Am 19. März 1986 liegt Bayer Uerdingen im Europa-Cup-Duell mit Dresden aussichtslos hinten – und gewinnt 7:3. Ein Jahrhundertspiel. 30 Jahre später schauen die Funkel-Brüder und Werner Vollack zurück.

Die Funkel-Brüder Friedhelm (r.) und Wolfgang (m.) sowie Werner Vollack, 30 Jahre nach Dresden.
Die Funkel-Brüder Friedhelm (r.) und Wolfgang (m.) sowie Werner Vollack, 30 Jahre nach Dresden.

Die Funkel-Brüder Friedhelm (r.) und Wolfgang (m.) sowie Werner Vollack, 30 Jahre nach Dresden.

Jochmann, Dirk (dj)

Die Funkel-Brüder Friedhelm (r.) und Wolfgang (m.) sowie Werner Vollack, 30 Jahre nach Dresden.

Krefeld. 30 Jahre nach dem Wunder sieht Wolfgang Funkel fast unverändert aus. Wenige graue Strähnen durchziehen sein Haar, aber als er an diesem Tag in die Krefelder Grotenburg kommt, könnte man ihn auch gleich weiter auf den Platz schicken. Noch einmal gegen Dynamo Dresden, vielleicht, noch einmal 7:3 gewinnen, noch einmal so unfassbar hoch steigen beim Kopfball. Fast so, dass Wolfgang Funkel, der Junge aus Neuss mit dem etwas kuriosen Laufstil, auch die deutsch-deutsche Mauer hätte überspringen können.

Aber Funkel ist jetzt 57 Jahre alt und Privatier, für ein Wunder ist das zu alt, und: Ein Wunder im Leben reicht dann ja auch. Wolfgang Funkel ist der Protagonist dieses Spiels, das Geschichte geschrieben hat. Mit einer wahnsinnigen Aufholjagd, mit echten Typen, mit einem völligen Zusammenbruch, mit zehn Toren. Und ganz viel Politischem hintendran aus einem deutsch-deutschen Fußball-Duell – etwas mehr als drei Jahre vor dem Mauerfall 1989.

Das Viertelfinal-Rückspiel im Europapokal der Pokalsieger zwischen Bayer Uerdingen und Dynamo Dresden von diesem 19. März 1986 bekommt 2007 sogar den Ritterschlag: Eine Jury des Magazins „11 Freunde“ kürt es zum „besten Fußballspiel aller Zeiten“: Zur Halbzeit stand es noch 1:3 aus Uerdinger Sicht, das Hinspiel hatte Bayer 05 mit 0:2 in Dresden verloren.

45 Minuten blieben also: Untergehen, sich achtsam aus der Affäre zu ziehen – oder doch noch ein Fußball-Wunder schaffen. 7:3. Sieben zu drei! Und in der Nacht setzt sich der Dresdner Spieler Frank Lippmann aus dem Hotel ab. Republikflucht. Die Zukunft ist westlich.

„Ich meine, der Mattes hätte zur Pause gesagt. Komm, scheißegal. Die zeigen das ja live. Lass uns uns hier nicht abschlachten lassen“, sagt Werner Vollack. Er steht an der Seite von Wolfgang Funkel. 30 Jahre danach sind sie noch einmal in die Grotenburg gekommen: Die Funkel-Brüder Wolfgang und Friedhelm. Und Vollack, der Torwart. Zusammen werfen sie einen Blick auf die Szenen des Spiels.

Das ZDF übertrug das erste Mal überhaupt live aus der Grotenburg. 16 Millionen schalteten ein. Aber zur Pause häuften sich die Anrufe beim Mainzer Sender: 1:3 nach 0:2 im Hinspiel – spannend geht anders. Und die zeitgleich spielenden Bayern konnte niemand sehen. Uerdingen?

Einige Tausende im Stadion gehen schon zur Pause. Ganz sicher sind sich die drei nicht, wer das denn jetzt gesagt hat: „Zusammenreißen! Jetzt!“ Matthias Herget, der Libero, beansprucht das für sich. Trainer Karl-Heinz Feldkamp habe nämlich gar nicht mehr viel gesagt zur Pause. Der Feldkamp, der heute 82-jährig in Braunschweig und Mijas zwischen Marbella und Malaga lebt, sei sauer gewesen.

Verständlich. Findet Vollack. „Wir waren ja zu Kallis Zeiten sehr heimstark, auch in der Bundesliga. Wir haben uns schon zugetraut, auch das 0:2 aus Dresden zu drehen.“ Vollacks Augen glänzen, wenn er erzählt. Noch heute. Der Mann ist Typ Torwart. Ein bisschen verrückt. 169 Spiele hat er für Bayer Uerdingen gemacht, danach Homburg, zwei Jahre auch noch Schalke.

Später musste er sein Reisebüro aufgeben, seit 2008 ist er beim Sport- und Bäderamt der Stadt Krefeld, einige Jahre hat er die Grotenburg gepflegt, den Ort des Wunders. „Ich habe mein Auskommen“, sagt Vollack. Er ist zufrieden. Und er denkt an zwei Uerdinger Spieler, die heute nicht mehr leben: Franz Raschid und Horst Feilzer. „Der Franz war einer meiner besten Freunde. Bauchspeicheldrüsenkrebs“, sagt Vollack.

Um 20.15 Uhr wurde das innerdeutsche Europacup-Duell angepfiffen, das 13. seiner Art. 22 000 Menschen sind gekommen, 28 000 hätten hineinpassen in das alte Stadion, Baujahr 1927. Die Anzeigetafel steht heute auf der Anlage von Preußen Krefeld. Und Matthias Sammer, der Dresdner Offensive, der in der 29. Minute durch Torsten Gütschow ersetzt wurde, ist heute Sportdirektor beim FC Bayern.

Dresden war damals eine ansehnliche Ost-Auswahl: Mit Dörner, Häfner, Minge, Kirsten, Pilz, auch Lippmann, den Trainer Klaus Sammer wegen einer Disziplinlosigkeit eigentlich gar nicht mitnehmen wollte in den Westen mit der staatlichen Gesellschaft „Interflug“. Anordnung der Partei: Lippmann dabei – und nach dem Spiel war er dann ganz weg.

Kurze Zeit später war auch Klaus Sammer, Vater von Matthias und später einige Jahre DFB-Trainer, ins Kinder-Trainingszentrumnach Meißen strafversetzt. „Ich will nicht wissen, was die nach dem 3:7 alles mitgemacht haben“, sagt Vollack. Friedhelm Funkel erinnert sich, wie sich die Uerdinger im Hinspiel an der Elbe besprachen. Draußen. „Weil Kalli Feldkamp im Hotel Wanzen vermutete.“

Jetzt, in Uerdingen, lief eine verrückte zweite Halbzeit: Schon zur Pause musste Torwart Bernd Jakubowski draußen bleiben. Wolfgang Funkel blieb beim Zusammenprall unverletzt („Ich hab mich geschützt mit dem Knie“), aber Jakubowski? Schulterbruch. Er stand danach nie wieder im Tor. 2007 starb er in Dresden.

Und auch Jens Ramme, sein 23 Jahre alter Ersatz, wurde in Dresden nicht mehr glücklich: Sechs Tore kassierte er. „Da konntest du merken, der war bei jeder Flanke nervös“, sagt Wolfgang Funkel. Immer angehen. Sagt Friedhelm Funkel. „Bei Toni Schumacher hätte ich mich das nicht getraut.“ Bis dato hatte Ramme nur ein Erstligaspiel absolviert. „Das Spiel in Uerdingen war mein Aus bei Dynamo“, sagte er einmal.

Wolfgang Funkel erzählt, dass eigentlich Timo Konietzka der Architekt des Uerdinger Offensivspiels war. Feldkamps Vorgänger. Mit Herget als vorgezogenem Libero. „Wir sind marschiert, gerannt – wenn wir auf dem Platz waren, waren wir eine Einheit.“ Dabei gab es zwei Gruppen. „Die einen feierten nach dem Dresden-Spiel im La Barca, die anderen bei Enzo, Beides kleine Pizzerien in Uerdingen“, erzählt Vollack. Später zieht der Torwart mit Herget in die Düsseldorfer Altstadt.

Feldkamp moderierte das Ensemble. Kalli, der Heißmacher, der später mit Kaiserslautern noch Deutscher Meister wurde. „Der hatte Power, der konnte motivieren. Wenn wir Sitzung hatten, hatte der Schweißperlen auf der Stirn“, sagt Wolfgang Funkel, der früher ein guter Hochspringer war. Und deshalb jeden Kopfball nahm.

„Wolfgang war für mich der Matchwinner. Das war das Spiel seines Lebens, der ist bestimmt 18 Kilometer gelaufen, der sah nach dem Spiel wie 100 Jahre alt aus“, sagt Bruder Friedhelm.

Alles verselbstständigte sich. Dresdner Spieler als Fahnenstangen. Dietmar Klinger trifft zum 5:3 (78.), ein Tor nur noch. „Die haben sich gegenseitig angeschrien“, sagt Friedhelm Funkel. Elfmeter! Wolfgang Funkel nimmt sich den Ball. „Ich war unheimlich nervös“, sagt er. Er spürt den Druck. Er nimmt langen Anlauf.

„Von der Mittellinie“, feixt Friedhelm Funkel. Der Bruder trifft, er springt hoch, rennt schon wieder nach hinten, weint. Tränen! „Da fiel Ballast ab. Sonst hätten sie vielleicht gesagt: Mein Gott, den wichtigsten Elfmeter verschießt der.“ Danach rettet Vollack zweimal in höchster Not.

Dann: Ecke Dresden, wieder klärt Wolfgang Funkel („den köpfe ich bis zur Mittellinie“), Wolfgang Schäfer rennt los, scheitert an Ramme, bekommt den Abpraller, 7:3 (87.). „Ich war mitgelaufen, den muss er quer spielen. . .“ sagt Funkel noch heute leicht genervt. „Ein richtig guter Spieler“, sagt er, „spielt den quer. Er war ein guter Spieler, aber kein richtig guter Spieler.“ Im Halbfinale scheitert Uerdingen an Atletico Madrid (0:1, 2:3). „Keine Chance“, sagt Friedhelm Funkel, der seit einigen Tagen Zweitliga-Trainer bei Fortuna Düsseldorf ist. In der Liga sind sie am Ende Dritter.

„Wenn die Saison noch einige Spieltage weiter gegangen wäre, wären wir noch Meister geworden“, sagt Wolfgang Funkel. Heute heißt der Verein KFC Uerdingen, der Bayer-Konzern stieg 1995 aus, Oberliga Niederrhein, fünfte Liga – das ist die Gegenwart. Am 24. März sollen die Pokalsieger von 1985 als Ehrenmitglieder ausgezeichnet werden. Gesprochen wird dann wieder über das Wunder von der Grotenburg. „Durch dieses Spiel wird der Name Bayer Uerdingen immer im Gedächtnis von Fußballfans sein“, sagt Friedhelm Funkel. Kein Widerspruch.

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