Fast jedes vierte Krefelder Kind lebt ständig in Armut. An die Ursache will die Stadt Krefeld endlich aktiv ran.

Kinderarmut gibt es überall. Dass sie oftmals mit Einsamkeit einhergeht, ist hier symbolisch festgehalten. Krefeld hat jetzt einen Plan.  Archiv
Kinderarmut gibt es überall. Dass sie oftmals mit Einsamkeit einhergeht, ist hier symbolisch festgehalten. Krefeld hat jetzt einen Plan. Archiv

Kinderarmut gibt es überall. Dass sie oftmals mit Einsamkeit einhergeht, ist hier symbolisch festgehalten. Krefeld hat jetzt einen Plan. Archiv

dpa

Kinderarmut gibt es überall. Dass sie oftmals mit Einsamkeit einhergeht, ist hier symbolisch festgehalten. Krefeld hat jetzt einen Plan. Archiv

Krefeld. Mike kann sich nicht konzentrieren. Der 11-Jährige kommt meistens mit Magenschmerzen zur Schule. Auf seinen Schuhen fehlt ein Streifen, der Pulli ist vom großen Bruder, das Pausenbrot mal wieder schimmelig. Letztens hat Mike den Rest eines Schokoriegels aus der Mülltonne gefischt. Hunger ist unsichtbar, Armut nicht. Krefeld hat Mike zurückgelassen. Elisabeth Ploenes versorgt mit ihrer Krefelder Kindertafel Hunderte Kinder wie Mike. Jeden Tag, seit fast zehn Jahren. Und bekämpft doch nur das Symptom.

An die Ursache will die Stadt Krefeld endlich aktiv ran. Fast jedes vierte Krefelder Kind lebt ständig in Armut. Dem Versprechen der NRW-SPD hat sich Oberbürgermeister Frank Meyer spätestens in seiner Ansprache beim Neujahrsempfang selbst verpflichtet, nun will auch Krefeld „Kein Kind zurücklassen“ (Kekiz). Und reagiert zunächst mit Schlüsselpersonalien. Zur Stärkung des Teams Frühe Hilfen kam am 1 April mit Markus Schön der neue Jugendamtsleiter mit reichlich Vorschuss-Lorbeeren aus München. Der darf jetzt den mit A 13 dotierten Job des Kekiz-Koordinators vergeben. Als Stabstelle seines Büros. Außerdem nimmt im Mai eine Steuerungsgruppe mit Fachleuten die Arbeit auf.

„Wir alle haben eine Verpflichtung, für den Nächsten da zu sein.“

Elisabeth Ploenes, Chefin der Kindertafel

Für Kinder wie Mike kommt das wahrscheinlich zu spät. Kindertafel-Chefin Elisabeth Ploenes kennt diese Schicksale zur Genüge. Und sie beobachtet über die Jahre Entwicklungen: „Es sind immer häufiger die Kinder von alleinerziehenden Müttern, die noch andere Probleme haben. Mütter, die das Thema Schule nicht annehmen oder bei denen der Kindsvater den Unterhalt nicht zahlt.“

Kinder wie Mike haben dann oft noch Geschwister und leben in Brennpunkten, wo die Mieten erschwinglich und zu viele Häuser heruntergekommen sind. Ploenes weiß, dass ihre Arbeit die Probleme nur lindern kann. Auch sie setzt auf Veränderung, die Kinderarmut bei den Wurzeln packt. „Ich will sehen, dass sich etwas verändert.“

Dieser Ball liegt jetzt im Spielfeld der Stadt. Markus Schön bastelt im Rahmen der klammen haushalterischen Möglichkeiten an der Infrastruktur. „Nächsten Freitag ist Bewerbungsschluss für unsere Kekiz-Koordinatorenstelle. Wir suchen nach ausgebildeten Sozialwissenschaftlern, und ich bin sicher, dass es sehr qualifizierte Frauen und Männer geben wird, die diese Aufgabe reizt.“ Die soll in erster Linie darin bestehen, einen Datenabgleich zwischen der Jugendhilfe und Schule zu institutionalisieren. Eine Informationsbasis zu schaffen, auf der die Kekiz-Arbeit aufbauen kann.

Es begann damit, dass die Krefelder Tafel Lebensmittelengpässe für bedürftige Familien mit Kindern hatte. Durch die Einführung der Kindertafel können gezielt Kinder an Grundschulen und Kitas unterstützt werden.

 

An mehreren Schulen zahlt die Kindertafel den Elternanteil für ein Mittagessen. Ein warmes Essen ist für bedürftige Kinder oft keine Selbstverständlichkeit.

 

Seit Mai 2010 sorgt die Kindertafel zudem an 22 Grund- und Förderschulen dafür, dass alle bedürftigen Kinder in der Frühstückspause Milch oder Kakao bekommen. In anderen Kitas, Schulen und sozialen Einrichtungen gibt es eine Unterstützung für gesunde Snacks wie Obst, Joghurt oder Gemüse. Außerdem wird der Kochunterricht in Schulen mit Lebensmitteln gefördert.

 

Am Freitag, 12. Mai, feiert die Kindertafel ihr Zehnjähriges.

 

Die Arbeit des Ploenes-Teams datiert im Jetzt. Zur Tafel gehören insgesamt 140 Mitarbeiter, die in ihrer Freizeit etliche Stunden für den Dienst an bedürftigen Krefeldern investieren.

„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu lange theoretisch bleiben.“

Markus Schön, Jugendamtsleiter

„Wir alle haben eine Verpflichtung, für den Nächsten da zu sein“, sagt Elisabeth Ploenes. „Wer Solidarität erfährt, wird später vielleicht selbst solidarisch sein.“ Ein bisschen Sozialromantik, viel Überzeugung. Allein für die Kindertafel braucht es jährlich 70 000 Euro an Spenden, um die vielfältigen Aufgaben bewältigen zu können (siehe Kasten). Beliefert und unterstützt werden derzeit 23 Krefelder Schulen und 26 Kitas. Und damit direkt auch Kinder wie Mike. 700 Tonnen Lebensmittel bewegt die Krefelder Kindertafel per anno. Ohne Getränke.

Das zweite neue Kekiz-Werkzeug der Stadtverwaltung wird die Steuerungsgruppe sein, besetzt mit Experten von der Arbeitsagentur, der Schulaufsicht, dem Stadtsportbund, den Wohlfahrtsverbänden oder den Frühen Hilfen. Auch das Büro des Oberbürgermeisters ist direkt involviert. „Hier sollen vor allem die familiären Umstände beim Einstieg in die Kita und dann beim Übergang von der Kita in die Grundschule untersucht werden“, erklärt Jugendamtsleiter Schön.

Der Mann weiß, wie sich das anhört: „Das benötigt alles einen langen theoretischen Vorlauf und wir müssen ein wenig aufpassen, dass wir nicht zu lange zu theoretisch bleiben.“ Deshalb will Schön parallel etwas forcieren, das er „Quick Wins“ nennt, schnelle Erfolge also. „Wir verfügen in der Stadt schon jetzt über so viele tolle Ressourcen, zum Beispiel die kulturelle Bildung an der Musikschule unter der Leitung von Herrn Schürmanns. Die wollen wir nun aktiv vernetzen.“

Derweil läuft das „Tagesgeschäft“ bei den fleißigen guten Seelen um Elisabeth Ploenes weiter. Es produziert Geschichten wie die von Mike, von zurückgelassenen Kindern, von überforderten Müttern, von Scham und Ausgrenzung.

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