Drei Jahre lang wurde das Krefelder Textilforschungszentrum saniert. Nun wird dort nach neuesten Standards gearbeitet.

Die Essener Chemie-Studentin Pia Neldner forscht im Krefelder Textilforschungszentrum für ihre Bachelorarbeit.
Die Essener Chemie-Studentin Pia Neldner forscht im Krefelder Textilforschungszentrum für ihre Bachelorarbeit.

Die Essener Chemie-Studentin Pia Neldner forscht im Krefelder Textilforschungszentrum für ihre Bachelorarbeit.

Andreas Bischof

Die Essener Chemie-Studentin Pia Neldner forscht im Krefelder Textilforschungszentrum für ihre Bachelorarbeit.

Krefeld. Was haben Flugzeuge und Autos, Stadiondächer, die Rotorenblätter von Windrädern oder die bei einer Herz-OP eingesetzten Stents gemeinsam? Es mag überraschend klingen, aber sie alle bestehen zu Teilen aus Textilien. Die Weichen für solche Innovationen werden auch in Krefeld gestellt. Hier hat das 1951 gegründete Deutsche Textilforschungszentrum Nordwest (DTNW) jetzt nach dreijähriger Sanierungsphase wiedereröffnet.

Beim Richtfest vor 66 Jahren habe das damals „topmoderne Gebäude“ für Wandel und die Forschung ganz im Zeichen von Samt und Seide gestanden, sagt Professor Dr. Jochen Gutmann, Geschäftsführender Direktor des DTNW. Viel habe sich seitdem verändert. „Die Textilindustrie geht neue Wege. Heute prüfen wir den Schadstoffgehalt von Seide auf analytisch-technischem Spitzenniveau“, sagt Gutmann. Nicht nur das. „Etwa 50 Prozent der Airbus–Modelle bestehen heute zumindest teilweise aus Textilien.“

Wissenschaftler forschen in Sachen Hygiene und Brandschutz

Auf drei Etagen forschen die Krefelder Wissenschaftler in dem von Grund auf sanierten und modernisierten Gebäude auch im Bereich der Energieeinsparung an umweltschonenden Lösungsmitteln, in den Laboren synthetisieren sie Vorstufen für Medikamente und setzen bei der Entwicklung von textilen Oberflächen, auf denen Bakterien weniger schnell anhaften und sich vermehren, Maßstäbe in Sachen Hygiene. Den Essener Chemiestudentinnen Dana Lauer und Pia Neldner bieten die nach neuen technischen Standards ausgerüsteten Labore in Krefeld die Möglichkeit, für ihre Bachelorarbeit zu forschen. „Im Vergleich zur Uni ist das hier echter Luxus“, betont Lauer und zeigt, wie sie mit ihrer Kommilitonin eine milchige Flüssigkeit in ein Reagenzglas extrahiert – Polymere. Die sollen später, in flüssiger Form aufgetragen, beispielsweise Arbeitskleidung brandschutzsicher machen.

 Erkenntnisgewinn und konkreter Nutzen 

Schon vor 66 Jahren sei es Auftrag des DTNW gewesen, Lehre und Forschung zu vernetzen und an einen Ort zu bringen, betont Gutmann. Seit 2013 sei es zudem bundesweit das einzige Institut, das sowohl an eine Hochschule für angewandte Wissenschaften als auch an eine Universität angegliedert ist: die Hochschule Niederrhein und die Uni Duisburg-Essen. Zur besseren Vernetzung mit der Wirtschaft als Auftraggeber und Drittmittelgeber und zur Erweiterung des Textil-Portfolios hatten Hochschule Niederrhein und der Verein DTNW bereits zwei Jahre zuvor eine gemeinnützige GmbH gegründet. „Ziel der Zusammenarbeit ist es, den langen Weg von der ersten Erkenntnis bis zur Nutzung systematisch zu organisieren. Die Innovationskette von der chemischen Grundlagenforschung an der Uni Duisburg-Essen über ihre Anwendung an der Hochschule Niederrhein bis zur Nutzung durch die Textilwirtschaft wird so geschlossen. Am DTNW entsteht aus dem reinen Erkenntnisgewinn ein konkreter Nutzen“, erklärt Professor Dr. Hans-Hennig von Grünberg, Präsident der Hochschule Niederrhein, anlässlich der Wiedereröffnung.

490 000 Euro investiert das Land NRW jährlich in dieses Projekt, dessen Vorreiterrolle NRW–Wissenschaftsministerin Svenja Schulze hervorhebt: „Forschung braucht Platz, Platz für Studenten.“ Denn hinter dem Begriff Textilforschung „verbergen sich zahlreiche innovative Anwendungsmöglichkeiten wie etwa Leichtbau, Medizinprodukte und Nahrungsmittel und damit Lösungen für viele gesellschaftliche Herausforderungen.“ Die Besonderheit der Textilforschung liege in der Verbindung von Innovation und Tradition – dafür stehe das DTNW.

Ziemlich viel Science, aber kein Science Fiction

Vor zehn Jahren noch totgeglaubt und kurz vor einem Zusammenschluss mit dem Wollinstitut der RWTH Aachen, sei das Textilforschungszentrum heute immer noch da, wo es hingehöre: in der Samt- und Seidenstadt, betont Oberbürgermeister Frank Meyer. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Textilindustrie flössen in Krefeld zusammen, „wie wohl in keiner anderen Stadt“.

Dafür stehen das Haus der Seidenkultur und das Deutsche Textilmuseum, die einen Blick auf die Geschichte werfen, ebenso wie die Tatsache, dass „noch immer zwei Drittel der deutschen Krawatten aus Krefeld stammen“, sagt Meyer, nicht ohne einen Blick in die Zukunft zu werfen: „Hier wird unter anderem an textilen Stoffen gearbeitet, die eigentlich Solarzellen sind. Das mag für Laien wie mich wie Science Fiction klingen – für die Leute hier ist es aber nur Science – und nicht Fiction.“

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