Seit 80 Jahren gibt es in Lindental die Siedlergemeinschaft Edelstahl – ein Rückblick in Bildern.

Seit 80 Jahren gibt es in Lindental die Siedlergemeinschaft Edelstahl – ein Rückblick in Bildern.
Die Siedlergemeinschaft zeigt ihre Fotosausstellung in der Sparkassenfiliale an der Forstwaldstraße. In der ersten Reihe stehen die Vorsitzende der Gemeinschaft, Norbert Kalwa (r.) und Hans-Peter Glasmacher. Fotos (2): Jochmann

Die Siedlergemeinschaft zeigt ihre Fotosausstellung in der Sparkassenfiliale an der Forstwaldstraße. In der ersten Reihe stehen die Vorsitzende der Gemeinschaft, Norbert Kalwa (r.) und Hans-Peter Glasmacher. Fotos (2): Jochmann

Günter Ditges war ein Jahr alt, als er nach Lindental kam.

Ein Foto aus der Ausstellung der Siedlergemeinschaft Edelstahl: Zwischen 1949 und 1964 fuhr ein sogenannter Oberleitungsbus (O-Bus) der Krevag vom Hauptbahnhof Krefeld über die Breite Straße, die Marktstraße und die Forstwaldstraße (Lindental) zum Bahnübergang in Benrad. Historische Fotos (3): Siedlergemeinschaft Edelstahl

Der später im Zweiten Weltkrieg zerstörte Bahnhof Lindental.

En et Bennert von der Forstwaldstraße aus gesehen.

Dirk Jochmann, Bild 1 von 5

Die Siedlergemeinschaft zeigt ihre Fotosausstellung in der Sparkassenfiliale an der Forstwaldstraße. In der ersten Reihe stehen die Vorsitzende der Gemeinschaft, Norbert Kalwa (r.) und Hans-Peter Glasmacher. Fotos (2): Jochmann

Krefeld. „Ich war ein Jahr alt, als wir in die Edelstahlsiedlung zogen“, sagt Günter Ditges. Er ist jetzt 81 Jahre alt. Ziehen wir das eine Jahr ab, landen wir bei den 80 Jahren, auf die die Siedlergemeinschaft Edelstahl in diesem Jahr zurückblickt. Mit einer Fotoausstellung in der Sparkassenfiliale an der Forstwaldstraße dokumentiert sie das Jubiläum. Ditges ist bei der Eröffnung dabei und betrachtet die Bilder, die sein Leben nachzeichnen.

Wir schreiben das Jahr 1936 – Hitler ist an der Macht, aber an Krieg denkt die Bevölkerung noch nicht. Die Deutschen Edelstahlwerke machen ihren Mitarbeitern ein Angebot, das die kaum ausschlagen können: 8000 Reichsmark sollen sie aufbringen und dafür 1000 Quadratmeter Grundstück und ein Haus (Haus, Stall, Hofraum) von 150 bis 200 Quadratmetern bekommen. Die Edelstahl-Arbeiter müssen sich förmlich um ein Siedlungshaus bewerben. Wer nicht zum Werk gehört, hat keine Chance.

Die Mitgliedsbeiträge werden noch persönlich kassiert

Die ersten 96 Häuser sind 1936 bezugsfertig, im darauffolgenden Jahr beginnt der zweite Bauabschnitt für weitere 160 Siedlerstellen. Mit den Häusern kommen die Siedler, und mit den Menschen wächst eine Gemeinschaft, die bis heute zusammenhält. Rund 130 Mitglieder hat die Siedlergemeinschaft Edelstahl derzeit. Die beiden Vorsitzenden Norbert Kalwa (1.) und Hans-Peter Glasmacher (2.), beide seit 17 Jahren im Amt, kennen alle – weil sie die Mitgliedsbeiträge immer noch persönlich kassieren.

Die Zeiten, in denen der Vorstand durch die Siedlung zog und die Höhe der Hecken kontrollierte, sind allerdings vorbei. „Wenn die Hecke nicht geschnitten war, gab es einen Anschiss“, berichtet Norbert Kalwa über die alten Zeiten. Damals trafen sich die Siedler allabendlich vor dem Törchen zum Klönen. Das ist lange her: „Als in den 60er Jahren das Fernsehen aufkam, war es mit der regelmäßigen Klönerei vorbei“, sagt Hans-Peter Glasmacher. Er beruft sich auf Aussagen seines Vaters. 1992 gibt es eine weitere Zäsur: Das Reichsheimstättengesetz ist abgeschafft, Nicht-Werksangehörige dürfen jetzt Eigentum in der Siedlung erwerben.

Anderes ist wiederum geblieben. Stolz sind die Lindentaler Siedler auf ihren Martinszug, der eine Klammer für die Gemeinschaft darstellt. Kalwa: „Durch das Alter der Beteiligten musste es zu einem Generationswechsel im Martinskomitee kommen, das für die Organisation zuständig ist.“ Der Vorstand sei auf die jungen Siedler zugegangen und habe ihnen gesagt: „Wenn ihr wollt, dass die Tradition erhalten bleibt, dass Eure Kinder noch einen Martinszug erleben, müsst ihr euch kümmern.“

Das finnische Unternehmen Outokumpu, der heutige Betreiber des Edelstahlwerks, hat keine Beziehung mehr zum früheren Werkschor und hat seine Zahlungen eingestellt. Vielleicht 2018 wieder, heißt es.

Aus dem wenig zerstörten Edelstahlwerk wurden nach dem Krieg die Siemens-Öfen nach England abtransportiert. Glück für Krefeld: Hier konnte kräftig modernisiert werden.

Der Wechsel ist gelungen, nur beim St. Martin selbst tut sich nichts – und das ist gewollt: Seit 40 Jahren ist es immer einer aus der Ziemes-Familie, der hoch zu Ross an den Bischof von Tours und seine Taten erinnert: Jakob war der Erste, dann kamen Uli und Christoph, jetzt reitet wieder ein Uli – natürlich Ziemes – im November durchs Dorf.

Dokumentiert haben die Lindentaler ihre Geschichte in einem Buch – und das ist eine neue Geschichte: Geplant ist, die Produktion an ein sozial engagiertes Unternehmen zu vergeben, eine Druckerei, die Behinderte beschäftig. Letztlich scheitert dieses Vorhaben an den Kosten, es ist für die Gemeinschaft einfach zu teuer. Mit viel Fleißarbeit am Rechner und Klinkenputzen bei Sponsoren gelingt es Dieter Küsters und Hans-Peter Glasmacher dann, das Werk auf den Markt zu bringen. Schon in den ersten Stunden sind 220 Exemplare zu jeweils 20 Euro verkauft. Von den insgesamt 600 Exemplaren bleibt nur eines übrig. Und das gehört der Siedlergemeinschaft.

Neubauten dürfen das „Gesicht“ der Siedlung nicht verändern

Bei so viel Geschichte ist die Gemeinschaft dennoch nicht rückwärtsgewand. Einerseits muss das „Gesicht“ der Siedlung erhalten bleiben, andererseits sollen Innovationen umgesetzt werden. Die Erhaltungssatzung der Stadt Krefeld von 2011 bestimmt, dass hier Neubauten, die nicht in das Siedlungsgebiet passen, keine Chance haben. Bei bestehenden Häusern müssen Fronten und Höhe erhalten bleiben, große Fenster im hinteren Bereich und Photovoltaikanlagen auf dem Dach sind erlaubt.

Während anderorts die Quartiersentwicklung noch in den Kinderschuhen steckt, ist man in Lindental/Gatherhof schon einen großen Schritt weiter. Seit weit über 20 Jahren treffen sich Vertreter von Kindertageseinrichtungen und Familienzentren, Schulen, Vereinen und Kirchen viermal im Jahr zu sogenannten Stadtteilkonferenzen, um wichtige Themen, die den Stadtteil betreffen, zu besprechen und Lösungswege zu finden. Dabei nimmt die Siedlergemeinschaft in Kauf, unbequem zu sein. Zum Beispiel bei der Westumgehung Krefeld, die auch als B 9 bekannt ist und quasi die Oberbenrader Straße ersetzen soll. „Wir sind betroffen“, sagt Norbert Kalwa und kündigt an, die „grüne Lunge“ im Westen Krefelds verteidigen zu wollen.

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