben nicht immer zur Verfügung."

Für die Steffens ist klar, dass sie ihren Paul so lange es geht begleiten wollen. Vor allem Jens Steffen holt bei seinem Enkel einiges nach. "Als meine Tochter klein war, musste ich viel arbeiten. Jetzt habe ich genug Zeit."

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