1862 wurde die Brauerei Tivoli am Inrath an der Hülser Straße gegründet – ein Blick auf bewegte Krefelder Biergeschichte.

Historie
Das perlt: Zum 600-jährigen Bestehen der Stadt Krefeld brachte die Tivoli-Brauerei ein Jubiläums-Pils heraus.

Das perlt: Zum 600-jährigen Bestehen der Stadt Krefeld brachte die Tivoli-Brauerei ein Jubiläums-Pils heraus.

Archiv Brass, Axel Gayk (5)

Das perlt: Zum 600-jährigen Bestehen der Stadt Krefeld brachte die Tivoli-Brauerei ein Jubiläums-Pils heraus.

Krefeld. Der Wirt Theodor Neu legte 1862 den Grundstein für die Brauerei, indem er an sein Haus an der Hülser Landstraße (heute Hülser Straße 398) einen Flügel anbaute und dort eine kleine Weißbier-Brauerei und Mälzerei unterbrachte. Heute ist in dem Stammhaus das Hotel „Niederrheinischer Hof“ untergebracht.

Theodors Sohn Jacob Neu, Brauer von Beruf, übernahm den Betrieb und begann 1870 auf dem Nachbargrundstück mit dem Bau einer großen Brauerei. Er nannte sie „Tivoli“ – nach einem beliebten Ausflugsziel in der Nähe von Rom. Aus nicht bekannten Gründen verkaufte Jacob Neu 1874 die noch nicht ganz fertiggestellte Brauerei an die Kaufleute Johann Wilhelm König und Paul Hoffmann (Dortmund/Stettin).

Untergäriges Bier floppte am Niederrhein

Die beiden Kaufleute versuchten, untergäriges Bier am Niederrhein zu etablieren. Dafür wurden in den folgenden Jahren ein neues Sudhaus, eine Schankhalle und ein unterirdischer Eiskeller errichtet. Damit aber hatten die beiden keinen Erfolg und mussten Konkurs anmelden. Neuer Besitzer der Brauerei wurde der Hopfenhändler Bernhard Bing aus Nürnberg. Über den Zeitpunkt des Besitzerwechsels gibt es verschiedene Angaben. Es dürfte etwa 1877 gewesen sein.

Der Hopfenhändler holte die Braumeister August Burckhardt und Otto Greiff, die die Brauerei sanierten. 1881 übernahmen sie die Brauerei dann selbst. Sie machten aus der Brauerei einen modernen und erfolgreichen Betrieb. 1889 gründeten sie die “Aktiengesellschaft Brauerei Tivoli“. Nach dem Tod von Greiff 1891 folgte als kaufmännischer Direktor der Rheydter Carl Dilthey.

Von da an bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges kann man von der eigentlichen Blüte von Tivoli Pils sprechen. Aus dieser Zeit dürfte auch das alte Logo der Brauerei stammen. Es zeigt einen Mönch mit einem Bierkrug in jeder Hand. Das lässt auf das benachbarte Kapuzinerkloster schließen, das sich 1891 am Inrath ansiedelte. Neubauten entstanden, die Produktionszahlen und die Zahl der belieferten Gaststätten stiegen. Auf der Hoch-, nahe der Mittelstraße in Krefeld eröffnete die Brauerei die „Gaststätte Tivoli“. Unter der Regie von Dilthey fusionierte Tivoli 1917 mit der Aktiengesellschaft Schwabenbräu Düsseldorf. Dilthey ging 1933 in den Ruhestand.

Der Bierausstoß von Tivoli in der jüngeren Geschichte lag 1950 bei rund 50 000 Hektoliter. 1955 stieg die Zahl auf 78000 Hektoliter. 1961 waren es über 120 000 und 1962 127 000 Hektoliter.

An Biersorten hatte Tivoli Pils, Hell, Alt, Pils. Je zur Hälfte wurde das Bier in Flaschen bzw. Fässern ausgeliefert. Der Anteil des Altbieres und des Pils lag 1960 bei je 20 Prozent, das Exportbier war mit 50 Prozent erfolgreichste Sorte.

Christoph Dautermann, „Inrath, Werden und Leben eines alten Krefelder Stadtteils“, Krefeld 2005

Noch heute werden Artikel wie Flaschen, Bierdeckel und Kronkorken der Brauerei Tivoli gesammelt und verkauft. So gab es jüngst eine Internet-Auktion, bei der eine alte geprägte Bierflasche mit Bügelverschluss für 5,90 den Besitzer wechselte.

Dank dem 1934 eingesetzten Vorstand und Direktor Viktor Caussin überstand das Unternehmen trotz großer Zerstörungen und Verluste den Zweiten Weltkrieg.

Im Jahr 1968 kam es dann schließlich zur Fusion mit der Dortmunder Union-Brauerei. Tivoli blieb jedoch ein eigenständiger Betrieb.

1972 wurden Tivoli und Schwabenbräu von Schlösser in Düsseldorf gekauft. Schlösser wiederum fiel im Zuge der Braufusionen, -konzentrationen und des großen Brauereisterbens an die Dortmunder Union, später Brau und Brunnen.

Im Jahr 1986, vor 26 Jahren, musste Tivoli dann endgültig die Tore schließen. Die genauen Gründe wurden bis heute nicht öffentlich gemacht.

Vermutlich sind sie in der „Marktbereinigung“ der großen Getränkeunternehmen zu suchen.

In der Endphase belieferte Tivoli in der Region bis zu 500 Gaststätten. Am Ende der Ära – im Jahr 1986 – arbeiteten an der Hülser Straße 117 Menschen. Nach der Schließung wechselten 40 zu Schlösser nach Düsseldorf, für die anderen wurde ein Sozialplan in Höhe von 2,6 Millionen Mark ausgehandelt. Damit war am 30. September 1986 ein wesentlicher Teil der Inrather Industriegeschichte sowie der Inrather Identität beendet.

Abgerissen wurden die Gebäude 1990. Trotzdem gibt es auch noch heute „em Ennert“ den alten Werbespruch des Inrather Nationalgetränks: „Vergiss es nie – Dein Tivoli“. Später siedelte sich auf dem 23 000 Quadratmeter großen Gelände ein Möbelmarkt (Roller) mit einem nüchternen Funktionalbau an.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer