600 Stunden dauert der Sprachkurs, der für den Einbürgerungstest fit machen soll. Grammatik und Aussprache machen Probleme.

Nagi Sieam, Lehrerin Silvia Pulzovan de Egger und Jude Nzebuka (v.l.).
Nagi Sieam, Lehrerin Silvia Pulzovan de Egger und Jude Nzebuka (v.l.).

Nagi Sieam, Lehrerin Silvia Pulzovan de Egger und Jude Nzebuka (v.l.).

Dirk Thomé

Nagi Sieam, Lehrerin Silvia Pulzovan de Egger und Jude Nzebuka (v.l.).

Kreis Mettmann. "In Deutschland gibt es viele Statistiken. Die müsst ihr verstehen können. Die Deutschen lieben Statistik." Lehrerin Silvia Pulzovan de Egger schaut verständnisvoll auf ihre ratlose Klasse. Arbeitsblätter mit einem Tortendiagramm zum Thema "Wasserverbrauch im Haushalt" liegen vor ihren Schülern.

In wenigen Worten sollen sie erklären, wieviel Prozent Wasser jeweils Duschen, Kochen und die Toilettenspülung verbrauchen. Eigentlich eine leichte Aufgabe. Doch Pulzovan de Eggers Schüler lernen gerade Deutsch, da dauert es manchmal etwas länger, die richtigen Worte zu finden.

"Die Grammatik ist so ganz anders als in meiner Muttersprache"

Acht Schüler aus acht Nationen haben sich in der Volkshochschule (VHS) in Erkrath für die letzte Vorbereitungsstunde vor den Prüfungen zusammengefunden. Ziel ist es, mit bestandener Prüfung das "Zertifikat Deutsch" zu bekommen.

Einige müssen den Sprachkurs im Rahmen ihres Integrationskurses für die Aufenthaltsgenehmigung machen. Nagi Sieam und Jude Nzebuka brauchen das Zertifikat für den Einbürgerungstest.

"Grammatik und Sprichwörter sind am schwierigsten", sind sich der Iraker Nagi Sieam (46) und der Nigerianer Nzebuka (32) einig. Und das, obwohl beide schon seit über zehn Jahren in Deutschland leben. Sieam arbeitet seit vielen Jahren bei einem Sicherheitsdienst. Nzebuka ist mit einer deutschen Frau verheiratet.

Das international anerkannte Zertifikat vermittelt den Schülern auf Stufe B1 in rund 600 Stunden (in etwa 2 Jahren) die notwendige Sprachbeherrschung, um sich in Deutschland verständigen zu können. Ausländer, die den Einbürgerungstest machen wollen, müssen ausreichende Sprachkenntnisse vorweisen. Können sie dies nicht, können sie das mit dem Deutschkurs B1 nachholen. Ausländer, die neu nach Deutschland kommen und eine Aufenthaltserlaubnis anstreben, müssen am Kurs teilnehmen. Sie müssen jedoch nicht zwingend bestehen, sondern nur ihr Bemühen nachweisen.

Seit September 2008 müssen Ausländer für die deutsche Staatsbürgerschaft den Einbürgerungstest bestehen. Der Katalog besteht aus über 300 Fragen. Eine Auswahl von 33 Fragen zu den Themenbereichen "Leben in der Demokratie", "Geschichte und Verantwortung" sowie "Mensch und Gesellschaft" werden dann im Test gestellt, 17 müssen richtig beantwortet werden.

Das Zertifikat Deutsch kostet pro Unterrichtsstunde einen Euro, insgesamt rund 600 Euro. Diese werden je nach Einkommen des Schülers entweder selber oder vom Staat getragen.

Bis heute kann an den meisten Volkshochschulen im Kreis sowohl das Zertifikat Deutsch als auch der Einbürgerungstest gemacht werden. Weitere Informationen gibt es bei der VHS in der jeweiligen Stadt.

Weiteres Informationen zur Einbürgerung und allen Voraussetzungen, sowie Beispieltests gibt es auf der Homepage des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.

"Die Grammatik ist so ganz anders als in meiner Muttersprache. Wenn ich den Satz im Kopf auf Arabisch bilde und dann einfach übersetze, ist immer irgendetwas falsch", sagt Nagi Sieam lachend.

Doch seinen Mitschülern geht es ganz genauso, weiß Lehrerin Pulzovan de Egger: "Während zum Beispiel Kubaner und Chinesen Schwierigkeiten mit der Aussprache haben, verzweifeln Russen und Türken oft an der Grammatik."

Auf 600 Stunden ist der Sprachkurs B1 angelegt. Dann sollten die Schüler sprachliche Probleme des Alltags flexibel bewältigen können, indem sie zum Beispiel ein Gespräch aufrecht erhalten und in alltäglichen Situationen ausdrücken können, was sie sagen möchten.

Der Erfolg hängt auch von den Vorkenntnissen der Schüler ab. "Einem Akademiker fällt der Kurs in der Regel leichter, als jemandem, der in seinem Heimatland nie eine Schule von innen gesehen hat und nicht schreiben kann", sagt VHS-Leiterin Ursula Moldon.

Auch eine einfache Unterhaltung will geübt sein

Der bestandene Test ist nur Voraussetzung für eine Einbürgerung. Für eine Aufenthaltsgenehmigung müssen die Schüler dem Innenministerium lediglich ihr Bemühen nachweisen. Trotzdem haben bisher 85 Teilnehmer seit 2005 an der VHS Erkrath erfolgreich ihren Integrationstest bestanden. Denn natürlich ist das Zertifikat auch eine Belohnung für die ganze Mühe.

Und darum übt die Lehrerin mit ihren Schützlingen auch extra noch einmal paarweise eine kurze Unterhaltung - denn das wird auf jeden Fall eine Aufgabe in der Prüfung sein: "Wie heißt Du?" fragt die 35-jährige Feng jun Li aus China ihre Prüfungspartnerin.

"Ich heiße Yuvissel Suarez-Despaigne. Und Sie?", antwortet die Kubanerin - und schon muss die Lehrerin einschreiten: "Ihr müsst unbedingt darauf achten, ob ihr euch duzen oder siezen wollt." Du oder Sie, die deutsche Sprache hat nunmal so ihre Tücken.

"Schwierig sind für viele auch die Zahlen, da sie nicht wie in den meisten anderen Sprachen einfach von links nach rechts gelesen werden", so die Lehrerin. Vieles muss einfach auswendig gelernt werden.

Sieam und Nzebuka leiden mehr unter den vielen verschiedenen Artikeln. Neben ihrer Muttersprache, sprechen beide fließend Englisch - was aber keine nennenswerte Hilfe ist.

Doch beide wollen unbedingt bestehen. Denn das Zertifikat ebnet den Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft. "Deutschland ist meine Heimat, meine Frau ist Deutsche. Da will ich einfach richtig dazugehören", so Nzebuka.

Und der deutsche Pass gibt auch ein Stück Sicherheit. "Ich bin ein politischer Flüchtling, mit dem Pass könnte ich für immer bleiben, egal was kommt", sagt auch Nagi Sieam.

Und so werden beide bis zur Prüfung noch weiter fleißig Radio hören und Nachrichten gucken - das schult nicht nur die Aussprache und den Umgang mit Statistiken. "So lerne ich auch das politische System besser kennen. Das ist wichtig für den Orientierungstest", so Nzebuka.

Für beide ist das politische System schwer zu begreifen. "Aber das muss man halt lernen. Dafür sind wir später Bürger eines Rechtsstaates. Davor habe ich tiefen Respekt", so Sieam.

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