Interview: Karin Malzkorn, Leiterin der Carl-Fuhlrott-Schule in Erkrath, sieht zur Hauptschule keine Alternative.

Karin Malzkorn, Leiterin der Carl-Fuhlrott-Schule in Erkrath.
Karin Malzkorn, Leiterin der Carl-Fuhlrott-Schule in Erkrath.

Karin Malzkorn, Leiterin der Carl-Fuhlrott-Schule in Erkrath.

Karin Malzkorn, Leiterin der Carl-Fuhlrott-Schule in Erkrath.

Erkrath. Hauptschulen haben einen schlechten Ruf, Hauptschüler auch. Wäre es da nicht besser, die Schulform einfach abzuschaffen und allen Beteiligten einen Neustart zu ermöglichen?

Karin Malzkorn: Das glaube ich nicht. Der Name Hauptschule mag belastet sein. Aber auch wenn die Schule anders heißt, bleibt die Schülerschaft doch dieselbe. Und genau für diese Schüler muss es eine Schule geben.

Vertreter des Handwerks und der Industrie sagen, die Hauptschule führt zu nichts.

Malzkorn: Das Bild dieser Schulform in der Öffentlichkeit ist verzerrt. Es wird geprägt von Ereignissen wie zuletzt in der Rütli-Schule in Berlin, wo Lehrer um Hilfe gerufen haben.

Wie ist es wirklich?

Die Leiterin der Carl-Fuhlrott-Schule in Erkrath-Hochdahl ist 53 Jahre alt und Mutter zweier erwachsener Söhne, von denen einer Diplom-Informatiker ist und der andere im 10. Semester Medizin studiert.

An der Carl-Fuhlrott-Schule unterrichtet Karin Malzkorn die Fächer Deutsch, Geschichte und Erdkunde. Dem Kollegium mit insgesamt 24 Lehrern steht sie seit sechs Jahren als Rektorin vor.

Davor war Karin Malzkorn vier Jahre Konrektorin an der Albert-Schweitzer-Schule.

In ihrer Freizeit arbeitet die Pädagogin in Langenfeld-Richrath als Hockey-Trainerin. In diesem Sport hat sie es als Spielerin von Schwarz-Weiß Neuss einmal in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft gebracht.

Malzkorn: Unsere Schüler sind keine Engel, sie sind aber auch nicht der Rest. Viele empfinden sich aber als Rest, als übrig geblieben.

Woran merken Sie das?

Malzkorn: Wir sehen das, wenn Schüler sich telefonisch beispielsweise um eine Praktikumsstelle bewerben. So etwas wird bei uns geübt. Selbst Jugendliche, die sonst sicher auftreten und sich gut ausdrücken können, verhaspeln sich. Wenn sie raus müssen ins - wir sagen - feindliche Leben, dann werden viele unserer Schüler unsicher.

Das macht den Eintritt in die Arbeitswelt nicht gerade leichter.

Malzkorn: Deshalb setzen wir an der Carl-Fuhlrott-Schule ja auch auf Berufsorientierung.

Wie ist das zu verstehen?

Malzkorn: Wir wollen, dass Schüler ihre Stärken kennen lernen. Wir wollen, dass sie am Ende ihrer Zeit bei uns wissen, was sie wollen und was sie können. Am besten ist es, wenn sie mit einem festen Berufswunsch von der Schule gehen und zu diesem Wunschberuf auch noch eine Alternative haben.

Sehr viele Hauptschüler finden dennoch keine Lehrstelle und landen statt dessen in Kollegschulen in der Warteschleife.

Malzkorn: Das ist richtig. Und das hat auch einen Grund.

Der da wäre?

Malzkorn: Noch vor zehn Jahren war die Regel, dass studiert, wer Abitur macht. Mittlerweile suchen sich immer mehr Abiturienten Lehrstellen in Berufen, die früher Hauptschülern vorbehalten waren.

Zum Beispiel?

Malzkorn: Na, versuchen Sie mal, ohne Abitur an eine Schreinerlehre zu kommen. Früher konnten unsere Schüler sogar noch Banklehren machen. Das ist ganz vorbei.

Hat das nicht auch mit der Qualität von Hauptschülern zu tun?

Malzkorn: Nicht unbedingt. 40Prozent der Jugendlichen verlassen unsere Schule mit einem qualifizierten Abschluss. Der entspricht genau der Mittleren Reife, wie Schüler sie in Realschulen und nach Klasse 10 auf den Gymnasien erreicht haben.

Trotzdem heißt es überall, dass Niveau der Hauptschüler sinke unaufhaltsam.

Malzkorn: Das sagen manche Handwerker von Hauptschülern und Professoren sagen es von Abiturienten.

Sind die Aussagen deshalb falsch?

Malzkorn: Auch bei Abiturienten sinkt das Niveau. Ich glaube, das hängt mit dem Einfluss zusammen, den die neuen Medien auf Jugendliche ausüben. Die sitzen den ganzen Tag vor einem Bildschirm. Das ist nicht hauptschultypisch, das ist schülertypisch. Das sind Dinge, die es früher nicht gab.

Sind Sie eigentlich streng?

Malzkorn: Die Schüler sagen so.

Und was sagen Sie?

Malzkorn: Ich versuche konsequent und gerecht zu sein. Und meine Kollegen versuchen das auch. Wir haben ein paar Grundsätze, die alle beachten müssen.

Zum Beispiel?

Malzkorn: Bei uns kaut im Unterricht niemand Kaugummi. Ohrhörer von MP3-Playern verschwinden in der Tasche. Das Tragen von Baseballkappen ist im Unterricht verboten. Und für das Schulgebäude gilt striktes Handyverbot.

Klingt selbstverständlich.

Malzkorn: Wer heute als Erwachsener in eine Schule geht und erwartet, zu finden, was er von früher kennt, der wird sich wundern.

Also stimmt es, dass Schule auch Erziehungsaufgaben übernehmen muss?

Malzkorn: Das ist richtig. Und da sind wir als Hauptschule gegenüber den anderen durch unser Klientel sicher benachteiligt. Wir suchen die Zusammenarbeit mit den Eltern. Aber das ist schwierig. Da wünscht sich bestimmt jede Hauptschule mehr Intensität.

Macht es auf die Dauer nicht mürbe gegen Urteile, Vorurteile und desinteressierte Eltern anzukämpfen?

Malzkorn: Wer hier unterrichtet, der hat sich das bewusst so ausgesucht. Das gilt auch für mich. Ich finde es immer noch toll die Entwicklung von Schülern im Alter von zehn bis 16 Jahren zu sehen. Und wenn Sie sehen, wie stolz ein Kind, das in der Grundschule viele Misserfolge hatte, in der 5.Klasse nach der 1 im Biotest sein kann, dann ist das wunderschön.

Keine Alternative zur Hauptschule also?

Malzkorn: Nein. Aber die Sicht auf die Hauptschule muss sich verändern. Wir haben hier auch richtig nette, zuverlässige und lernwillige Schüler.

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