Rocklegende Achim Reichel begeistert die Zuhörer in der Friedenskirche mit Vielseitigkeit. Mehr als seine tiefe sonore Stimme und eine Gitarre braucht er nicht, um das Kirchengewölbe zum Schwingen zu bringen.

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Seit 1960 steht (und sitzt) Achim Reichel als Musiker fast ununterbrochen auf der Bühne.

Seit 1960 steht (und sitzt) Achim Reichel als Musiker fast ununterbrochen auf der Bühne.

Andreas Bischof

Seit 1960 steht (und sitzt) Achim Reichel als Musiker fast ununterbrochen auf der Bühne.

Krefeld. Er ist Rocker, Barde, Chansonnier und Conférencier - innovativ und experimentierfreudig. Das Motto seiner Deutschland-Tournee "Solo mit Euch - Mein Leben, meine Musik" nimmt er ernst. In lockerem Plauderton lässt er sein Publikum in der voll besetzten Friedenskirche an seinem musikalischen Wirken mit Höhen und Tiefen teilhaben.

Er spielt auf einer Leinwand Fotos aus vergangenen Tagen ein, von sich selbst, seiner Kultband Rattles und Mitstreitern von einst.

Auf seiner Zeitreise intoniert er die zugehörige Musik. Mehr als seine tiefe sonore Stimme und eine Gitarre braucht er nicht, um das Kirchengewölbe zum Schwingen zu bringen. Sein linker Fuß zuckt im Takt und vielen Zuhörern geht es ebenso.

In St. Pauli aufgewachsen, beginnt seine musikalische Karriere im berühmten Hamburger Star Club. Mit Gleichgesinnten gründet er die Rattles und es genügt "Come on and sing" anzuspielen und alle singen mit.

Die Einberufung zur Bundeswehr unterbrach die Musikerkarriere jäh

Hier lernt er die damals noch unbekannten Beatles kennen. Dass er den schüchternen Pilzköpfen aus Liverpool in Hamburg bei der Orientierung hilft, bringt ihm und seinen Kollegen später eine Tournee als Begleitband durch England ein. "Man kann sich das heute kaum vorstellen, mit solchen Größen wie Beatles, Rolling Stones und Bee Gees gemeinsam auf Tour gewesen zu sein - aber damals fanden wir das völlig normal."

Am 28. Januar 1944 wird Achim Reichel als Sohn einer Seefahrerfamilie in Wentorf bei Hamburg geboren. Nach der Volksschule beginnt er 1960 eine Kellnerlehre im St. Pauli Landungsbrückenrestaurant. 1961 tritt er den Rattles in Hamburg bei. Die Rattles gewinnen 1962 den ersten Bandwettbewerb im Hamburger "Star Club". 1963 die erste Tournee durch England und Schottland. Die Rattles spielen 1966 im Vorprogramm der einzigen Deutschlandtournee der Beatles. 1967 wird Reichel zur Bundeswehr einberufen - Das Ende der Rattles.

1968 gründet Reichel "Wonderland". Die Band zerbricht 1970. In seiner Kraut-Rock-Phase entstehen nach 1971 sechs Alben mit psychedelischen Improvisationen, die weltweit Anerkennung finden. 1976 überrascht Reichel mit Shantys. Das Album "Regenballade" (1978) wird zu einem weiteren Meilenstein. Erstmalig vertont er darauf Balladenklassiker von Goethe, Fontane und Liliencron und bekommt den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Aus der Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Jörg Fauser entsteht 1981 "Blues in Blond" und "Der Spieler".

Immerhin schafften es die Rattles, als die deutschen Beatles in die Annalen einzugehen. Allerdings wurde Reichels Erfolg jäh unterbrochen, als er zur Bundeswehr eingezogen wurde. Die Band hatte danach neue Mitglieder, die er nicht ausbooten wollte.

So versuchte er es mit einer Neugründung. Wonderland war geboren - unter der musikalischen Regie von James Last. Doch nach einem einzigen Lied, das allerdings ein Riesenhit wurde, war schon wieder Schluss. "Der Titel ,Moscow’ wurde auf der ganzen Welt gespielt, nur in der Ex-DDR war er aus unerfindlichen Gründen verboten", berichtet der Dinosaurier der Rockmusik."

Seine musikalischen Vorstellungen und die der andern Bandmitglieder seien nicht vereinbar gewesen und schon gar nicht deren modische Vorlieben für Rüschen mit seinen, erschauert es den Altrocker noch heute.

Auf seinem weiteren Weg entdeckte er die Shanty-Musik und verrockte sie nach Kräften. Und gibt mit Drunken Sailor eines der bekanntesten Seemannslieder zum Besten.

Für den Rest des Abends wird Reichel musikalisch von Pete Sage aus England und Berry Sarluis aus den Niederlanden unterstützt. Als poetischer Barde unterhält er sein Publikum mit vertonten Gedichten deutscher Klassiker von Gothe, Heine, Fontane, Eichendorff, Morgenstern (rabenschwarze Texte) bis zu Ringelnatz und Jörg Fauser.

Dass er auch Nonsens und Frohsinn aus dem Bereich Gassenhauer drauf hat, zeigt er mit ,Kuddl Daddel Du’ und mit dem Party-Hit ,Aloha Heja He’, bei dem die Zuhörer zum Schluss das Singen selbst übernehmen. Ein Parforce-Ritt des Ur-Vaters der Rockmusik mit einer unvergleichlichen Bandbreite in 46 Jahren musikalischen Wirkens. Und das scheinbar körperlich unbeschadet und ohne den Look der Alt-68er. Sein Dank: tosender Applaus.

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