Löst Angelique Kerbers Triumph auch in Krefeld eine neue Begeisterung aus? Die Szene ist skeptisch, hofft aber auf einen Schub.

Krefeld. Deutschland hat wieder einen Tennis-Champion. Der Triumph von Angelique Kerber bei den Australian Open hallt noch nach. 17 Jahre nach dem Abtritt der legendären Steffi Graf hat erstmals wieder eine Deutsche für Furore gesorgt. Das deutsche Tennis: das war in den vergangenen Jahren eher eine Geschichte von Querelen und verpassten Chancen. Gibt es nun eine neue Begeisterung, mehr Anmeldungen in den Vereinen? Die WZ hat sich im Tennis-Kreis umgehört.

Merkel: Kerber und Becker sind nicht vergleichbar

Olaf Merkel, Teamchef des Bundesligisten Blau-Weiß Krefeld, ist verhalten optimistisch: „Ich hoffe auf einen kleinen Boom für Jung und Alt. Aber mal sehen. Die Begeisterung wie bei Becker wird sich nicht wiederholen.“ Merkel ist skeptisch: „Kinder und Jugendliche von heute eifern nicht mehr Sportidolen nach.“ Zudem sei Kerber nicht mit dem jugendlichen Boris Becker zu vergleichen, der im Alter von 17 Jahren Wimbledon gewann. Sie sei schon lange auf der Tour, der späte Grand-Slam-Sieg mit 28 Jahren. Wird aber denn nun wieder genauer gingeguckt? Merkel: „Tennis ist auf Personen bezogen. Nun gibt es einen neuen Star. Vielleicht geht jetzt wieder mehr.“

Jugendwart Plauschin: „Es wurde viel über das Spiel gesprochen“

2,55 Millionen Zuschauer sahen am Samstagvormittag den Sieg über Serena Williams im Nischensender Eurosport. Holger Plauschin, Jugendwart von Blau-Weiß, sagt: „Viele unserer Jugendlichen haben den Erfolg wahrgenommen und das Finale gesehen. Es wurde viel darüber gesprochen. Wir alle hoffen auf eine neue Begeisterung, aber ich bin mir nicht sicher, ob es dazu kommt. So etwas wie mit Becker vor 30 Jahren war einzigartig. Als er spielte, saßen alle vor dem Fernseher.“ Immerhin war Kerber Gesprächsthema Nummer eins bei den Kleinen von Blau-Weiß. Plauschin sagt: „Kerber ist zum Anfassen und hat alle beeindruckt.“

Horst Giesen ist Vorsitzender des Tennis-Kreises Krefeld. Er sieht einen Motivationsschub für junge Leute, einen Boom aber erwartet er nicht. Eher einen „Anfang zu mehr.“ Über die Situation in Krefeld sagt er: „Manche Vereine haben viele Jugendliche, wie Blau-Weiß oder Grün-Weiß St. Tönis. Andere Vereine aber halten nicht mit, haben kaum Nachwuchs. Gerade bei Mädchen aber ist das Interesse am Tennis hoch. Hier könnte es einen Schub geben.“ Durch die deutschen Damen habe sich das Image des deutschen Tennis in den vergangenen Jahren wieder ins Positive verändert.

Ziel muss es sein, Tennis aus dem Schatten zu holen

Im Kreis waren Ende des Jahres 2014 insgesamt 7955 Mitglieder gemeldet, 20 Prozent weniger als 1993. Etwa ein Drittel davon sind Jugendliche. Eine Hochzeit wie vor 25 Jahren, als im Tennis-Land Deutschland förmlich Milch und Honig flossen, wird nicht erwartet. Doch vielleicht gelingt es durch den Kerber-Erfolg, die Sportart aus dem Schatten des Volkssports Fußballs wieder mehr in die Öffentlichkeit zu tragen.

Giesen verweist auf die Einschaltquoten im Endspiel der Handball-EM in der ARD, das Deutschland gewann. 13 Millionen saßen vor dem Fernseher. „Man hat gesehen, welche Euphorie entstehen kann.“

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