Der Gedenkstein für Margarethe Papendell rührt ihren Bruder am anderen Ende der Welt.

Inrath
Jakob Papendell ist der Bruder der 1943 verstorbenen Margarethe. Der 74-Jährige lebt seit 50 Jahren in Australien. Jetzt will er zurück nach Krefeld kommen, um sich den Stolperstein anzusehen.

Jakob Papendell ist der Bruder der 1943 verstorbenen Margarethe. Der 74-Jährige lebt seit 50 Jahren in Australien. Jetzt will er zurück nach Krefeld kommen, um sich den Stolperstein anzusehen.

Vermerk zum Tode Margarethes: Kollabierte heute plötzlich und erholte sich nicht mehr aus dem Kollaps. Gegen vier Uhr Exitus letalis. Klinische Diagnose: Angeborener Schwachsinn. Todesursache Herz- und Kreislaufschwäche.

Die Familie Papendell 1940: (hinten, v.l.): Günther (geboren 1933), Mutter Elisabeth, Vater Jakob, Hans (1931) und Hermann (1932); unten stehen Jakob (1937), Ruth (1938) und Heinz (1939). Von Margarethe konnte kein Foto gefunden werden. Repro: Andreas Bischof

Eine Dokumentation mit dem Titel „Das Kind ist nicht abrichtfähig“ beschäftigt sich mit der Geschichte. In der Krankenakte heißt es, sie leide unter Schwachsinn erheblichen Grades. Sie gilt als Erbkrank, weil ihr Vater angeblich ein Trinker war. Abbildungen (2): SH-Verlag/LVR

privat, Bild 1 von 4

Jakob Papendell ist der Bruder der 1943 verstorbenen Margarethe. Der 74-Jährige lebt seit 50 Jahren in Australien. Jetzt will er zurück nach Krefeld kommen, um sich den Stolperstein anzusehen.

Krefeld. „Ich musste vor Rührung weinen, als ich davon gehört habe.“ Jakob Papendell (74) spricht vom „Stolperstein“, der auf der Inrather Straße (WZ berichtete) in Gedenken an seine 1943 als Zweijährige verstorbene Schwester Margarethe gelegt wurde. Jakob ist eines der letzten noch lebenden sieben Kindern des Ehepaares Jakob und Elisabeth Papendell. Er lebt seit fünfzig Jahren in Australien.

Die WZ sprach mit ihm telefonisch in seinem Wohnort Miranda, einem Vorort von Sydney. „Margarethe war ein hübsches und aufgewecktes Kind“, erzählt der gelernte Dreher, der es auf dem fünften Kontinent zum Maschinenbauer im Ingenieursrang eines großen Betriebes gebracht hat.

„Ich musste vor Rührung weinen, als ich davon gehört habe.“
Jakob Papemdell

Inrath
Jakob Papendell ist der Bruder der 1943 verstorbenen Margarethe. Der 74-Jährige lebt seit 50 Jahren in Australien. Jetzt will er zurück nach Krefeld kommen, um sich den Stolperstein anzusehen.

Jakob Papendell ist der Bruder der 1943 verstorbenen Margarethe. Der 74-Jährige lebt seit 50 Jahren in Australien. Jetzt will er zurück nach Krefeld kommen, um sich den Stolperstein anzusehen.

Vermerk zum Tode Margarethes: Kollabierte heute plötzlich und erholte sich nicht mehr aus dem Kollaps. Gegen vier Uhr Exitus letalis. Klinische Diagnose: Angeborener Schwachsinn. Todesursache Herz- und Kreislaufschwäche.

Die Familie Papendell 1940: (hinten, v.l.): Günther (geboren 1933), Mutter Elisabeth, Vater Jakob, Hans (1931) und Hermann (1932); unten stehen Jakob (1937), Ruth (1938) und Heinz (1939). Von Margarethe konnte kein Foto gefunden werden. Repro: Andreas Bischof

Eine Dokumentation mit dem Titel „Das Kind ist nicht abrichtfähig“ beschäftigt sich mit der Geschichte. In der Krankenakte heißt es, sie leide unter Schwachsinn erheblichen Grades. Sie gilt als Erbkrank, weil ihr Vater angeblich ein Trinker war. Abbildungen (2): SH-Verlag/LVR

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Vermerk zum Tode Margarethes: Kollabierte heute plötzlich und erholte sich nicht mehr aus dem Kollaps. Gegen vier Uhr Exitus letalis. Klinische Diagnose: Angeborener Schwachsinn. Todesursache Herz- und Kreislaufschwäche.

Er kennt auch die Geschichte ihrer Behinderung: „Ein dienstverpflichtetes Kindermädchen ist im Badezimmer ausgerutscht und hat die Kleine fallen lassen. Dabei ist sie mit dem Kopf auf den Wannenrand gestoßen. Seither war sie geistig behindert.“ Wegen dieser Behinderung steckten sie die Nazis 1943 in die Heil- und Pflegeanstalt in Bonn. Sie war zu diesem Zeitpunkt gut ernährt und gepflegt. Später wurde sie in die Kinderfachabteilung Waldniel verlegt. Jakob Papendell hat das Mädchen als Fünfjähriger mit seiner Mutter besucht. „Ich habe sie als fröhliches und lebhaftes Kind in Erinnerung. Sie konnte bloß ihren Kopf nicht gerade halten.“

Margarethe starb 1943, kurz nach ihrem zweiten Geburtstag

Am 30. Juni 1943, kurz nach ihrem zweiten Geburtstag, starb sie offiziell an einer „akuten Herz-Kreislaufschwäche“. So jedenfalls steht es in der erhaltenen Krankenakte. Ihre Eltern, der Vater war ein angesehener Heizungsbauer, wurden erst im folgenden September von ihrem Tod benachrichtigt. Historiker gehen davon aus, dass sie keines „normalen“ Todes gestorben ist. „Das Kind ist nicht abrichtfähig“ ist der Titel einer Dokumentation über die Nazi-Gräuel von Waldniel in den Jahren 1941 bis 1943.

Inrath
Jakob Papendell ist der Bruder der 1943 verstorbenen Margarethe. Der 74-Jährige lebt seit 50 Jahren in Australien. Jetzt will er zurück nach Krefeld kommen, um sich den Stolperstein anzusehen.

Jakob Papendell ist der Bruder der 1943 verstorbenen Margarethe. Der 74-Jährige lebt seit 50 Jahren in Australien. Jetzt will er zurück nach Krefeld kommen, um sich den Stolperstein anzusehen.

Vermerk zum Tode Margarethes: Kollabierte heute plötzlich und erholte sich nicht mehr aus dem Kollaps. Gegen vier Uhr Exitus letalis. Klinische Diagnose: Angeborener Schwachsinn. Todesursache Herz- und Kreislaufschwäche.

Die Familie Papendell 1940: (hinten, v.l.): Günther (geboren 1933), Mutter Elisabeth, Vater Jakob, Hans (1931) und Hermann (1932); unten stehen Jakob (1937), Ruth (1938) und Heinz (1939). Von Margarethe konnte kein Foto gefunden werden. Repro: Andreas Bischof

Eine Dokumentation mit dem Titel „Das Kind ist nicht abrichtfähig“ beschäftigt sich mit der Geschichte. In der Krankenakte heißt es, sie leide unter Schwachsinn erheblichen Grades. Sie gilt als Erbkrank, weil ihr Vater angeblich ein Trinker war. Abbildungen (2): SH-Verlag/LVR

Bischof, Andreas (abi), Bild 1 von 4

Die Familie Papendell 1940: (hinten, v.l.): Günther (geboren 1933), Mutter Elisabeth, Vater Jakob, Hans (1931) und Hermann (1932); unten stehen Jakob (1937), Ruth (1938) und Heinz (1939). Von Margarethe konnte kein Foto gefunden werden. Repro: Andreas Bischof

Das einstige Wohnhaus an der Inrather Straße 145 steht nicht mehr. Dort wohnte die kleine Margarethe. Sie kam am 9. Juni 1941 zur Welt. An ihr Leben erinnert nun der Gedenkstein aus Messing, den die Lebenshilfe Krefeld gespendet hat. Das Haus wurde in der bei dem Großangriff auf Krefeld in der Nacht vom 21. zum 22. Juni 1943 von Bomben zerstört, wie sich Jakob Papendell erinnern kann. Die Familie musste vor den Trümmern und dem Feuer durch mehrere benachbarte Keller flüchten. Fast alle Häuser der Inrather Straße rund um die Annakirche wurden damals zerstört. Heute verläuft dort der Girmesdyk. Mehr als tausend Menschen starben in jener Bombennacht.

Nazis behaupteten, dass Mutter Elisabeth Analphabetin war

Bombennacht In der Nacht vom 21. zum 22. Juni 1943 starben 1036 Menschen. Mit schweren Verletzungen kamen 9349 Menschen davon. Verschüttet wurden 1045 Bürger, nur 156 konnten unverletzt geborgen werden. Bei dem Angriff der über 600 alliierten Flugzeuge wurden 2057 Tonnen an Spreng- und Brandbomben abgeworfen. Vor dem Angriff lebten einschließlich 8683 Ausländern (Zwangsarbeiter) und Kriegsgefangenen 183 683 Menschen in der Stadt. Einen Monat danach 140 000.
 

Erika Papendell (Jahrgang 1940) ist eine Schwägerin, die heute in Augsburg lebt. Sie war verheiratet mit dem Opernsänger Günther Papendell, einem der Brüder Margarethes. Die in Linn Geborene zog wegen dessen Beruf vor vielen Jahren nach Augsburg. Energisch tritt sie perfiden Aktenvermerken der Nazis entgegen, Margarethes Mutter Elisabeth hätte nicht lesen und schreiben können: „Sie konnte sehr wohl lesen und schreiben. Sie war eine ausgezeichnete Skatspielerin.“ Ihr Schwager Jakob aus Australien ergänzt: „Unsere Mutter hat uns Kindern abends vor dem Schlafen gehen immer Geschichten aus Märchenbüchern vorgelesen. Sie war eine gebildete Frau.“

Inrath
Jakob Papendell ist der Bruder der 1943 verstorbenen Margarethe. Der 74-Jährige lebt seit 50 Jahren in Australien. Jetzt will er zurück nach Krefeld kommen, um sich den Stolperstein anzusehen.

Jakob Papendell ist der Bruder der 1943 verstorbenen Margarethe. Der 74-Jährige lebt seit 50 Jahren in Australien. Jetzt will er zurück nach Krefeld kommen, um sich den Stolperstein anzusehen.

Vermerk zum Tode Margarethes: Kollabierte heute plötzlich und erholte sich nicht mehr aus dem Kollaps. Gegen vier Uhr Exitus letalis. Klinische Diagnose: Angeborener Schwachsinn. Todesursache Herz- und Kreislaufschwäche.

Die Familie Papendell 1940: (hinten, v.l.): Günther (geboren 1933), Mutter Elisabeth, Vater Jakob, Hans (1931) und Hermann (1932); unten stehen Jakob (1937), Ruth (1938) und Heinz (1939). Von Margarethe konnte kein Foto gefunden werden. Repro: Andreas Bischof

Eine Dokumentation mit dem Titel „Das Kind ist nicht abrichtfähig“ beschäftigt sich mit der Geschichte. In der Krankenakte heißt es, sie leide unter Schwachsinn erheblichen Grades. Sie gilt als Erbkrank, weil ihr Vater angeblich ein Trinker war. Abbildungen (2): SH-Verlag/LVR

Bischof, Andreas (abi), Bild 1 von 4

Eine Dokumentation mit dem Titel „Das Kind ist nicht abrichtfähig“ beschäftigt sich mit der Geschichte. In der Krankenakte heißt es, sie leide unter Schwachsinn erheblichen Grades. Sie gilt als Erbkrank, weil ihr Vater angeblich ein Trinker war. Abbildungen (2): SH-Verlag/LVR

Erikas Sohn Günter Papendell, trat in die Fußstapfen seines Vaters. Er ist heute ein bekannter Opern-Bariton, der auf großen Bühnen Europas gefeiert wird. Mutter und Sohn finden die Aktion Stolpersteine im Fall Margarethes „sehr rührend“, weil hier auch an ein unschuldiges junges Leben erinnert wird, das nur seiner Behinderung wegen sein Leben lassen musste.

Zwei Neffen Margarethes leben noch in Krefeld

Gerade dieser Gedanke sei es gewesen, erklärt Ilja Wöllert, pädagogischer Leiter der Lebenshilfe in Krefeld, weshalb seine Organisation die Aktion des Künstlers Gunter Demnig unterstützt hatte. „Wir wollten an Margarethes Beispiel verdeutlichen, dass dem Nazi-Terror auch zahlreiche Menschen mit Behinderungen zum Opfer gefallen sind.“

Nach Auskunft von Erika Papendell leben zwei weitere Neffen von Margarethe in Krefeld. Hermann Papendell auf der Traarer Straße und Hans Papendell. Neben Jakob lebt nur noch seine zehn Jahre jüngere Schwester Rosemarie in Augsburg. Schwägerin Erika will als kleines Dankeschön für den Stolperstein eine Spende an die Krefelder Lebenshilfe überweisen. Jakob in Australien überlegt jetzt, ob er noch einmal seine alte Heimat in Europa besucht. „Dann werde ich mir natürlich auch den Gedenkstein ansehen und Blumen mitbringen.“

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