Vor rund 200 Jahren tobte ein Streit um Brenn- und Heizrohstoff wegen unklarer Staatsgrenzen mit den Kurkölnern.

Einst Torfabbaugebiete in Krefeld: Kliedbruch (links) und die Niepkuhlen, die durch den Abbau von Torf erst in der heutigen Form entstanden.
Einst Torfabbaugebiete in Krefeld: Kliedbruch (links) und die Niepkuhlen, die durch den Abbau von Torf erst in der heutigen Form entstanden.

Einst Torfabbaugebiete in Krefeld: Kliedbruch (links) und die Niepkuhlen, die durch den Abbau von Torf erst in der heutigen Form entstanden.

Einst Torfabbaugebiete in Krefeld: Kliedbruch (links) und die Niepkuhlen, die durch den Abbau von Torf erst in der heutigen Form entstanden.

Einst Torfabbaugebiete in Krefeld: Kliedbruch (links) und die Niepkuhlen, die durch den Abbau von Torf erst in der heutigen Form entstanden.

Dirk Jochmann, Bild 1 von 3

Einst Torfabbaugebiete in Krefeld: Kliedbruch (links) und die Niepkuhlen, die durch den Abbau von Torf erst in der heutigen Form entstanden.

Krefeld. Dichtes Gehölz, Heide und sumpfige Niederungen bildeten im Hülser und im Kliedbruch noch vor rund 200 Jahren einen idealen Lebensraum für Wildpferde, Wildschweine und Wölfe. Menschen siedelten dort nicht. Einzig Verbrecherbanden suchten und fanden im Bruch einen bevorzugten Unterschlupf. Denn am Waldwinkel, der „Wilden Niep“, trafen die „Staatsgrenzen“ der Herrlichkeit Krefeld (als Teil der Grafschaft Moers), dem Herzogtum Geldern und Kurköln aufeinander, so dass sich die Diebe und Räuber bei Gefahr schnell in ein anderes Territorium absetzen konnten.

Im Bruchgebiet stachen aber auch Menschen aus allen drei Gebieten in den verlandeten Rheinarmen Torf ab, den sie als Brenn- und Heizmaterial nutzten. Wegen des Rohstoffabbaus kam es seit dem 17. Jahrhundert zum Streit, manchmal sogar zu Militäreinsätzen an den Landesgrenzen.

Grenzen waren im Busch- und Waldgebiet nicht klar definiert

Klied- und Hülser Bruch wurden als Allmende, als Gemeinbesitz, von Kurkölnern und Krefeldern genutzt. Einen vergleichbaren Fall gab es zwischen Linnern, die auch zu Kurköln gehörten, und den Krefeldern (Moers) im Westen von Linn im Bereich zum Dießem. Auch dort wurden Torfgruben ausgebeutet. Obwohl es sich in beiden Fällen rechtlich um Kurkölner-Gebiet handelte, blieb es stets ein Problem, die Grenzen in diesem Busch- und Waldgebiet klar zu definieren. Zumal es geradezu ein sportliches Unternehmen der Untertanen war, von Zeit zu Zeit die Grenzsteine zum jeweils eigenen Vorteil zu versetzen.

Die Grenzen und der Torfabbau lieferten so immer wieder Anlass für Streit. Dieser gewann mit dem Regierungsantritt 1713 des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. (1688 bis 1740) an Schärfe. Die Grafschaft Moers und die Herrlichkeit Krefeld gehörten zum protestantischen Preußen.

Der konfessionelle Gegensatz zum katholischen Kurköln mag auch ein Grund für diese fragwürdige Eskalation gewesen sein. So beschwerten sich Bewohner aus Vluyn und Kapellen im Mai 1717 beim Drosten von Moers, einem Baron von Kinsky, dass ihnen das Torfgraben im Kliedbruch verboten worden sei und die „Kölner“ den Torf komplett für sich in Anspruch nähmen. Und dann stahlen die „Kölner“ auch noch Torf aus moerserischem Gebiet. Die so entstandenen Löcher seien inzwischen eine Gefahr für das weidende Vieh.

Torfstecher in flagranti erwischt und festgenommen

Das Kliedbruch war zwischen dem Herzogtum Geldern, der Grafschaft Moers und Kurköln ein Niemandsland. 

Der Graf von Moers schloss mit der Vorsteherin des Klosters Haus Meer im Jahr 1288 einen Vertrag über Zucht und Fang von Wildpferden im Kliedbruch. Jede Partei durfte zwei Pferde pro Jahr fangen und musste dafür der anderen Partei eine Entschädigung zahlen, die von drei unabhängigen Gutachtern festgelegt wurde.

In der Zeit von 1798 bis 1813 war Krefeld französisch. Die Stadt erlebte einen Modernisierungsschub, der sie zu einem wirtschaftlichen Zentrum werden ließ. Zu dieser Zeit wurden die noch heute genutzten Gräben zur Entwässerung des Kliedbruchs angelegt. 

Immer wieder gab es Streit über die Besitzverhältnisse im Kliedbruch. 1817 wollte Hüls Teile des Kliedbruchs verkaufen, das war aber als gemeinschaftliches Eigentum unverkäuflich. Dennoch gelang es einzelnen Bürgern mit Beziehungen, Parzellen als privates Eigentum zu reklamieren. Erst 1867 wurden die Streitigkeiten bereinigt.

Das Kliedbruch entwickelt sich zur begehrten Wohngegend im Grünen und das ist es heute noch.

Die Beschwerde blieb nicht ohne Wirkung: Im Juli des Jahres erhielt Baron von Kinsky die königliche Order, mit so vielen Soldaten aus der Moerser Garnison wie notwendig gegen die kölnischen Torfgräber vorzugehen. Zudem wurden die Bewohner der beiden Dörfer aufgefordert, sich mit Gewehren, Gabeln und mehr zu bewaffnen. Das Heer aus Bauern und rund 100 Soldaten zog am 26. Juli 1717 gegen die Torfräuber aus. In flagranti erwischte die militärische Übermacht tatsächlich drei Männer, als sie mit Pferdekarren Torf abtransportieren wollten. Das Trio wurde verhaftet und nach Moers gebracht. Man ließ sie jedoch recht bald wieder frei.

Preußen und Kurkölner machen sich Vorwürfe

Danach setzten sich Preußen und Kurkölner in Uerdingen und Hüls an einen Tisch, doch man machte sich lieber gegenseitige Vorwürfe: Die Kölner behaupteten, dass mal 100 oder gar 1000 Morgen Torf von ihrem Territorium abgestochen worden seien. Der Überfall der Soldaten auf das „Torfräubertrio“ habe zudem auf Kölner Gebiet und nicht in Moers stattgefunden, was von den Preußen natürlich vehement abgestritten wurde.

Der Dauerkleinkrieg um den Torf setzte sich also fort und wurde mal mit Beschlagnahmen, Gefangennahmen, Misshandlungen, Erpressen von Lösegeld und Zerstörungszügen geführt: Die Moerser stahlen den Kurkölnern beim Torfstechen mal ihre Nachen (Krähne). Einmal verabreichten Kurkölner einigen Moersern eine kräftige Tracht Prügel. Dabei wurde, so ist es überliefert, ein Hermann Reiners elendig verhauen, man zerschnitt ihm seinen Hut und nahm ihm die Schippe ab.

Ein anderes Mal kamen 300 Kölner zusammen, um einen angeblich von den Moersern versetzten Grenzstein wieder an seine alte Stelle zu bringen. Obwohl auch immer wieder Soldaten in diese Aktionen und Scharmützel eingriffen, kam es nicht zu einem regelrechten Gefecht.

Die Streitigkeiten endeten letztlich im September 1726: Ein auf Schloss Neersen (bei Willich) von preußischen Kommissaren unterschriebener Vertrag wurde anschließend vom Kölner Kurfürsten, dem Kölner Domkapitel und vom preußischen König bestätigt. In dem bestehenden Allmendegebiet bestand fortan ein generelles Verbot, Torf zu stechen. Wer dennoch erwischt werden sollte, wäre sofort verhaftet worden. 

Das Torfstechen im Kliedbruch war nur noch in der Form erlaubt, dass abwechselnd von beiden Seiten bestimmte Areale im Bruch zum Austorfen freigegeben wurden. Im Jahr 1729 begann man, neue Grenzsteine zu setzen. Einige stehen heute noch an ihrem Platz. Red

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