Lesung im Theater: In dem Werk arbeitet sie ihre eigene Lebensgeschichte und die ihrer Mutter auf.

Ulla Gessner bei der Lesung im Theater.
Ulla Gessner bei der Lesung im Theater.

Ulla Gessner bei der Lesung im Theater.

Dirk Jochmann

Ulla Gessner bei der Lesung im Theater.

Krefeld. Ulla Gessner ist jahrelang Lehrerin in Krefeld gewesen, bevor sie nach Israel zog. Jetzt war sie in ihrer Heimatstadt zu Gast und las aus ihrem Buch „Die Jahrhundertfrau“. „Ein großer Teil ist autobiografisch“, sagte Ulla Gessner bei der Lesung im Theater.

Mit zehn Jahren kommt das Mädchen Marga aus Thüringen nach Köln: Sie ist bei der Großmutter aufgewachsen und soll nun endlich bei der Mutter leben. Die Situation ist für alle schwierig. Das Kind weiß gar nicht, warum die Mutter Hedwig es bei der Oma ließ. Die Frage nach dem Lebensweg der Mutter ist es, die Ulla Gessner in ihrem jüngsten Buch „Die Jahrhundertfrau“ zu beantworten versucht. Darin setzt sich die Ich-Erzählerin Marga mit ihrer Mutter und deren Vergangenheit auseinander. Ein ganzes Jahrhundert wird hier besichtigt.

Einen zweiten Erzählstrang setzt die Autorin dagegen: Das Leben im zeitgenössischen Israel und die Beziehung zum Lebensgefährten der Erzählerin. Deutlich gemacht wird der Sprung in die Gegenwart durch den Druck: Was in Israel spielt, ist kursiv. Was Marga und Hedwig erleben, steht in normalen Lettern. Inhaltlich gibt es immer einen Bezug zwischen den beiden Ebenen. Was Hedwig in ihrem Jahrhundert erlebt, hat meist eine Parallele bei Marga und Shimon. Der Roman umfasst 225 Seiten. Vieles ist wirklich geschehen, einiges hat die Autorin ergänzend erdacht. „Das ist meine literarische Fantasie“, sagt sie. „Ich musste einige Lücken füllen.“

Vier Jahre hat sie für das Buch recherchiert

Viele Fakten hat sie nachgeprüft und dabei so einiges Neue erfahren: „Ich habe sehr viel recherchiert“, sagt Ulla Gessner. So hat sie zum Beispiel herausgefunden, dass schon kurz nach dem Krieg über die Bahnhofsmission Au-Pair-Mädchen nach England vermittelt wurden. Hedwig, die Jahrhundertfrau, war eben nach dem Krieg in London und hat dort auf zwei Kinder aufgepasst. Mit dem neunjährigen Sohn der Familie war es nicht so einfach für sie – aber die Autorin hat sich eine liebenswürdige Wendung ausgedacht. Jahre später schickt er ihr nämlich einen erklärenden Brief. Die gründliche Recherche hat viel Zeit gebraucht: „Ich habe vier Jahre daran gearbeitet“, sagt Gessner.

In den Passagen über die Mutter wird deutlich, mit wie viel Verständnis und wie viel Liebe deren Leben noch einmal aufgerollt wird. Es war reich an Erfahrungen, spannend, sehr anstrengend und entbehrungsreich. Hedwig hatte sich vor dem Krieg in einen Fabrikanten verliebt, der sich als dann als Parteimitglied der NSDAP und Kriegsgewinnler herausstellte. Nach Kriegsende entführte er die drei Söhne in den Westen und ließ nur die Tochter bei seiner Frau. Das erklärt, warum Marga bei der Großmutter aufwuchs: Ihre Mutter musste arbeiten und konnte sich gar nicht um die Tochter kümmern.

Diese Umstände konnte sie als Kind nicht verstehen, aber als erwachsene Frau hat sie sich diese Wahrheiten erschlossen. Großen Anteil am verständnisvollen Nacherleben hat die Romanfigur Shimon. Seine Liebe ermöglicht es, dass die Erzählerin auf die Mutter zugeht. Er sagt: „Alles wird gut.“ Das trifft eben besonders auf das geklärte Verhältnis von Mutter und Tochter zu. Und so erkennt man unschwer, dass sie über sich, über ihre Mutter und über ihren 2009 verstorbenen Lebensgefährten Shraga Har-Gil geschrieben hat.

» Ulla Gessner, Die Jahrhundertfrau. Projekte Verlag Hahn, 17,50 Euro.

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