Hayder Al Side floh und musste seine Familie zurücklassen, weil er seinen Kindern den gefährlichen Weg nicht zumuten wollte.

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Hayder Al Side floh im vergangenen Jahr aus dem Irak.

Hayder Al Side floh im vergangenen Jahr aus dem Irak.

Foto: Duddek/Maaßen/Streyl

Hayder Al Side floh im vergangenen Jahr aus dem Irak.

Krefeld. Hayder Al Side wirkt nachdenklich. Wo er sich in fünf oder zehn Jahre sehe? Der 33-Jährige lächelt verlegen. Das macht er immer, wenn er Zeit braucht. Zeit, um seine Worte in Deutsch oder Englisch zu übersetzen. Zeit, sich zu sammeln. Zeit, seine Gedanken zu sortieren. Zu viel ist seit dem August des vergangenen Jahres passiert, als dass er auf diese Frage eine Antwort parat hätte.

„Ich kann das nicht vorhersehen – vor drei Jahren hätte ich vielleicht niemals daran gedacht, nach Deutschland zu fliehen“, sagt Hayder. Seine Finger zittern ein wenig, dann schaut er hoch und erklärt: „Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens.“

Dennoch hält er sie für die einzig richtige. Auch wenn er dafür seine Frau Rasha mit den Kindern Mohaman (3) und Jozef (2) in einer Stadt zurücklassen musste, die von Terroristen und Milizen regiert wird. Im zerstörten Bagdad. Die irakische Hauptstadt war bis zum vergangenen Herbst Hayders Lebensmittelpunkt.

Während seine halbe Familie schon viel früher nach Europa aufbrach (London, Dänemark, Amsterdam), um zu studieren und zu arbeiten, wählt Hayder einen anderen Weg. Er wird Polizist. „Ich war vom Rang her Captain“, sagt der Modelathlet stolz. Er sei ein Beschützer, jemand, der offen auf Menschen zugeht, erklärt Hayder. Für ihn seien Menschen nicht anhand von Hautfarbe, Sprache, Nationalität oder Religion zu beurteilen oder zu unterscheiden. Hayder macht sein Job am Anfang sogar noch Spaß.

Sein großes Glück sind die beiden Söhne, die ihm seine Frau schenkt, und die Hayder alleine in Deutschland so sehr vermisst. „Wir haben jeden Tag Kontakt.“ Wann sie sich wiedersehen werden, wissen sie nicht. Denn Hayders Familie kann nicht nach Deutschland kommen. „Der Weg ist zu gefährlich, das habe ich selber erfahren“, sagt Hayder mit versteinerter Mine. Details seiner Flucht will er nicht erzählen.

Die Mitfahrt von Ungarn nach Serbien kostet 1500 Euro

Zusammenarbeit „Angekommen in Krefeld“ (siehe Foto) ist ein Projekt der VHS in Zusammenarbeit mit der WZ Krefeld und dem Kommunalen Integrationszentrum Krefeld.

Porträts „20 Faces / 20 Stories – 20 Gesichter/ 20 Geschichten“ lautet der Titel. Die Interviews haben an einem Wochenende Redakteure der WZ geführt. Fotografiert haben Roland Duddek, Paul Maaßen und Elmar Streyl. Die Porträts sind zu sehen in einer Ausstellung, die bis zum 31. Mai in der VHS am Von-der-Leyen-Platz 2 läuft.

Der Grund für seine Flucht seien die kriegsähnlichen Zustände in Bagdad, die immer schlimmer wurden. Über den genauen Auslöser zur Fluchtentscheidung schweigt Hayder. Es scheint diesen stolzen Mann mit den wachen Augen zu beschämen. Er erklärt lediglich: „Die irakische Polizei ist korrupt, ich musste einfach die Entscheidung treffen, zu flüchten.“ Allein macht er sich auf den Weg, zu Fuß, in einem Boot, mit dem Zug, in fremden Autos.

Die Flucht kostet ein kleines Vermögen. Allein für eine Mitfahrt von Serbien nach Ungarn muss er 1500 Euro zahlen. Es folgen Nächte voller Ungewissheit in ungarischen Wäldern, bis Hayder und andere Flüchtlinge von der Polizei festgenommen werden. „Ich habe mich als Polizist vor der Polizei versteckt“, erinnert sich Hayder. „Verrückt“, grinst er.

Die Flucht geht weiter nach Wien. „Dort habe ich in einem Hotel entschieden, nach Deutschland zu gehen.“ Doch warum ausgerechnet Deutschland? „Ich habe zwei Dokumentationen gesehen, in denen geschildert wurde, dass man in Deutschland frei wählen kann, wie man leben will.“ Im September erreicht Hayder Krefeld. Er wohnt nur ein paar Wochen in einer Massenunterkunft in Uerdingen.

Zum Glück, sagt er. „Die Umstände in diesen Massenunterkünften sind nicht tragbar, es sind zu viele Menschen auf engem Raum.“ Hayder erlebt mit, wie sich Flüchtlinge immer wieder in die Haare kriegen. „Ich habe dann versucht zu schlichten, und bin dazwischengegangen.“ Der 33-Jährige ist immer noch ein Beschützer, ein Helfer und das will er auch in Zukunft sein.

Aktuell lebt Hayder mit vier anderen irakischen Männern in einer Wohnung in Krefeld. Er lernt fleißig deutsch. „Jeden Tag bis 13 Uhr, dann gehe ich ins Fitness-Studio, das ist gut für die Gesundheit. Leider kann ich mir den Eintritt fürs Schwimmbad nicht so oft leisten“, sagt Hayder, der darauf hofft, bald ein paar Stunden in der Woche arbeiten zu können.

„Ich könnte bei der Polizei helfen, es sind ja jetzt viele Flüchtlinge da und durch meine Erfahrung, aber vor allem die Sprache, wäre ich sicherlich eine große Hilfe.“ Sollte es als Polizei- oder Sicherheitsmann nicht klappen, will Hayder Autohändler werden.

Das sind die Wünsche, die er hegt, wann und ob er sie realisieren kann, weiß der Iraker noch nicht. „Ich hoffe darauf“, sagt er. Sein größter Wunsch sei es jedoch, seine Frau und seine Kinder nach Deutschland zu holen.

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