Der 58-Jährige muss sich seit Dienstag vor dem Landgericht Wuppertal verantworten. Zur Tatzeit wohnte die Familie in Erkrath.

Richterhammer
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Erkrath/Wuppertal. Die Vorwürfe gegen einen 58-jährigen Familienvater aus Erkrath wiegen schwer: 74 Mal soll er seine Tochter sexuell missbraucht haben. Laut Anklageschrift war die heute 30-Jährige neun Jahre alt, als ihr Vater sie in den Sommerferien das erste Mal auf ihr Bett warf, seine Hand unter ihr T-Shirt schob und sie zwang, ihn oral zu befriedigen.

Am Dienstag begann vor dem Wuppertaler Landgericht der Prozess gegen den 58-Jährigen – „ein Prozess, der sehr viele Sensibilitäten birgt. Es geht nicht um 74 Mal, sondern darum, dass es über Jahre hinweg ständig war“, sagte der Vorsitzende Richter am Landgericht, Christoph Märten. Zwischen 1990 und 1994 soll es zu sexuellen Übergriffe gekommen sein, Vergewaltigung gehört nicht dazu.

„Das ist jetzt 20 Jahre her. Soll ich mich an jede Kleinigkeit erinnern?“

Der Angeklagte

Die 30-jährige Tochter, die als Nebenklägerin auftritt, verfolgte die Ausführungen des Staatsanwalts mit regungslosem Gesicht und gefalteten Händen. Ihr Vater, der mittlerweile auf Amrum lebt und den sie der Polizei gegenüber nur „Erzeuger“ nennt, saß wenige Meter von ihr entfernt. Die Frau würdigte ihn keines Blickes.

Knapp vier Stunden lang stand der Angeklagte Rede und Antwort – „eine mühsame Befragung; die Angaben wirken konstruiert“, sagte der Staatsanwalt in einer Pause. Seine Schilderungen begann der 58-Jährige bei seiner eigenen Kindheit, die von einer „sehr strengen Erziehung“ und regelmäßigen Schlägen geprägt war. Er beschrieb sich als strengen, aber kinderlieben Vater und liebenden Ehemann, der sein Feierabendbier genießt und sich nicht erklären kann, warum die Tochter derartige Vorwürfe erhebt: „Ich habe das nicht gemacht.“

Stunden später zeichnete sich ein anderes Bild ab, auf das die Tochter teils mit vor den Mund geschlagenen Händen, teils mit kurzem, höhnischen Lachen reagierte. Die Aussagen des Angeklagten widersprachen sich, immer wieder fragte der Richter nach, wurde laut. „Es kommt nicht so daher, dass Sie uns offen gegenüberstehen“, warnte er.

Der 58-Jährige, von Beruf Koch, räumte ein, beide Söhne, die Tochter und seine mittlerweile geschiedene Frau oft geschlagen zu haben – „auch mit dem Latschen“, bis hin zum Rippenbruch, wie die Exfrau und einer der Söhne bei Befragungen durch die Polizei angaben. Dazu der Angeklagte: „Das ist 20 Jahre her, soll ich mich an jede Kleinigkeit erinnern?“

Zehn Jahre Patientin in der Psychiatrie

Seine Tochter befindet sich seit zehn Jahren in psychologischer und psychiatrischer, teils stationärer Behandlung. Posttraumatische Belastungsstörung, schwere Depression, akustische Halluzinationen und Suizidgedanken, lauten die ärztlichen Stellungnahmen die „keinen Zweifel“ daran lassen, dass die Nebenklägerin „in ihrer Kindheit Opfer erheblicher Gewalt wurde“.

Am Mittwoch wird der Prozess mit der Aussage der Tochter fortgesetzt.