An der Issumer Straße 7 wird die Geschichte der Kaufmannsfamilie Daniels erzählt.

Bildhauer Gunter Demnig bei seiner letzten persönlichen Stolperstein-Verlegung in Krefeld, hier an der Inrather Straße.  Archiv
Bildhauer Gunter Demnig bei seiner letzten persönlichen Stolperstein-Verlegung in Krefeld, hier an der Inrather Straße. Archiv

Bildhauer Gunter Demnig bei seiner letzten persönlichen Stolperstein-Verlegung in Krefeld, hier an der Inrather Straße. Archiv

A. Bischof

Bildhauer Gunter Demnig bei seiner letzten persönlichen Stolperstein-Verlegung in Krefeld, hier an der Inrather Straße. Archiv

Krefeld. Vor 77 Jahren, anno 1938, beginnt auch in Krefeld die systematische Verfolgung jüdischer Mitbürger. Jüdische Geschäfte werden am 9. und 10. November 1938 von den Nazihorden zerstört und geplündert, Wohnungen aufgebrochen, Bewohner verprügelt und verhaftet. 63 männliche Juden werden in den nächsten Tagen über Duisburg in das Konzentrationslager Dachau überführt. Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden zur systematischen Verfolgung, die in den Holocaust-Völkermord mündete.

Ab 1941 mussten die Verbliebenen den gelben Judenstern tragen. Es begann in Deutschland und später in Europa die Deportation in die Konzentrationslager, in den Holocaust, dem mindestens 750 Krefelder Juden zum Opfer fielen. Aber auch Christen, Sozialdemokraten, Kommunisten, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte und Kriminelle gehörten zu den Opfern des Nazi-Regimes.

Projekt vom Stadtrat zunächst abgelehnt

Seit der Niederlage des deutschen Faschismus 1945 wird über das Gedenken an seine Opfer gestritten. Vor über zehn Jahren begannen in Krefeld die Diskussionen um die Verlegung von Stolpersteinen. Nach Einwänden der jüdischen Gemeinde im Sommer 2004 beschloss der Stadtrat überraschend am 3. November 2005 die Ablehnung des Projektes. Darauf bildete sich eine Initiative, die die Möglichkeiten eines Bürgerentscheids ins Spiel brachte.

Diese Initiative wurde im Wesentlichen von Schülern und Lehrern der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule getragen. Sie konnten dem Oberbürgermeister in kurzer Zeit rund 14 000 Unterstützer-Unterschriften vorlegen. Weit mehr, als für das Bürgerbegehren nötig war. Auf dieser Basis schlossen Initiative und Stadt einen Kompromiss: in Krefeld konnten Stolpersteine nunmehr verlegt werden, wenn die Hauseigentümer sich nicht ausdrücklich dagegen aussprachen und auch nahe Verwandte der Opfer keine Einwände hatten.

Auf dieser Grundlage hat es bisher drei Aktionen gegeben, bei denen der Kölner Bildhauer Gunter Demnig Stolpersteine in der Stadt verlegte: am 18. Dezember 2006, am 16. Februar 2007 und am 16. Dezember 2011. Insgesamt liegen derzeit 61 Stolpersteine auf Krefelds Straßen. Vier davon erinnern an der Issumer Straße 7 in Linn an die jüdische Familie Daniels.

Ricarda-Huch-Schüler forschten nach

In einer Serie wird die Westdeutsche Zeitung die Stolpersteine in den Stadtteilen vorstellen. Da es in Krefeld 61 sind, erfahren die Leser so, welche in ihrer Nähe liegen und welche Geschichte dahinter steckt.

Das ist ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Es soll die Erinnerung und an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Sinti und Roma, der poltisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig halten.

In etwa 1100 Orten wurden mehr als 46 000 Steine verlegt. Sie liegen unter andere, in Österreich, Belgien, Frankreich, Italien, Kroatien, Russland, der Slowakei.

Oberbürgermeister Gregor Kathstede hat in seiner Ansprache zum Holocaust-Gedenktag 2011 gemahnt: „Es ist lebenswichtig, Erinnerungen wachzuhalten.“ Schüler des Ricarda-Huch-Gymnasiums (1938 in „Karin-Göring-Schule“ benannt) taten dies und forschten nach: Von 1933 bis 1938 mussten 49 jüdische Schülerinnen die ehemals „höhere Mädchenschule“ an der Moerser Straße verlassen. Nach der Pogromnacht 1938 durften jüdische Kinder die Schule nicht mehr besuchen. Mindestens vier Schülerinnen wurden ins KZ deportiert. Unter ihnen war auch Hannelore Daniels.

Artur Daniels (damals 60) war Kaufmann und Viehhändler und wohnte mit seiner sechs Jahre jüngeren Frau Martha (geb. Servos) und den beiden Kindern Kurt (27) und Hannelore (20) in Linn. Dem Sohn Kurt gelang 1939 die Flucht nach England, er hat überlebt. Nach einer „Schutzhaft“ des Vaters im Jahr 1938 erfolgte Vermögensbeschlagnahme und Festnahme. Artur, Martha und Hannelore Daniels wurden am 11. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Hannelore Daniels hat überlebt, ihre Eltern nicht. Für ihren Vater ist das Todesdatum mit dem 5. Januar 1942, nur einen Monat nach der Zwangsdeportation, notiert. Vier Stolpersteine erinnern seit dem 16. Februar 2007 hier an die Familie.

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