Der Buchautor Christoph Biermann spricht in der Kufa über detaillierte Spielanalysen.

Im ziemlich kalten Saal in der Kulturfabrik behielt Christoph Biermann lieber seine Jacke an.
Im ziemlich kalten Saal in der Kulturfabrik behielt Christoph Biermann lieber seine Jacke an.

Im ziemlich kalten Saal in der Kulturfabrik behielt Christoph Biermann lieber seine Jacke an.

Dirk Jochmann

Im ziemlich kalten Saal in der Kulturfabrik behielt Christoph Biermann lieber seine Jacke an.

Krefeld. Wie spannend und interessant stupide Zahlenkolonnen und Grafiken doch sein können - man muss sie nur analysieren und ansprechend präsentieren. Christoph Biermann ist ein Mensch, der dies kann und bei seiner Lesung aus dem Buch "Die Fußball-Matrix" in der Kulturfabrik beweist. Immer wieder unterbricht der Journalist das Vorlesen aus seinem Buch und zeigt an der Wand Computersimulationen, die professionelle Analysten von einem Fußballspiel entwickelt haben.

Ein solcher Analyst ist Christofer Clemens, mit dem Biermann sich für sein Buch intensiv unterhalten hat. Grundlage dieser Simulationen sind bis zu 5000 Einzeldaten, die von wahren Fußballrobotern im Stadion erhoben werden. Bis zu zehn Minikameras hängen dafür unter dem Stadiondach, halten jeden Pass, jede Bewegung und jede Torchance fest. Laut Biermann gehört Clemens zu den "Pathologen des Fußballs", der jeden Fehler seziert.

Heraus kommen dabei spannende Details. Zum Beispiel, dass ein Starspieler wie Lionel Messi (FC Barcelona) in einem Länderspiel 2:12 Minuten den Ball am Fuß hatte - ein durchschnittlicher Bundesligaprofi kommt auf 40 bis 50 Sekunden. "Krass", lautet ein Zuruf aus dem Publikum. Viele Bundesligavereine und der DFB nutzen diese Analysen. Der Vorteil ist, sagt Biermann, ein ganz simpler. "Vor 20 Jahren wurde der Mannschaft ein Spiel in voller Länge noch einmal vorgeführt. Nicht wenige Spieler sind dabei eingeschlafen." Das passiert heute nicht mehr.

Auch wenn das Thema Spielanalyse der Höhepunkt des leider nur spärlich besuchten Abends ist, sind die anderen Themen, die Biermann anreißt, nicht weniger interessant. Sein Gespräch mit Trainer Felix Magath über den Zusammenhang von Fußball und Schach endet mit der Feststellung, dass beide Spiele große Ähnlichkeiten haben beim taktischen Verhalten, letztlich jedoch Fußball weitaus weniger beherrschbar ist als Schach.

Nichts mit Mafia zu tun, sagt der Autor, hatte sein Besuch bei einem großen Wettbüro in London. Dort wird anhand der Qualität von Chancen, also ob es sich um eine "große" oder "kleine" Tormöglichkeit handelt, eine Mannschaft bewertet, auch für die folgenden Spiele. Mit dem System hat ein ehemaliger Börsenmitarbeiter 25 Millionen Euro Gewinn gemacht. Zwar spiele beim Fußball der Faktor Glück eine Rolle, mittel- und langfristig aber eben meistens nicht.

Biermann bezeichnet Ailtons Karriere als "absolute Katastrophe"

Christoph Biermann, geboren 1960, ist im Ruhrgebiet aufgewachsen und lebt in Köln. Er ist Korrespondent für Spiegel und Spiegel Online, außerdem Autor erfolgreicher Fußball-Bücher.

In seinem aktuellen Werk "Die Fußball-Matrix" begibt er sich mit Hilfe von Statistik und Wissenschaft auf die Suche nach dem perfekten Spiel.

Für Heiterkeit sorgt Biermann mit einigen Anekdoten aus dem Fußballgeschäft. "Das, was jetzt kommt, ist sehr traurig für alle Fans von Borussia Mönchengladbach." So leitet der Journalist seine Gedanken an ein Gespräch mit Ex-Trainer Hans Meyer ein: Auf Empfehlung von Bayerns Amateurtrainer Hermann Gerland habe sich Meyer einst einen talentierten 19-jährigen Außenverteidiger angeschaut. Die Bayern wollten ihn bei einem anderen Verein reifen lassen. Dreimal hätten die Borussen den Spieler beobachtet, dreimal wurde er für nicht gut genug befunden. "Tja, und dann ist Philipp Lahm zum VfB Stuttgart gegangen", sagt Biermann zum Abschluss der Geschichte.

Nicht fehlen durfte bei der abschließenden Fragerunde das Thema Ailton. Die Frage werde sein, ob sich Ailton in der sechsten Liga motivieren kann, sagt Biermann. Ailtons Karriereverlauf nennt er "eine absolute Katastrophe". Auch KFC-Mäzen Lakis hat der Journalist beobachtet. "Er scheint Wert auf öffentliche Auftritte zu legen."

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer