Datenbank: Mit „Nespos“ lädt das Neanderthal Museum interessierte Betrachter in ein digitales Archiv bedeutender Fossilien ein.

Kreis Mettmann. Am Anfang waren es die Knochen - genau genommen 16 verschiedene versteinerte Reste eines Körpers, die inmitten von Lehmhügeln vor der Feldhofer Grotte im Neandertal zwischen Mettmann und Erkrath lagen. Und wäre nicht an diesem Augusttag des Jahres 1856 zufällig der Steinbruchbesitzer Wilhelm Beckershoff vorbeigekommen, dann wären die Knochenreste, die Arbeiter aus der Höhle geschippt hatten, wahrscheinlich für immer verloren gewesen. So aber interessierte sich Beckershoff für die Knochen, - die er übrigens für die Überreste eines Höhlenbären hielt - und übergab sie dem Naturforscher und Lehrer Johann Carl Fuhlrott aus Elberfeld.

Mit Carl Fuhlrott begann die Neandertaler-Forschung

Der Fund bestand aus der Schädelkalotte, einem Fragment des rechten Schulterblattes, dem rechten Schlüsselbein, dem rechten Oberarmknochen samt Elle und Speiche, dem linken Oberarmknochen samt Elle, fünf Rippenfragmenten und der linken Beckenhälfte. Schon bei der ersten Begutachtung stand für Fuhlrott fest, dass es sich zumindest bei den Oberschenkelknochen um menschliche Überreste handeln. Und weil er von dem Gedanken gefesselt war, dass es sich dabei um einen Ur-Menschen handeln könnte, begann die Forschung über das Individuum aus dem Neandertal bei Mettmann, das durch die zeitgleich publizierte Evolutionstheorie von Charles Darwin im Laufe der Jahre ein Gesicht erhielt.

153 Jahre später hat sich die Zahl der Knochen und anderer Funde vervielfacht. Ob in Spanien, Belgien, Kroatien oder selbst im Irak - in vielen Ländern fanden Wissenschaftler bei Ausgrabungen Reste jener Menschenform, die ihren Namen dem Original aus dem Neandertal verdankt.

Und entsprechend der vielen Fundorte sind auch die Aufbewahrungsorte. In den sicheren Tresoren der Museen lagern - fast wie Reliquien der Archäologie - die fossilen Reste der Neandertaler. Betrachten erlaubt, berühren (fast) verboten.

Weil aber Wissenschaft, Forschung und Lehre immer wieder auf die Relikte der Vergangenheit zugreifen müssen, entwickelte das Neanderthal Museum im Rahmen eines internationalen Projektes mit EU-Fördermitteln das weltweit einzigartige Konzept "Nespos". Ursprünglich eine Internetplattform für Archäologen und Anthropologen, öffnet sich die Datenbank jetzt für alle, die Interesse an einem Stück menschlicher Vergangenheit haben.

Bereits seit Jahren ist die internationale "Nespos Society" mit Sitz am Neanderthal Museum mit ihrer Datenbank weltweit führend im Bereich der virtuellen Archäologie und Anthropologie. "Nespos" will durch die digitale Archivierung bedeutender Humanfossilien und Artefakte einen unverzichtbaren Beitrag zum Schutz des kulturellen Welterbes leisten. Erstmals werden digitale Forschungsergebnisse zu Humanfossilien, Kleinkunst, Knochen- und Geweihgeräten des Pleistozäns online der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Das neue Angebot der Datenbank richtet sich hingegen an Wissenschaftler, Studenten, Schüler, Journalisten und Privatpersonen. Ein Videoclip macht auf dem Portal "Youtube" Werbung für "Nespos". Die hoch auflösenden 3D-Datensätze der Objekte sind jedoch aus Gründen des Copyrights weiterhin nur Mitgliedern der "Nespos Society" zugänglich.

"Nespos" wird gefördert durch die Europäische Union, den Förderverein Neanderthal Museum und die Gerda Henkel Stiftung. Ende 2009 übernimmt die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Kosten.

Ein zentraler Bestandteil der Datenbank sind die Fundstücke, die digitalisiert wurden. "Rund 100Fundorte sind bereits erfasst", sagt Gerd-Christian Weniger, Direktor des Neanderthal Museums. "Damit entfällt das kostspielige Reisen", beschreibt Weniger einen Vorzug der Forschung am Computer besonders für den wissenschaftlichen Nachwuchs, schränkt aber zugleich ein, dass "das Anfassen der Objekte auch weiterhin wichtig ist, um sie zu verstehen."

Für den interessierten Laien reicht aber die Menge an Informationen. Der Nutzer erfährt, wann der Neandertaler-Fund gemacht wurde, wer der Archäologe war, um welche Knochen es sich handelt und welche Literatur es darüber gibt. Wer auf die Fundorte klickt, kann sich mit Google-Earth auch einen direkten Eindruck aus der Luft verschaffen. Und dort, wo die Internet-Bibliothek Wikipedia etwas über den Fund zu berichten hat, gibt es zusätzliche Informationen.

Wer sich mit der Humanevolution beschäftigt, findet dort viel Material

Gerd-Christian Weniger will die ständig wachsende Datenbank - 16000 Einträge sind es jetzt schon - auch für das pädagogische Programm des Museums nutzen. "Aber auch jede Schulklasse, die sich mit der Humanevolution beschäftigt, findet dort ausreichend Materialien."

Das "virtuelle Beinhaus" hat natürlich auch einen geschlossenen Bereich für die Wissenschaft. Dort gibt es digitale Kopien, die nicht nur alle Informationen enthalten, sondern die es auch erlauben, Untersuchungen anzustellen, die an den Originalen niemals möglich wären. Auf einer speziellen Plattform haben Archäologen und Anthropologen weltweit die Möglichkeit, ihre Ergebnisse einzustellen, mit Kollegen zu teilen und zu diskutieren.

Ein vierköpfiges Team betreut zurzeit "Nespos", denn die zukünftige Nutzung kennt fast keine Grenzen. Schon jetzt sind dort Steinwerkzeuge, Knochengeräte und Kunstobjekte eingestellt und zu sehen. Ein regelmäßiger Nachrichtendienst informiert über Neues aus der Welt der Archäologie.

Und Gerd-Christian Weniger schließt nicht aus, dass eines Tages die "Nespos"-Nutzer den Forschern bei ihren Neandertaler-Ausgrabungen vor Ort mittels Web-Cam direkt über die Schultern schauen werden.

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