Der engagierte Konzertveranstalter und Plattenhändler verlässt Krefeld: „Ich laufe hier gegen verschlossene Türen.“

Klare Abschiedsworte: Michael Stahl wandert nach Essen aus.
Klare Abschiedsworte: Michael Stahl wandert nach Essen aus.

Klare Abschiedsworte: Michael Stahl wandert nach Essen aus.

Philip Lethen

Klare Abschiedsworte: Michael Stahl wandert nach Essen aus.

Herr Stahl, mitsamt Ihrem Plattenladen verlassen Sie Krefeld in Richtung Essen. Warum?

Michael Stahl: Zum einen, weil es an der Zeit ist, etwas Neues zu versuchen. Zum anderen, weil Krefeld nicht das beste Pflaster ist für einen Laden wie meinen.

Woran liegt das?

Stahl: Die Stadt ist zu klein. Für eine Nische, wie das Unrock sie bedient, gibt es hier nicht genug Publikum. Zu viele junge, interessierte Menschen verlassen die Stadt, wenn die Schule fertig ist.

„Viele junge Krefelder Bands hören sich an wie die Kapellen ihrer Väter.“

Wie sieht es mit dem kulturellen Klima in Krefeld aus?

Der Plattenladen an der Stephanstraße bietet Independent-Musik und rare Importe. Er schließt am 23. Dezember. Einen Ausverkauf wird es nicht geben, der Bestand wandert nach Essen.
 

Unter dem Titel Unrock Series veranstaltet Michael Stahl Konzerte im Laden, in der Kulturrampe und im Südbahnhof.

Stahl: Man merkt der Stadt an, dass hier nicht nachhaltig in Kultur und kulturelle Strukturen investiert wird. Ich laufe in der Regel gegen verschlossene Türen. Die Unrock Series wurde früh bis nach Berlin oder Belgien wahrgenommen, aber es hat lange gedauert, bis die Inhalte in Krefeld angekommen sind. Ich möchte hier keine verbrannte Erde hinterlassen, in Krefeld ist nicht alles schlecht. Aber andernorts erhoffe ich mir klarere Strukturen.

Was meinen Sie konkret?

Stahl: Die Bezieher von Fördermitteln pochen auf Gewohnheitsrechte und dürfen sich damit sicher fühlen. Das verhindert, dass sich eine bewegte Szene etabliert. Die Nachwuchsförderung im Musikbereich ist stereotyp, viele Bands hören sich an wie die Kapellen ihrer Väter. Desillusionierend und inspirationslos.

„Die CD braucht niemand mehr. Sie wird bald überflüssig sein.“

Das klingt bitter.

Stahl: Nein, ich gehe ohne Bitterkeit. Ich bedanke mich bei allen, die mich hier unterstützt haben und freue mich jetzt auf die neue Stadt und neue Menschen.

Warum gerade Essen?

Stahl: Ich habe mich längere Zeit in Köln und Essen umgeschaut. In Köln gibt es allerdings schon einen ähnlichen Laden wie das Unrock. Essen hingegen ist, wie das gesamte Ruhrgebiet, kulturelle Boomtown. Dort gibt es viel Kultur, aber bisher wenig Subkultur. Die Bevölkerungsstruktur ist anders, schon durch die Uni.

Das heißt, der Umsatz des Ladens soll nach Möglichkeit steigen.

Stahl: Das wäre schön. Der Verkauf von Tonträgern ist allerdings in diesen Zeiten keine Boombranche. Der CD-Absatz im Unrock tendiert inzwischen gegen Null, bei Vinyl sieht es viel besser aus. Die CD braucht letztlich niemand mehr, sie wird bald überflüssig sein.

Gibt es den neuen Laden schon?

Stahl: Ich schwanke noch. Ich möchte mich nahe am Universitäts-Neubau ansiedeln. Das Einkaufszentrum Limbecker Platz wäre dann auch in der Nähe.

Und Krefeld?

Stahl: Ich bleibe vorerst hier wohnen und ziehe nach Essen, wenn es den Laden dort gibt. Die Unrock Series im Südbahnhof soll allerdings weiterlaufen. Die Zuschauerzahlen gehen steil nach oben – das hat man in Krefeld selten bei so einer Art von Musik.

Das nächste Konzert der Unrock Series findet am 9. Dezember, 21 Uhr, im Südbahnhof statt. Zu Gast ist die New Yorker Songwriterin Carla Bozulich.

Leserkommentare (8)


() Registrierte Nutzer