Das Verhalten von Schreibabys belastet die Mutter- Kind-Beziehung und kann viele Gründe haben.

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Wenn ein Baby nur schreit, belastet das die Eltern sehr.

Wenn ein Baby nur schreit, belastet das die Eltern sehr.

dpa

Wenn ein Baby nur schreit, belastet das die Eltern sehr.

Krefeld. Alles dreht sich nur noch um den neuen Erdenbürger - Mama und Papa schaukeln das Baby, fahren mit dem Auto umher, stellen es auf die rüttelnde Waschmaschine oder föhnen ihm unentwegt den Bauch - nur, damit es sich endlich beruhigt.

Schreibabys belasten Eltern, ihre Beziehung und bringen sie an den Rand der Erschöpfung. "Früher wurde geraten, das Baby schreien zu lassen. Heute geht man anders an die Problematik heran", sagt Dietmar Siegert, der Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Krefeld.

Seit Januar gibt es beim Kinderschutzbund eine Beratungsmöglichkeit für betroffene Eltern. Die erste Sprechstunde zu diesem Thema gab es 1991 in München. "Krefeld hinkt hinterher und bietet nicht viele Anlaufstellen", sagt Siegert. Jeden Mittwoch können geplagte Eltern sich nach Terminabsprache von Krankenschwester und Stillberaterin Monika Hanßen beraten lassen. Hanßen ist selbst sechsfache Mutter und eines ihrer Kinder war auch ein Schreibaby.

Ein Teufelskreis: Auf Unsicherheit folgen Hilflosigkeit und Aggressivität

"Es ist wichtig, dass den Eltern schnell geholfen wird - deshalb bieten wir innerhalb einer Woche den erste Termin an" verspricht Hanßen. "Oftmals wird von einer Drei-Monats-Kolik ausgegangen, aber dass die Probleme anderer Natur sind, daran denken wenige", bemängelt Hanßen. Babys, die unentwegt schreien sind regulationsgestört. Auch wenn sie optimal versorgt sind, schreien sie - ihre Mutter ist ratlos und frustriert, weil ihre Fürsorge nicht belohnt wird, indem ihr Kind zufrieden ist.

"Es besteht eine Differenz zwischen Vorstellung und Realität", beschreibt Hanßen die Situation, die fatal ist, wenn die Mutter keine gefestigte Beziehung hat. Auf Unsicherheit folgt Hilflosigkeit, Aggressivität darauf Schuldbewusstsein und dann schlechtes Gewissen - der Negativkreislauf beginnt. "Körperlich macht sich der Stress ebenfalls bemerkbar. Die Mütter schlafen schlecht, haben Kopfschmerzen, sind verspannt und achten nicht auf ihre Ernährung", sagt die 42-jährige Beraterin. Schlimmstenfalls endet der Prozess in Ablehnung und die Bindung zum Kind ist gestört.

"Wann ein Baby wirklich ein Schreibaby ist, muss subjektiv beurteilt werden", sagt die Krisenbegleiterin. Neben medizinischen Gründen wie Wirbelsäule-Schmerzen ist Reizüberflutung als Grund denkbar. Es kann auch sein, dass durch die Geburt Probleme der Eltern hochkommen, die vorher kein Thema waren. Denn nicht nur beim Baby sind die Ursachen zu suchen: "Das Baby merkt, dass es der Mutter nicht gut geht und weint für sie."

Hanßen, die bei der Berliner Schrei-Ambulanz gelernt hat, schaut sich zunächst soziales Umfeld und Persönlichkeit der Mutter an und überlegt, mit welchen Strukturen sie zu stärken und zu entlasten ist. "Die Mütter denken, dass sie alles alleine schaffen müssen", deckt Hanßen einen Trugschluss auf. Siegert fügt hinzu: "In Krefeld gibt es einen hohen Anteil alleinerziehender Mütter. Die haben keine Möglichkeit, etwas für sich zu tun."

Siegert betont, dass Eltern nicht alles klaglos hinnehmen und sich in Frage stellen sollen. In der Schreibaby-Sprechstunde gibt es praktische Anregungen, Atemübungen und Massagen für das Baby. "Die Mütter wissen gar nicht mehr, was ihnen gut tut. Ich bestätige und stärke sie", sagt Beraterin, die darauf Wert legt, dass es allen in der Familie gut geht.

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