Im April gibt es die 100. Montagslesung vor der ehemaligen Uerdinger Bücherei. Im Mai läuft die Aktion seit zwei Jahren. Und nun?

Uerdingen
Lesestaffel vor der geschlossenen Bücherei Uerdingen: Bei Wind und Wetter treffen sich an jedem Montag Bürger am Marktplatz, um einige Seiten vorzulesen, während Passanten zuhören. Archiv

Lesestaffel vor der geschlossenen Bücherei Uerdingen: Bei Wind und Wetter treffen sich an jedem Montag Bürger am Marktplatz, um einige Seiten vorzulesen, während Passanten zuhören. Archiv

Andreas Bischof

Lesestaffel vor der geschlossenen Bücherei Uerdingen: Bei Wind und Wetter treffen sich an jedem Montag Bürger am Marktplatz, um einige Seiten vorzulesen, während Passanten zuhören. Archiv

Krefeld. „Wir lesen weiter.“ Daran gibt es für Susanne Tyll, wie sie im Namen des Arbeitskreises Bücherei Uerdingen sagt, überhaupt keinen Zweifel. Bei Wind und Wetter, bei Kälte und irgendwann auch wieder Hitze werden sie am Marktplatz 5 stehen: Menschen, die noch nie in ihrem Leben vor Publikum gelesen haben, Menschen, für die das ganz normal ist. Menschen, die eigene Geschichten vortragen oder einige Seiten aus unterhaltsamen Bestsellern, spannenden Fantasy-Romanen oder großer Literatur ausgesucht haben. Und sie alle eint ein Ziel: Sie wollen wieder eine Uerdinger Bücherei haben.

Es gab nie einen Moment des Zögerns

Am 20. April steht die mittlerweile 100. Montagslesung an. Am 25. Mai wird die nach der Schließung der Bücherei gestartete Aktion des Arbeitskreises zwei Jahre alt. In all den Monaten habe es noch nie einen Moment gegeben, indem Tyll und ihre Mitstreiter überlegt hätten aufzuhören. „Es war nur so, dass wir am Anfang nicht gedacht hätten, dass es so lange dauert“, sagt Tyll lachend. Aber es sei mittlerweile einfach eine Selbstverständlichkeit geworden, ein „fester Termin im Kalender der Leute“, berichtet die gebürtige Hildesheimerin, die seit 1994 in Uerdingen lebt.

20 bis 60 Zuhörer kommen zu den einzelnen Lesungen. „Das finde ich einen tollen Zuspruch, auch unter diesen Rahmenbedingungen, also montags abends um 18.30 Uhr kann ja auch nicht jeder.“ Selbstverständlich wäre es „immer toll, wenn noch mehr Menschen kommen, aber die Zahlen sind für mich ganz beeindruckend“. In Mails an den Arbeitskreis spiegele sich auch wider, dass viele Menschen gerne kämen, die aus den unterschiedlichsten Gründen verhindert sind, aber ihren Zuspruch wenigstens mitteilen wollen.

Tyll sieht Zeichen, die den Arbeitskreis-Mitgliedern Hoffnung machen. Denn aus dem Wunsch nach einer Wiedereröffnung „dieses Kleinods, dieses wunderschönen Hauses“ als Bücherei ist mittlerweile die Idee für ein Quartierszentrum mit Bibliothek geworden. „Denn es gibt ja kaum noch Orte, an denen man sich treffen kann, ohne zu konsumieren, also ohne etwas zu kaufen oder Eintritt zu bezahlen“, sagt Tyll. „Die Uerdinger Bücherei war ja eigentlich auch immer ein Treffpunkt.“ Außer ihr sei mittlerweile auch noch das Gemeindezentrum geschlossen worden. Ein Quartierszentrum könne diese Lücke füllen.

Historisches Gebäude könnte Treffpunkt fürs Quartier sein

Das Land fördert solche Treffpunkte – nicht nur, aber auch angesichts der demografischen Entwicklung. Diese Orte sollen unter anderem ermöglichen, dass Menschen möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden leben können und trotzdem Anschluss ans soziale Leben haben, dass sie fußläufig erreichbare Anlaufstellen haben, in denen sie unter Menschen kommen und auch Beratung finden.

Der Arbeitskreis (AK) ist ein loser Zusammenschluss von Menschen, die „eher zufällig zueinander gefunden haben“, wie Tyll es ausdrückt. Anlass war Ende 2010 der erste Schließungsbeschluss für die Uerdinger Bücherei. Derzeit gibt es zehn Mitglieder im AK. Darunter sind Angestellte und Selbstständige, Menschen mit und ohne Kinder, „ganz unterschiedliche Menschen mit zum Glück ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten“.

Zu den Aktionen des Arbeitskreises im Kampf für den Erhalt der Bücherei gehörten Demos, Menschenkette, Unterschriftensammlung. Bei den Montagslesungen gab es bisher Vorlesende zwischen sieben und 95 Jahren.

Sie wurde im Mai 2013 geschlossen: innerhalb eines Tages, nachdem der Stadtrat mit den Stimmen von CDU, FDP und UWG die Haushalts-Sparliste und damit die Schließung verabschiedet hatte. Für die Uerdinger Bücherei ging es um 30 000 Euro.

„Ich glaube, dass nicht nur am Marktplatz 5, sondern auch in anderen Stadtteilen die Quartiere gestärkt werden könnten“, sagt Tyll, die als Selbstständige im Bereich Wohnen und Alter tätig und als Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Wohnberatung NRW ehrenamtlich tätig ist.

Nach dem Ratsbeschluss Mitte vergangenen Jahres, das leerstehende Gebäude der ehemaligen Uerdinger Bücherei „dauerhaft nicht zu verkaufen und die Einrichtung eines Quartierszentrums zu prüfen“, sieht sich der Arbeitskreis bestärkt. „Und wir haben die Hoffnung, dass sich die Politik nach der Oberbürgermeister-Wahl für das Thema stark macht“, so Tyll. Vor der Wahl werde der Arbeitskreis auf jeden Fall Aktionen planen.

Bei der Frage, wann vielleicht klare Verhältnisse geschaffen sein könnten, will und kann sich Tyll zeitlich nicht festlegen. „Ich wünsche mir einfach, dass ich im Januar 2016 bei der Montagslesung vor dem Gebäude stehe und deutliche Perspektiven sichtbar sind. Ich denke, das ist, was sich alle Mitglieder des Arbeitskreises wünschen“, sagt deren sozusagen inoffizielle Sprecherin - weil es solche Ämter im Arbeitskreis eigentlich nicht gibt.

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