Seit einigen Wochen gibt es in Krefeld einen Chor für Flüchtlinge, Helfer und Interessierte. Dirigent Andreas Fellner leitet den Chor.

Kapellmeister Andreas Fellner, Preisträger Fontheim Preis, Sparkasse Krefeld; Musik; Orchester
Andreas Fellner, Dirigent des Stadttheaters, leitet den Chor „Music Connects: Refugees Choir“.

Andreas Fellner, Dirigent des Stadttheaters, leitet den Chor „Music Connects: Refugees Choir“.

Archiv: Bischof, Andreas

Andreas Fellner, Dirigent des Stadttheaters, leitet den Chor „Music Connects: Refugees Choir“.

Krefeld. Man stelle sich vor: Fernab der Heimat, nach einer langen, strapaziösen Flucht, endet die Reise in einer Flüchtlingsunterkunft in Krefeld. Die Zukunft ist ungewiss, der Alltag ohne jede Normalität. Und dann kommt eine Einladung: Gemeinsames Singen im Werkhaus, Vorkenntnisse nicht erforderlich, jeden Montag um 17 Uhr. Kommt das gut an? Ja, weiß Andreas Fellner. Der Dirigent des Stadttheaters leitet den Chor „Music Connects: Refugees Choir“ für Zugezogene und Krefelder. Wer mitmacht, hat ein kleines Stück Normalität zurückgewonnen. Das Angebot richtet sich aber nicht nur an Geflüchtete: Jeder, der singen möchte, und Lust auf neue Begegnungen hat, kann mitmachen.
 

Herr Fellner, wie genau kam es zu diesem Projekt?

Andreas Fellner: Genau genommen war das nicht ich, sondern der Flüchtlingsrat zusammen mit dem Werkhaus. Dort entwickelte sich die Idee, einen Chor für Flüchtlinge und Helfer auf die Beine zu stellen. Ich hatte lediglich im September vergangenen Jahres beim Flüchtlingsrat angerufen, und meine Hilfe, in welcher Form auch immer, angeboten.

Was hat Sie dazu bewegt?

Fellner: Ganz einfach die Nachrichtenlage. Mir wurde klar, dass es bei immer mehr Schutzsuchenden auch immer mehr ehrenamtliche Helfer braucht. Im November wurde ich dann vom Flüchtlingsrat mit der Idee zu diesem Chorprojekt kontaktiert. Und das passte natürlich wie die Faust auf’s Auge zu mir. Danach ging alles recht schnell, nach ein paar organisatorischen Treffen konnten wir am 7. Dezember die erste Probe stattfinden lassen.

Die Idee zu dem Krefelder „Refugees Choir“ unter dem Motto „Music Connects“ hat Margret Schilling, Schriftführerin des Flüchtlingsrates, aus Berlin mitgebracht. Mitsingen kann jeder, der möchte. Egal, ob Flüchtling oder Krefelder Bürger. Selbst wer sich für keinen guten Sänger hält, ist hier richtig. Wichtig sei nur der Austausch „und Andreas Fellner macht aus jedem einen Sänger“, versichert Schilling.

Wer mitsingen möchte, ist herzlich eingeladen, einfach montags um 17 Uhr im Werkhaus an der Blücherstraße 11 vorbeizuschauen. Informationen gibt es unter Telefon 80 12 11 oder unter:

werkhaus-krefeld.de

Und wie war diese erste Probe?


Fellner: Die war großartig. Etwa 35 Neugierige kamen zu uns, mehr als erwartet. Das Verhältnis von Zugezogenen zu Krefeldern war etwa 50/50. Wir wussten, dass das alles nur ein Versuch ist. Aber über die gute Resonanz haben wir uns wirklich gefreut.

Wie können wir uns diese Proben vorstellen. Haben Sie Dolmetscher vor Ort für diejenigen, die kein Deutsch sprechen?


Fellner: Nein, darauf haben wir absichtlich verzichtet. Sicher, es sind einige Helfer vom Flüchtlingsrat vor Ort, um eventuelle Fragen zu beantworten, die nicht unbedingt etwas mit dem Chor, sondern mit den schwierigen Situationen der Einzelnen zu tun haben. Ansonsten behelfen wir uns mit Händen und Füßen, und das klappt bestens.

Was für Lieder werden denn gesungen, und in welcher Sprache?

Fellner: Das ist ganz unterschiedlich. Wir singen ohne Noten, oft in Fantasiesprache oder ganz ohne Sprache. Das geht vor allen Dingen bei Jazz-Kanons ganz gut. Deutsche Volkslieder stehen auch auf dem Plan, vor Weihnachten haben wir natürlich Weihnachtslieder gesungen. Damit aber nicht nur diejenigen, die kein Deutsch sprechen, sich mit einer fremden Sprache abmühen müssen, singen wir auch Lieder in arabischer Sprache.

Das klingt nach einem sehr spannenden Arbeitsprozess. Wie genau gehen Sie das Einstudieren eines Liedes an?


Fellner: Wenn es Text gibt, schreibe ich den vorher an eine Tafel. Dann singe und spiele ich das Lied am Klavier vor, als nächstes steigen die Sänger mit ein.


Wie gut kommen Sie mit den Proben voran, ist ein Konzert geplant?


Fellner: In erster Linie geht es hier um das Zusammenkommen, den Austausch und die Abwechslung. Wer mitmacht, verpflichtet sich auch nicht dazu, bei jeder Probe anwesend sein zu müssen. Da sind die Leute ganz frei in ihrer Planung. Ein Konzert ist durchaus denkbar und wäre auch eine sehr schöne Sache, aber da ist noch nichts Konkretes geplant.


Wie bereiten Sie sich auf die Proben vor? Ist das sehr zeitintensiv?


Fellner: Zu Beginn war das schon einiges an Recherchearbeit. Ich habe mich mit ähnlichen Organisationen in verschiedenen Städten unterhalten und den Willkommens-Chor in Köln, ein ganz ähnliches Projekt, besucht. Durch meine Kontakte komme ich auch an verschiedenes Liedgut. Und ansonsten muss ich vorher vor allem eines tun: Die Lieder fleißig üben.


Was ist das Schönste an den Proben?


Fellner: Das sind sicherlich auch die Pausen. Dafür nehmen wir uns immer viel Zeit. Man trinkt und isst etwas zusammen und kommt ins Gespräch. Dieser Austausch ist auch mir persönlich unheimlich wichtig. Bis vor kurzem waren diese Menschen, von denen man so viel in den Nachrichten hört, noch überhaupt nicht greifbar für mich. Jetzt kenne ich wenigstens ein paar von ihnen und das ist eine große Bereicherung für mich. Ganz besonders verbindungsschaffend ist auch das Singen an sich. Das überwindet wirklich alle Barrieren.


Wie lange wird es das Projekt noch geben?


Fellner:
Ich denke, so lange, wie er gebraucht wird. Sollten wir feststellen, dass die Menschen irgendwann mit etwas anderem besser bedient sind, dann stecken wir unsere Arbeitskraft da rein. Aber ansonsten steht einem Fortbestehen des Chores nichts im Wege.
 

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