Fluchthelfer Karl-Heinz Richter berichtete im Gymnasium am Stadtpark.

Karl-Heinz Richter organisierte die Flucht aus der DDR.
Karl-Heinz Richter organisierte die Flucht aus der DDR.

Karl-Heinz Richter organisierte die Flucht aus der DDR.

Privat

Karl-Heinz Richter organisierte die Flucht aus der DDR.

Krefeld. Er verhalf 17 Schulkameraden zur Flucht nach Westdeutschland und war als Staatsfeind der DDR im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen inhaftiert: Karl-Heinz Richter gab im Gymnasium am Stadtpark Schülern, Eltern und Lehrern Einblicke in seine dramatische Lebensgeschichte.

Richter wohnte mit seinen Eltern nahe der Grenze in Ost-Berlin. Viele Leute aus seinem Umfeld verschwanden damals. Niemand sprach darüber. Außer Großmutter Paula. Sie hatte die Diktatur der Nazis als Kommunistin überlebt. „Paula erklärte mir, dass das, was in der DDR passierte, nicht der Sozialismus war, für den sie gekämpft hatte.“

Schulkameraden sprangen auf den Moskau-Paris-Express auf

Richter und einige Schulfreunde passten sich nicht an, sie rebellierten gegen das sozialistische System und wurden vom Gymnasium geschmissen. „Wir hatten kein Abitur und standen im Fokus der Stasi.“ Für Richter und seine Freunde gab es nur einen Ausweg: raus aus der DDR.

Der damals 17-Jährige organisierte die Flucht von 17 Schulkameraden. Sie sprangen auf den Moskau-Paris-Express auf. Die Stasi kam Richter auf die Schliche. „Als ich flüchten wollte, haben die Grenzsoldaten auf mich gewartet.“ Er konnte sich nur durch einen Sprung aus sieben Metern vor den Kugeln retten. Dabei brach er sich beide Beine, einen Arm und mehrere Rippen. Trotzdem schaffte er es nach Hause. Eine Woche später wurde er verhaftet.

Als die Welt vom Fall Richter erfuhr, wurde er freigelassen

Erich Mielke, Chef der Stasi, verfügte, dass Richter trotz der Verletzungen keine medizinische Behandlung bekam. In 20 Stunden andauernden Vernehmungen wurde Richter seiner Schilderung nach psychisch und physisch gefoltert. „Man sagte mir: Du kommst hier nicht mehr raus. Deine Kugel steckt schon im Lauf.“ Richter legte aber kein Geständnis ab. „Ich dachte, so lange ich nicht gestehe, können die mich nicht erschießen.“

Karl-Heinz Richter wurde 1946 in Schwarzheide im Kreis Calau geboren. 1963 machte er die mittlere Reife und begann seine Ausbildung als Büromaschinenmechaniker. Im Januar 1964 scheiterte sein Fluchtversuch aus der DDR und er wurde inhaftiert. Nach seiner Entlassung beendete er seine Berufsausbildung. 1975 reiste er mit Frau und Tochter nach Westberlin aus. 1979 erhielt er wegen Fluchthilfe Transitverbot durch die DDR. Heute lebt Karl-Heinz Richter mit seiner Frau in Berlin.

Karl-Heinz Richter hat zwei Bücher geschrieben, die die Flucht aus der DDR und die Verfolgung durch die Stasi schildern. „Mit dem Moskau-Paris in die Freiheit“ und „Mit dem Moskau-Paris Express nach Afrika“.

Richter ist heute noch seinen Schulkameraden dankbar. Durch sie erfuhr die Welt, dass einem 17-jährigen Jungen die Exekution drohte. Daraufhin wurde Richter nach sechs Monaten Haft entlassen. „Die wollten zeigen, dass die Presse lügt.“

Richter war frei. Verbrachte 18 Monate im Krankenhaus. In seinem Umfeld wurde er danach gemieden. Seinen Vater hat dies zerrissen. Er starb in den Armen seines Sohnes. Richter stieg auf das Dach des Hauses und schrie: „Ihr Kommunisten-Schweine habt meinen Vater ermordet.“

Die Stasi holte ihn herunter. Es folgten zweieinhalb Jahre Isolationshaft. Auch das überstand Richter. Er heiratete und bekam eine Tochter. 1975 wurde er in den Westen abgeschoben. Vorher allerdings wurde seine Frau verhaftet. In den sechs Monaten wurde sie laut Richter mehrmals vergewaltigt, die Tochter zwangsadoptiert. Aus Rache verhalf Richter 21 Akademikern zur Flucht. Daraufhin versuchte die Stasi, ihn aus West-Berlin zu holen. Richter floh mit Familie nach Westafrika und Saudi-Arabien. Als die Mauer fiel, kehrte er nach Deutschland zurück.

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