Multiple Sklerose hat das Leben von Katrin Sickert verändert. Sie schreibt über ihren Alltag und hat schon über 870 Fans.

Porträt
Katrin Sickert an ihrem Computer im Gerhard-Tersteegen-Haus, an dem sie regelmäßig kleine Geschichten für ihren eigenen Blog schreibt.

Katrin Sickert an ihrem Computer im Gerhard-Tersteegen-Haus, an dem sie regelmäßig kleine Geschichten für ihren eigenen Blog schreibt.

A. Bischof

Katrin Sickert an ihrem Computer im Gerhard-Tersteegen-Haus, an dem sie regelmäßig kleine Geschichten für ihren eigenen Blog schreibt.

Krefeld. Wegen ihrer Multiplen Sklerose kommt Katrin Sickert nicht mehr oft raus. Von einem Tag auf den anderen musste die 48-Jährige im August 2013 ins Gerhard-Tersteegen-Haus umziehen. Seit dem letzten schweren Krankheitsschub konnte sie nicht mehr eigenständig in einer Mietwohnung leben. Deshalb lädt sie jetzt die ganze Welt zu sich in ihr neues Zuhause ein. Unter dem Titel „Meine Erlebnisse im Altenheim“ schreibt sie in einem eigenen Blog aus ihrem Alltag - mit immer mehr Fans. 871 Leser folgen ihr inzwischen regelmäßig.

Karate, Rudern, das Waldhorn- und Querflötenspiel waren ihr Leben

„Ich bin in meinem Leben immer sehr aktiv gewesen, trotz MS“, erzählt die frühere Apothekerin. Vor 20 Jahren bricht bei ihr die Krankheit aus. Dennoch oder gerade deshalb treibt sie in den folgenden Jahren viel Sport. Im Judo steigt sie auf bis zum Schwarzen Gürtel, sie rudert im Uerdinger Ruderclub, spielt mit Leidenschaft Waldhorn und Querflöte. „Ich war immer schon ein willensstarkes Wesen“, sagt sie lächelnd. Doch trotz aller Willenskraft, gegen die fortschreitende Krankheit ist auch sie machtlos.

„Die Gespräche im Altenheim sind ein gefundenes Fressen für mich.“

Katrin Sickert, Bloggerin

„Seit Mitte 2013 habe ich kein Buch mehr lesen können“, erzählt Katrin Sickert. Und das ihr, die doch so gerne liest. Sie kann sich nicht mehr lange auf etwas konzentrieren, die Buchstaben fangen an, vor ihren Augen zu tanzen. Was sie nach ihren eigenen Worten noch halbwegs hinbekommt, ist der Umgang mit ihrem Computer. Sie kann die Schrift größer einstellen, sich Seiten vorlesen lassen und bei allem, was sie daran tut, das Tempo selber bestimmen. Wieso eigentlich nicht auch einen eigenen Blog schreiben?

Von Anfang an wird sie bei ihrem Plan von Heimleiter Andreas Blinzler unterstützt. Ihre Geschichten findet sie mit Hilfe ihrer Mitbewohner. Ihre festen Tischnachbarn nennt sie längst ihre Familie. Sie reden über die Probleme des Älterwerdens, das Leben an sich und besonders im Altenheim – und die Jüngste in der Runde hört ihnen aufmerksam zu. Hier findet sie den Stoff für ihren Blog. „Das ist für mich ein gefundenes Fressen.“

Den Bewohnern gefallen die Geschichten aus dem Alltag

Der Mehrheit der Bewohner wie auch dem Personal gefällt ihr Tun. Auch viele Angehörige sind inzwischen über die Geschichten aus dem Altenheim froh. „So mancher Bewohner hier ist dement und kann nicht mehr selber erzählen, wie der Alltag ist.“ Durch ihren Blog bekommen die Leser eine Vorstellung davon, und die ist überwiegend positiv. 285 Beiträge hat Katrin Sickert bislang geschrieben. „Nur einer war mal im Tenor negativ“, erzählt sie und lächelt. Sie ist ein Harmonie liebender Mensch.

Seit 2013 erzählt Katrin Sickert in ihrem Blog „Musikhai“ über ihre Erlebnisse im Gerhard-Tersteegen-Haus. Die 48-Jährige vergleicht ihren modernen Blog im Internet mit einem Tagebuch, in dem sie Alltägliches, Nachdenkliches und Amüsantes aufschreibt und mit anderen teilt. 

Der Name ihres Blogs ist ihr Pseudonym im weltweiten Netz aus Jugendtagen. Damals machte sie sich im Internet wie ein Hai auf die Suche nach Musik. 

Die sogenannten Follower ihres Blogs verfolgen aufmerksam ihre Geschichten. Beispielsweise die über einen 93-jährigen geistig wachen Mitbewohner, den die 48-Jährige liebevoll „Wurzelsepp“ nennt. Er kann ganz grantelig sein. „Hat aber im Inneren einen ganz weichen Kern.“

Als sie länger nun nicht über ihn geschrieben hat, meldeten sich prompt ihre Leser: „Was ist mit ihm?“ Sie konnte sie umgehend beruhigen.

„Wir leben in einer Leistungsgesellschaft“, sagt Katrin Sickert nachdenklich. Was für die Menschen zähle, sei Leistung und Anerkennung. All das sei bei ihr durch die schwere Erkrankung weggebrochen. Damit hat sie lange gehadert. „Doch jetzt erlebe ich, dass ich durch meinen eigenen Blog Aufmerksamkeit und auch wieder viel Anerkennung bekomme.“ Auch von Bekannten aus ihrem alten Leben. „Und das tut richtig gut!“

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