Das Areal im Westen der Stadt kämpft immer noch mit seinem Image – zu Unrecht, wie ein Spaziergang der WZ beweist.

Krefeld-Schicksbaum. Blauer Himmel erstreckt sich über roten Dächern. Die Klinker der Häuser sind aus hellem Material. Die Bäume tragen frisches Laub und haben eine stattliche Höhe erreicht. Kinderlachen ertönt auf den Spielstraßen. In den Vorgärten wachsen Malven, Hortensien und Rosen. Kein Unkraut wagt es, sich auf den frisch gefegten Wegen blicken zu lassen.

Der Besucher könnte sich in einer holländischen Feriensiedlung befinden. Doch weit gefehlt. Der Blick schweift durch Schicksbaum. Es ist der Krefelder Stadtteil, dem mit Vorliebe ein schlechtes Image zugesprochen wird und der jetzt zehn Jahre alt ist.

"Es ist eine Unverschämtheit, eine Frechheit, wenn Leute in anderen Stadtteilen sagen, ,wir wollen kein zweites Schicksbaum haben’, wenn es um die Erschließung neuer Baugebiete geht", ärgert sich Gisela Simon, die ihre Sträucher schneidet. "Keiner kennt unseren Stadtteil, aber alle reden negativ darüber, alle wissen, dass es schrecklich ist." Sie wohnt jetzt zehn Jahre dort, gehört zu den ersten Einwohnern.

25 verschiedene Nationen sind im Stadtteil vertreten

Ralf Krings, der Vorsitzende des Bürgervereins, gehörte ebenfalls zu den ersten, die dort bauten. Auch er weiß um das schlechte Bild des Stadtteils. "Es entstand, als ein Investor Grundstücke in russischer Sprache anbot. Alle haben damals gedacht, hier ziehen nur Russen hin. Das hat dem Gebiet geschadet." Die Russen sind jedoch nicht in der Mehrheit; Tamilen stellen die größte Gruppe der ausländischen Bürger.

Der Bezirksbeamte lässt auf Schicksbaum nichts kommen

Zu Spannungen kommt es zwischen den "vereinten Nationen" nicht. "Besondere Kapitalverbrechen verzeichneten wir rückblickend zwischen 2007 und Juni 2010 keine", berichtet Polizeisprecher Dietmar Greger. "Deutlich weniger als fünf Prozent der Straftaten aus dem gesamten Stadtgebiet führten die Kollegen nach Schicksbaum." Bezirkspolizist Reinhold Luttkus lasse gar nichts auf "seinen" Stadtteil kommen, so Greger weiter. Der Bürgerverein sei auch aktiv und trage zum guten Verhältnis bei.

Schicksbaum entstand vor rund 15 Jahren auf der grünen Wiese, um Bauland zu schaffen. 1998 wurde von der Krefelder Bau GmbH ein Architekten-Workshop ausgeschrieben, 2000 waren die ersten 100 Häuser an der Straße Am Mörterhof fertig. In drei Jahren war Schicksbaum zu 70 Prozent bebaut, heute sind es 95 Prozent. Vereinzelte Grundstücke sind also noch zu haben.

Beim Rundgang deutet Krings auf den für ihn "schönsten Vorgarten des Stadtteils" von Familie Kreciglowa aus Polen hin. Stelen schmücken ihn und daneben steht viereckig geschnittener Buchs. Kornelia Kreciglowa erzählt: "Uns wurde damals die Wohnung gekündigt, und wir mussten schnell entscheiden. Wir fühlten uns von Anfang an wohl und mögen die Nachbarn."

Genauso geht es Ferihna Felek, die aus dem griechisch-türkischen Grenzgebiet stammt. "Vorher haben wir mit unseren drei Söhnen in Gatherhof gewohnt. Immer wenn ich hier aufs Feld schaute, habe ich gesagt, wenn da einmal gebaut wird, bin ich dabei." Sie freut sich, wenn die Kinder draußen spielen und sie mit den Nachbarn spazieren gehen kann.

Nur ein Jugendzentrum fehlt den Leuten noch

Im Reihenhaus neben Familie Kreciglowa erfolgt gerade ein Einwohner-Wechsel. "Leerstände sind eher selten in Schicksbaum und betragen nur ein Prozent", so Krings. "Hier gibt es rund 15 bis 20 Prozent Mietwohnungen." Insgesamt besitzt der neue Stadtteil circa 2500 Einwohner in etwa 800 Häusern.

Krings: "Rund 1600 der Einwohner sind Kinder und Jugendliche und sie brauchen dringend ein Jugendzentrum. Wir haben Kindergarten, Schule, Spielplätze für jedes Alter, Behindertenwohnheim und Seniorenresidenz. Das Jugendzentrum fehlt." Die Wiese, auf der es entstehen soll, ist bereits ausgeguckt und gehört der Stadt. "Wir warten die Etatberatungen ab", sagt Krings, der für die Krefelder Wählergemeinschaft im Rat sitzt.

"Wenn wir ein Jugendzentrum bekommen, besitzen wir ein perfektes Stadtgebiet", finden Heiko und Tatjana Krahn, die ihre Freizeit im Sommer gerne im hauseigenen Pool und Strandkorb verbringen. "Unsere Kinder sind jetzt im richtigen Alter dafür. Wir haben vor rund acht Jahren mit den Eltern zusammen gebaut. Bauplätze für ein Zweifamilienhaus gab es damals nicht so viele."

Für Familie Krahn beruht das schlechte Image vor allem auf dem Neid der Leute, "die hier nicht rechtzeitig zugeschlagen haben." Dazu sagt Krings mit einem Schmunzeln: "Tut uns ja leid, dass wir uns alle so wohl fühlen. Hier will keiner weg."

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