Nicht nur in Krefelds Schulen, auch im Job wird regelmäßig schikaniert. Für Opfer gibt es telefonische Erste-Hilfe bei der Kontaktstelle.

Nicht nur in Krefelds Schulen, auch im Job wird regelmäßig schikaniert. Für Opfer gibt es telefonische Erste-Hilfe bei der Kontaktstelle.
Dieter Mokros (l.), Leiter der Telefonseelsorge, und Wolfgang Fleuren haben ein offenes Ohr für Betroffene.

Dieter Mokros (l.), Leiter der Telefonseelsorge, und Wolfgang Fleuren haben ein offenes Ohr für Betroffene.

abi

Dieter Mokros (l.), Leiter der Telefonseelsorge, und Wolfgang Fleuren haben ein offenes Ohr für Betroffene.

Krefeld. Eigentlich ist Mira Meyer immer gerne zur Arbeit gegangen. Doch seit einiger Zeit wird sie morgens schon vor dem Weckerklingeln mit Magenschmerzen wach. Aus Angst vor dem Tag. Die Kollegen im Büro schneiden sie. Hinter vorgehaltener Hand lästern sie über Mira Meyer, stellen ihre Kompetenz im Job in Frage. Neulich waren wichtige Unterlagen aus ihrer Schreibtischschublade verschwunden, obwohl sie sich sicher ist, dass sie sie am Tag zuvor dorthin gelegt hatte. Den damit verbundenen Abgabetermin konnte Mira Meyer nicht mehr einhalten. Sie fühlt sich hilflos gegenüber den Attacken ihrer Arbeitskollegen – und gleichzeitig völlig isoliert.

Betroffene leiden unter Schikanen und Verleumdung im Job

Mira Meyer ist keine reale Person. Umso realer ist die skizzierte Situation: Mobbing ist nicht nur an Krefelds Schulen Alltag (die WZ berichtete) – Schikanen setzen sich am Arbeitsplatz fort, weiß Werner Fleuren. Er ist Mitbegründer und arbeitet als Ehrenamtler bei der Mobbing-Kontakt-Stelle, deren Nummer seit deren Anfängen im Jahr 2001 nach statistischen Erhebungen des Instituts Aser rund 50 000 Anrufer gewählt haben.

Da ist die Teamleiterin, erst seit wenigen Woche im neuen Job, deren Kollegen sie konsequent ausgrenzen und auflaufen lassen. „Eine andere Anruferin berichtete von toten Mäusen, die ihre Kollegen in ihrer Schreibtischschublade versteckt hatten“, erzählt Fleuren. Beim nächsten Anrufer hatten Kollegen einen Flachmann in dessen Schublade gelegt, um ein Alkoholproblem vorzutäuschen.

Betroffene litten – oft still und manchmal über Wochen, Monate, gar Jahre – unter der Schikane im Job, weiß Dieter Mokros, Leiter der Telefonseelsorge in Krefeld. „Häufig rufen Angehörige von Mobbingopfern bei uns an, weil es den Betroffenen zu schlecht geht, um selbst unsere Nummer zu wählen“, berichtet er. Ein anderer Grund: „Das Thema Mobbing ist schambesetzt, weil es mit Niederlage und dem Gefühl von Ohnmacht einhergeht.“ Wenn etwa der betroffene Kollege den Raum betritt und plötzlich alle anderen Schweigen – „dann ist das für die Person ein klares Signal: ,Ich gehöre nicht dazu’“, sagt Mokros.

Dabei seien es seiner und Fleurens Erfahrung nach gerade Mitarbeiter in Berufen, bei denen Kommunikation zu den wesentlichen Bestandteilen des Jobs gehöre, die die Nummer der Mobbing-Kontakt-Stelle wählten. „Überwiegend haben die Anrufer Jobs in der Verwaltung“, sagt Mokros, aber auch in der Gesundheitsbranche werde massiv gemobbt – „in der kompletten Belegschaft“. Warum das so ist? Für den Leiter der Krefelder Telefonseelsorge liegt die Erklärung auf der Hand: „Mobbing am Arbeitsplatz beginnt mit Frustration.“ Über chronische Überlastung im Job etwa, „ein hohes Arbeitstempo und unklare Hierarchien“. Das verdeutlicht auch eine Untersuchung des Landesinstituts für Arbeitsgestaltung des Landes NRW zu Belastungen am Arbeitsplatz aus dem Jahr 2014.

Das Thema

Mobbing

Wenn Mobbing am Arbeitsplatz chronisch wird, seien häufig psychosomatische Symptome die Folge: Bluthochdruck oder Magengeschwüre zählten dann zu den häufigsten Gründen für Krankmeldungen, aber auch „massive Schlafstörungen, depressive Phasen oder Panikattacken, die völlig zusammenhangslos auftreten, können Folge von Mobbing sein“, erklärt Mokros. Letztlich sei Mobbing nicht nur eine persönliche, sondern auch eine „volkswirtschaftliche Katastrophe“.

Für die Opfer der Schikanen gehe es schlicht um ihre finanzielle Existenz, was die Situation häufig noch verschlimmere. „Da hängen oft ganze Familien dran.“ Als seine Aufgabe verstehe er es, mit den Mobbingopfern eine Perspektive heraus aus der empfundenen Ausweglosigkeit zu entwickeln, sagt Werner Fleuren. Eine Möglichkeit sei es dann, sich über den Hausarzt psychologische Hilfe zu holen, eine weitere, sich innerhalb des Betriebs versetzen zu lassen. „Das funktioniert aber nur bei einer gewissen Unternehmensgröße.“ Auch ein Mobbing-Tagebuch zu führen und Zeugen zu finden, die die Schikanen am Arbeitsplatz bestätigen, könne dabei helfen, wichtige Unterstützung durch Führungskräfte oder Betriebsrat zu bekommen. Den Betrieb zu verlassen, sei die letzte aller Möglichkeiten, die er betroffenen Anrufern rate, sagt Fleuren – auch weil Mitarbeitern, die nicht direkt einen neuen Job fänden, eine Sperrfrist beim Arbeitslosengeld drohe, wenn sie das Mobbing an ihrem alten Arbeitsplatz nicht beweisen können.

Die jahrelange Erfahrung zeige aber: „Allein die Möglichkeit, darüber reden zu können, entlastet Opfer von Mobbing“, betont Mokros und gibt Betroffenen einen wichtigen Ratschlag mit: „Mobbing braucht ein Klima des Schweigens. Wenn es öffentlich gemacht wird, dann ist es oft sofort zu Ende.“

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