Der Jahresbericht von Notfallseelsorger Jürgen Draht ist eine Ansammlung von Leid und Unglücken.

Mettmann. Den Vater aus Rotterdam, der im Mai zum Düsseldorfer Flughafen gekommen war, um seine beiden Töchter abzuholen, wird Pfarrer Jürgen Draht so schnell nicht vergessen, erzählt er im WZ-Gespräch. Erst am Flughafen erfuhr der Holländer, dass die Maschine, in dem seine Töchter saßen, in Tripolis abgestürzt war.

106 Menschen, größtenteils Urlauber aus den Niederlanden, kamen ums Leben. Für den Vater aus Rotterdam brach die Welt zusammen, als er hörte, dass seine Töchter unter den Toten waren.

Ein Moment, der Leben in Frage stellt

"Das ist mir sehr nahe gegangen. Seine Töchter waren in dem Alter meiner Kinder", sagt der Notfallseelsorger für den Kreis Mettmann, Jürgern Draht, der für die Betreuung der Angehörigen des Flugzeugabsturzes zum Flughafen gerufen worden war. "In so einem Moment wird das gesamte Leben in Frage gestellt."

In dieser Situation könne er weder helfen noch trösten. "Aber ich kann dem Menschen signalisieren, ihn nicht alleine zu lassen." Alles andere, sagt Draht, sei nicht glaubwürdig. "Dem Vater aus Rotterdam hätte ich nicht sagen können, ,Ich weiß, wie Du Dich fühlst.’"

Heute stellt Draht seinen Jahresbericht vor. "Voraussichtlich werden es wie in den Vorjahren wieder zwischen 140 und 150 Einsätze bis Jahresende sein", sagt er. Was die Statistik verbirgt, ist das Leid und das Unfassbare hinter den Zahlen: "Tötungsdelikt in Wülfrath, in derselben Nacht plötzlicher Kindstod in Gruiten; Verkehrsunfall auf der A46, am selben Tag ein Verkehrsunfall mit einem Toten."

Seit 1996 ist der 54-Jährige als Notfallseelsorger im Kreis Mettmann im Einsatz. Als Pfarrer ist er bei der Evangelischen Kirche im Rheinland angestellt. Mit ihm versehen aber auch noch rund 70 evangelische und katholischen Kollege die Notfallseelsorge. Bei Notfällen im häuslichen Bereich sind in der Regel die Pfarrer vor Ort im Einsatz. Bei anderen Notfällen kommt der Notfallseelsorger.

Die Zahl der Selbsttötungen ist 2010 angestiegen. Betroffen machte Notfallseelsorger Draht der Tot eines 21-Jährigen ebenso wie der Suizid einer Mutter von vier Kindern. Er musste aber auch Schüler in Ratingen betreuen, die Zeugen wurden, wie ein Selbstmörder von einem ICE überrollt wurde.

"Man muss Strategien entwickeln, um alles verarbeiten zu können", sagt Draht auf die Frage, wie er mit dem Leid, das er erlebt, umgeht, ohne daran zu zerbrechen. "Es kommt auch darauf an, welche Position man zu Gott und den Menschen hat."

Das Leid geht dem Pfarrer unter die Haut

Bei aller Professionalität, die ein Notfallseelsorger ebenso wie ein Notarzt oder ein Feuerwehrmann in extremen Situation mitbringe, könne nicht ausgeschlossen werden, dass das Leid unter die Haut geht. Draht: "Als vor Jahren bei einer Gasexplosion in Mettmann ein Mann starb, der am gleichen Tag wie meine Tochter Geburtstag hatte, ging mir das sehr nahe."

Und immer wieder passiert es, dass Retter selbst die Hilfe des Notfallseelsorgers benötigen, wenn sie nach Einsätzen das Erlebte verarbeiten müssen. "Sie kommen meistens ein zwei Tage nach ihrem Einsatz", sagt Draht. Diese Fälle tauchen in keinem Bericht auf.

Rund 70 Seelsorger stehen mit Pfarrer Draht im Kreis Mettmann an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr für die Notfallseelsorge im Einsatz. "Noch sind die Dienstpläne für die Notfallseelsorge meistens gefüllt, aber es ist auch deutlich, dass wir in Zukunft Verstärkung brauchen", endet der Bericht von Pfarrer Draht.

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