Rudi Neuhausen hat die Geschichte des Theaterplatzes über fast zwei Jahrhunderte in seinem privaten Heimatarchiv dokumentiert.

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An der St.-Anton-Straße, Ecke Lohstraße, stand 1910 dieses schlichte Wohnhaus. Alle Repros: Andreas Bischof

An der St.-Anton-Straße, Ecke Lohstraße, stand 1910 dieses schlichte Wohnhaus. Alle Repros: Andreas Bischof

Rudi Neuhausen

An der St.-Anton-Straße, Ecke Ostwall (heute gegenüber von Horten), stand die imposante Färberei Stolte.

Nach dem Krieg (Foto von 1960) diente der Platz lange Zeit als Parkfläche für die wachsende Zahl der Autos.

Bischof, Andreas (abi), Bild 1 von 4

An der St.-Anton-Straße, Ecke Lohstraße, stand 1910 dieses schlichte Wohnhaus. Alle Repros: Andreas Bischof

Krefeld. Die Diskussion über die Gestaltung des Theaterplatzes ist bereits über 100 Jahre alt. Rudi Neuhausen hat das dokumentiert. Der 89-Jährige ist nicht nur ein Urgestein des Krefelder Karnevals und Mitbegründer der Stiftung Heimatarchiv Krefeld, sondern auch Besitzer einer der größten privaten Archive zur Stadtgeschichte der letzten fast 200 Jahre.

„Heimatkunde hat mich von Jugend an interessiert, und ich haben alles abgeheftet, was ich kriegen konnte“, sagt der bescheidene, sympathische Traarer in seinem kleinen Büro.

In 24 Ordnern ist die Entwicklung der Stadt chronologisch festgehalten

Das liegt direkt neben seinem Wohnzimmer, ist gefüllt mit zwei Schreibtischen, einem Faxgerät, einem Schrank und zwei schlichten Holzregalen, in denen fein säuberlich nummeriert allein 24 dicke blaue Ordner zur Stadtgeschichte aufgereiht sind.

Dass diese Sammlung heute so umfangreich ist, hat er der Umsicht seiner Eltern zu verdanken. „Sie hatten unter unserem Haus an der Oberen Lohstraße auf Weisung einen Luftschutzbunker bauen lassen, in den wir auch unser gesamtes, bereits damals schon umfangreiches Archivmaterial schleppten.“

Als das Haus beim großen Bombenangriff 1943 zerstört wurde, war die Familie Neuhausen zwar nicht zu Hause, die Sammlung aber dennoch zum Großteil vor den Flammen gerettet.

 „is ne echt krieewelsche Jong“, Er wurde am Tulpensonntag, 19. Februar 1922, geboren, wuchs auf der Oberen Lohstraße auf, absolvierte nach Volksschule und Realgymnasium eine Lehre als Versicherungskaufmann und war von 1950 bis zu seiner Pensionierung 1982 bei den Maizena-Werken, heute Cerestar, beschäftigt.

Seit 1938 gehört Neuhausen der GKG Uzvögel an und gab auch gleich in diesem Jahr sein Debüt in der Bütt. „Das war noch in der großen Stadthalle an der Hubertusstraße“. Der Träger des Ordens in Gold mit Brillanten des Bundes Deutscher Karneval und Ehrenoffizier der Krefelder Prinzengarde ist heute Ehrenpräsident der Gesellschaft, die er von 1946 bis 1990 führte.

Neuhausen hat die Stiftung Heimatarchiv Krefelder Karneval mitgegründet und bestückt. Außerdem sammelt er von klein auf alles über Krefelds Stadtgeschichte.

„Auch der heutige Theaterplatz hat eine bewegte Geschichte“, erzählt Neuhausen. Im Zuge der Stadterweiterung hatten 1804 die ersten Bürger dort unmittelbar hinter der Stadtmauer und dem „Brandenburger Tor“ (heute etwa St.-Anton-Straße/Ostwall, Ostseite) Baugrundstücke erworben.

Als das Tor dann 1812 abgerissen und die St.-Anton-Straße nach Osten durchgeführt wurde, folgte die zügige Bebauung der Fläche St.-Anton-, Loh-, Carl-Wilhelm-Straße und Ostwall. Im Jahr 1830 standen dort bereits 31 Häuser und die Färberei Stolte. Zwischen 1860 und 1880 war die Bebauung abgeschlossen.

In diesem Block standen nach Neuhausens Erkenntnissen Gebäude der ersten Krankenkasse, die Krefelder Molkerei, die Maschinenfabrik von Schwenzer, die Destillerie Helgers, das Weinhaus Schuster und auch ein Wohnhaus.

Einen detaillierten Überblick über die Besitzverhältnisse von 1900 und 1939 gibt Neuhausen in einem selbst angelegten Kataster. „Das hat schon bei manch schwieriger Recherche geholfen“, erklärt der Sammler zufrieden.

„Es war ein steiniger Weg vom Athenäum bis zum Seidenweberhaus – und er ist noch nicht zu Ende.“

Rudi Neuhausen

Der Ostwall hatte sich in der Zwischenzeit zu einer Prachtstraße entwickelt. 1910/11 entstand auf der Südseite der St.-Anton-Straße am Ostwall der legendäre „Krefelder Hof“. Gleichzeitig erwachte bei den Stadtvätern der Wunsch nach einem neuen Standort für das Theater. Kurzerhand kauften sie alle Häuser auf der Fläche zwischen St.-Anton-, Loh- und Carl-Wilhelm-Straße sowie Ostwall auf und rissen alle Gebäude ab.

Doch der preisgekrönte Entwurf mit dem Namen Athenäum des Geheimen Hofrats Prof. Dr. Martin Dülfer aus Dresden wurde auf dem freigeräumten Platz nie realisiert. Neuhausen: „Das lag vermutlich am Ausbruch des Ersten Weltkriegs.“

Dafür ließ der in den USA zu Geld gekommene Krefelder G. A. Stübben nach den Plänen von Prof. August Biebricher auf der jahrelang brachliegenden Fläche 1923 ein prunkvolles Restaurant mit Terrasse, Musikpavillon und einer Ladenstraße bauen. Das so entstandene Konzertcafé erhielt den Namen Parkhof. Von da an sprachen die Krefelder nur noch vom Parkhofplatz.

Der einladende Parkhofplatz wurde in Platz der SA umgetauft

So beliebt wie der Treff bei den Bürgern war, die Stadt verlängerte den Pachtvertrag im Jahr 1934 nicht. Stübben ließ die Gebäude kurzerhand abreißen, während der erstarkende Nationalsozialmus seine düsteren Schatten vorauswarf. Neuhausen: „Die Fläche wurde zum Platz der SA umgetauft.“ Von da an fanden dort Aufmärsche und Militärkonzerte statt.

Mit dem Angriff auf Polen durch Deutschland und die Sowjetunion begann im September 1939 der Zweite Weltkrieg. Und wieder wurde auf dem Platz geübt – nur diesmal für den Einsatz an der Front. Nach dem schweren Bombenangriff 1943 wurden die Post, die Markthalle und weitere Geschäfte an der Südseite des Platzes in einem behelfsmäßigen Holzgebäude untergebracht.

Nach Kriegsende hieß der Platz wieder schlicht Parkhofplatz. „Es waren die Engländer, die erneut den Anstoß zu einem Theaterbau gaben“, erzählt der 89-Jährige mit Blick in seine Unterlagen.

Was als bescheidenes „Garnisonstheater“ begann, entwickelte sich später unter der Ägide der Stadt zum heutigen Stadttheater. Entsprechend wurde der Platz in Theaterplatz umgetauft. Der restliche Teil wurde als Ausstellungs- und Parkfläche für die stark wachsende Zahl der Autos genutzt.

Während der Krefelder Hof 1968 dem neuen Horten-Kaufhaus weichen musste, nutzte die Stadt die planerische Gelegenheit und schrieb den Theater-Wettbewerb aus. Es sollte ein zentraler Bezirk geschaffen werden, der die erweiterten Einrichtungen von Verwaltung und Kultur aufnimmt und zur Aktivierung der Innenstadt beiträgt.

Nicht nur während der Tagesstunden sollte sich dort „großstädtisches Leben“ abspielen. Dieses Anliegen von 1970 ähnelt den politischen Bestrebungen des Jahres 2011.

1972 wurde mit dem Bau des Seidenweberhauses begonnen

An der Stelle, wo 1913 das Athenäum geplant war, wurde 1972 mit dem Bau des Seidenweberhauses begonnen. 1976 wurde es gemeinsam mit dem neu gestalten Platz feierlich eröffnet.

Seit zehn Jahren mehren sich nun die Stimmen, die eine Neugestaltung des Platzes und den Abriss beziehungsweise die Überbauung des sechsseitigen Bürgerhauses fordern.

Auch die sich dort täglich treffende Gruppe Drogenabhängiger ist für viele ein Dorn im Auge. Derzeit prüft die Verwaltung, ob durch eine mobile Toilettenanlage und räumliche Abtrennung vom übrigen Platz das Sicherheits- und Sauberkeitsgefühl der Bürger wiederhergestellt werden kann.

Neuhausen sieht es nüchtern: „Es war ein steiniger Weg vom Athenäum bis zum Seidenweberhaus – und er ist noch nicht zu Ende.“

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