In einem Videoportal im Internet ist seit einigen Wochen ein WDR-Film über Krefeld aus dem Jahr 1963 zu sehen.

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Darauf einen Dujardin: Am Ende des Films steht der Reporter auf dem Dach der Brennerei und kostet ordentliche Mengen des edlen Getränks. Repros: D. Jochmann

Darauf einen Dujardin: Am Ende des Films steht der Reporter auf dem Dach der Brennerei und kostet ordentliche Mengen des edlen Getränks. Repros: D. Jochmann

Klassischer Straßenmusiker der Nachkriegsjahre: der Leierkastenmann.

Der Blick von der Rheinstraße auf die Dionysiuskirche – mitsamt Spitze.

Plausch am Straßenrand: Auch solche Szenen fängt der Film ein.

Gefühl von Gegenwart: Gespräch mit Museumschef Paul Wember in Haus Lange.

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Darauf einen Dujardin: Am Ende des Films steht der Reporter auf dem Dach der Brennerei und kostet ordentliche Mengen des edlen Getränks. Repros: D. Jochmann

Krefeld. Der Textilhändler aus Krefeld hat seinen strengsten Blick aufgesetzt. Angeekelt mustert er die Lederkrawatte am Hals des Reporters. Der WDR-Mann beteuert schnell: „Die hat meine Mutter mir geschenkt.“ Doch es ist zu spät. Das Urteil des Experten aus der Seidenstadt rauscht auf ihn nieder: „Der Krawattenmuffel, das ist ein Mann, der zu wenig Obacht auf sich selbst gibt.“

Diese wunderbare Szene, seinerzeit offenbar als humoristische Einlage gedacht, findet sich in einer TV-Reportage über Krefeld aus dem Jahr 1963. Seit einigen Wochen ist sie im Internet-Videoportal Youtube zu sehen und ermöglicht eine halbstündige Zeitreise in Schwarz-Weiß.

„Krefeld ist die Stadt des guten Geschmacks.“

WDR-Reporter

Für Krefeld müssen es bessere Tage gewesen sein, wenn man dem beflissenen Reporter glaubt. Die Historie der niederrheinischen Metropole sei „schön wie die Stadt selber“, versichert er, während im Hintergrund die Geigen jubilieren. Die Stadt sei „besonders sauber, hell, luftig und weiträumig“ und habe „ein gefälliges, lachendes Aussehen“. Krefeld sei alles in allem „die Stadt des guten Geschmacks“.

Mit Bildern vom prallen Leben rund um die Wälle werden diese Thesen vom „weltstädtischen“ Flair untermauert. Nach einem kurzen Ausflug in die Geschichte beginnt der Stadtrundgang mit Bildern von Dionysiuskirche, Stadthaus, Burg Linn, Zoo und weiteren Attraktionen.

Messerscharf beobachtet der Reporter, dass die Krefelder Jugend „sich durch Schönheit und Charme“ auszeichnet. Das Urteil überprüft er, indem er – natürlich versehentlich – in einen Malkurs zum Thema Aktzeichnen stolpert. Humor war im Fernsehen schon damals Glückssache.

Der genaue Ursprung des Films ist bislang nicht zu klären. Einiges spricht dafür, dass es sich um ein WDR-Städteporträt handelt, womöglich für ein regionales Fenster der ARD. Denn das WDR-Fernsehen ging erst 1965 auf Sendung. Wer Angaben zum Film machen kann, melde sich unter Telefon 02151/855 28 30 oder
redaktion.krefeld@westdeutsche-zeitung.de
 

Der Film ist in drei Teilen eingestellt. Er findet sich mit den Suchworten „Reportage Krefeld“: www.youtube.de
 

Besonders intensiv befasst sich der Reporter mit der Textilfachschule, trifft einen Modeschöpfer und lässt sich eine Stilberatung geben. Parallelen zum Hier und Jetzt ergeben sich in der Kultur. Das Kaiser-Wilhelm-Museum sei wegen einer Sanierung „leider seit Jahren geschlossen“, erklärt der Reporter und trifft sich im Haus Lange mit Museumsdirektor Paul Wember. Sogleich beschleicht ihn „spontan das Gefühl, sich in der Gegenwart zu befinden“.

Auch das Theater kommt ins Bild. Es sei „fast immer ausverkauft“, erklärt der Reporter und wundert sich über das damals seltsame Konstrukt der „Theater-Ehe“ mit Mönchengladbach. In Sachen Sport besucht der Mann vom WDR die damals neu gebaute Rittbergerhalle – um fröhlich festzustellen: „Die Eiskunst fängt in Krefeld an.“ Der Film endet auf dem Dach von Dujardin in Uerdingen, wo der Reporter eine nicht unbeträchtliche Menge des edlen Weinbrands verkostet.

Wer den Film digital bearbeitet und bei Youtube eingestellt hat, ist nicht bekannt. Der User hat sich den Namen „Praktikant88“ gegeben, eine Anfrage dieser Zeitung per Mail an ihn blieb unbeantwortet.

Doch der ehemalige Stadtarchivar Paul-Günter Schulte weiß sogleich, um welchen Film es sich handelt. „Das ist ein Städteporträt aus den Anfangstagen des WDR.“ Etwa alle zehn Jahre habe der Sender Krefeld besucht, um die Stadt vorzustellen.

„Sozialkritik wird man in diesen Filmen nicht finden, dafür viele Kirchtürme.“

Paul-Günter Schulte, Archivar

Allerdings geriet das „Städtelob“, wie Schulte etwas spöttisch anmerkt, selten so überschwänglich wie in jenen Anfangstagen. „Die Städte und das noch junge Medium Fernsehen waren aufeinander angewiesen, das war ein Geben und Nehmen“, erklärt der Archivar. „Sozialkritik werden Sie in diesen Filmen nicht finden, dafür jede Menge Kirchtürme.“

Allerdings haben wohl auch die Krefelder selbst seinerzeit mit mehr Milde auf ihre Stadt geschaut – was unter anderem am allgemeinen Wohlstand lag. „Das Bewusstsein war positiver als heute“, sagt Schulte. „Obwohl vieles damals genauso großer Mist war.“ Der Reporter sieht gütig darüber hinweg – und trinkt auf Krefeld einen Dujardin.

 

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