Der nach Krefeld geflüchtete Hartmut H. muss jetzt fürchten, dass belastende Akten die hiesige Staatsanwaltschaft erreichen.

Kamerateams 1988 vor der „Wohltäterin“ Dignidad. Die deutsche Kolonie war so groß wie das Saarland. (dpa)
Kamerateams 1988 vor der „Wohltäterin“ Dignidad. Die deutsche Kolonie war so groß wie das Saarland. (dpa)

Kamerateams 1988 vor der „Wohltäterin“ Dignidad. Die deutsche Kolonie war so groß wie das Saarland. (dpa)

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Kamerateams 1988 vor der „Wohltäterin“ Dignidad. Die deutsche Kolonie war so groß wie das Saarland. (dpa)

Krefeld. Seit Freitag ist der Arzt und frühere Leiter des Krankenhauses der deutschen Sekte „Colonia Dignidad“ (heute „Villa Baviera“) in Chile rechtskräftig zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt – wegen Beihilfe und Verdunkelung beim 20-fachen Kindesmissbrauch durch Sektengründer Paul Schäfer. Der war 2010 im Gefängnis von Santiago de Chile gestorben.

Die vor Gericht verhandelten Taten sind zwischen 1993 und 1997 passiert – es soll sich nur um einen Bruchteil der jahrzehntelangen Missbrauchshandlungen an Jungen durch Schäfer handeln. Viele Opfer sollen Kinder von Chilenen gewesen sein, die wirtschaftlich von den Deutschen abhängig waren.

Neben H. verurteilte der Oberste Gerichtshof (Corte Suprema) in Chile fünf weitere Männer aus dem engen Umfeld Schäfers zu Haftstrafen zwischen fünf und elf Jahren, 15 weitere Personen auf Bewährung ausgesprochen. Noch am Tag der Entscheidung des Revisionsverfahrens ist das 57-seitige Urteil auf der Homepage des Corte Suprema veröffentlicht worden.

Im Mai 2011 setzte sich der Arzt aus Chile ab

Anfang Mai 2011 hatte die Prüfung des zweitinstanzlichen Urteils begonnen, kurz danach war H. über Argentinien und Brasilien nach Deutschland geflüchtet, ahnend, was ihm drohte. Nach kurzem Aufenthalt in der Eifel und in Willich, wo er Sozialhilfe kassierte, Miete und Kaution aber in bar und teils im Voraus zahlte, zog er mit seiner Frau Esther Dorothea (78), einer Krankenschwester engen Vertrauten des Sektengründers, nach Krefeld. Jetzt wohnt er mitten in der Stadt, nicht weit von der Alten Kirche entfernt. Mittlerweile hat er wieder den Mut, das Klingelschild mit seinem Namen zu versehen.

Geheimdienst soll in der Kolonie gefoltert haben

Die Entscheidung vom 25. Januar hat der Krefelder Oberstaatsanwalt Klaus Schreiber „mit Interesse und Überraschung“ registriert. Er leitet das Ermittlungsverfahren gegen den 67 Jahre alten Hartmut H., hat 2012 mehr als ein Dutzend ehemaliger Bewohner der „Colonia Dignidad“ vernommen – ohne jedoch einen Durchbruch erzielt zu haben.

Hartmut H., geb. 1944, hat laut eigenen Angaben nach dem Studium in den USA ab 1978 als Arzt in der Colonia Dignidad gearbeitet. Er besitzt eine bayerische Approbationsurkunde. Verheiratet ist er mit einer zehn Jahre älteren Krankenschwester und Vertrauten des Sektengründers Schäfer.

Dabei ging es hauptsächlich um den Vorwurf der schweren Körperverletzung: Auf H.’s Geheiß sollen Bewohnern Psychopharmaka verabreicht worden sein, unter dessen Einwirkung sie bei Reparaturarbeiten vom Dach fielen und sich schwer verletzten. Auch Vorwürfe wegen Beihilfe zum Mord an drei Gegnern des Pinochet-Regimes stehen noch im Raum. Denn Pinochets Geheimdienst soll die unterirdischen Kammern auf dem riesigen Areal der „Colonia“ (so groß wie das Saarland) zur Folter von Gegnern genutzt haben. Die Sekte musste keine Steuern zahlen, verdiente mit Landwirtschaft viel Geld.

„Vielleicht erhalten wir jetzt Akten aus Chile zu den Missbrauchsfällen“, hofft Schreiber. Im fernen Santiago ist natürlich bekannt, dass die deutsche Justiz gegen den ehemaligen Sektenarzt ermittelt und er als deutscher Staatsangehöriger nicht ausgeliefert wird. Falls die chilenische Justiz von sich aus keine Unterlagen zusende, denkt Schreiber über ein Rechtshilfeersuchen nach.

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