Dr. Andreas Horn, Chefarzt der Psychiatrie am Alexianer, erklärt, was in den Köpfen von Betroffenen vor sich geht.

Dr. Andreas Horn, Chefarzt der Psychiatrie am Alexianer, erklärt, was in den Köpfen von Betroffenen vor sich geht.
Lukas Stahl (r.) im Gespräch mit Psychiater Dr. Andreas Horn.

Lukas Stahl (r.) im Gespräch mit Psychiater Dr. Andreas Horn.

Bischof

Lukas Stahl (r.) im Gespräch mit Psychiater Dr. Andreas Horn.

Krefeld. „A Beautiful Mind“ (2001), „Donnie Darko“ (2001) oder „Das weiße Rauschen“ (2002): Wahnvorstellungen und Halluzinationen bieten Stoff, aus dem nicht nur in Hollywood Filme gemacht werden. Filme, die eindrucksvoll zeigen, wie die Schizophrenie schleichend die Hauptrolle im Leben der Protagonisten übernimmt – was auch in der Realität der Betroffenen keine überspitzte Darstellung ist. Ein Gespräch mit Dr. Andreas Horn, ärztlicher Direktor der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie der Alexianer, über Ursachen, Diagnose und Therapie dieser schweren, psychischen Erkrankung.

Dr. Horn, bei Schizophrenie denkt der Laie häufig an eingebildete oder multiple Persönlichkeiten.

Dr. Andreas Horn: Schizophrenie ist eine Informationsverarbeitungs- und Kommunikationsstörung. Wenn man einen gesunden Menschen zwei, drei Tage in einen schallisolierten Raum setzt, fängt er auch an, zu halluzinieren. Warum? Weil das Gehirn Reize von außen braucht, sonst fängt es an, sie selbst zu produzieren. Klassischerweise ist Schizophrenie die Erkrankung, die man mit Halluzinationen in Verbindung bringt. Häufig sind es akustische Halluzinationen, Betroffene hören etwa Stimmen, die sie beschimpfen, oder gleich mehrere, die sich über einen unterhalten oder dem Betroffenen Befehle geben. Zur Schizophrenie gehören aber auch optische oder taktile Halluzinationen, etwa ein ungutes Gefühl auf der Haut, und Wahnvorstellungen. Manche Betroffene fürchten, dass sie von jemandem verfolgt werden, der ihnen etwas Böses will.

Was passiert im Kopf eines Menschen, der unter einer schizophrenen Psychose leidet?

Horn: Hinter dieser psychischen Störung steckt eine Botenstoffstörung im Hirn, die Einfluss auf Motorik und Denkprozesse nehmen kann. Biochemisch gesehen ist Schizophrenie das Gegenteil von Parkinson. Parkinsonpatienten zittern, laufen stockend, frieren förmlich ein. Grund dafür ist ein Mangel des Botenstoffes Dopamin im Gehirn. Bei jemandem, der unter einer schizophrenen Psychose leidet, gibt es ein Ungleichgewicht bei der Verteilung des Dopamins: Auf der Bahn, die über Emotionalität entscheidet, herrscht ein Dopaminüberschuss, auf der, die für zielgerichtetes Handeln bestimmt ist, gibt es zu wenig.

Welche Auswirkungen hat diese Botenstoffstörung konkret?

Horn: Durch die Dopaminüberflutung entsteht ein Verwirrspiel im Gehirn. Durch den Dopaminüberschuss werden Sinnesreize wie eine einfache Handberührung zigfach verstärkt, so dass diese als bedrohlich interpretiert werden kann. Entsprechend ängstlich oder abweisend gereizt reagiert der Betroffene. Patienten leiden unter einer formalen Denkstörung. Das heißt, unzusammenhängende Gedanken werden verknüpft, das erschwert die Kommunikation mit anderen.

Was sind die Ursachen für diese Störung?

Horn: Es gibt gewisse genetische Veranlagungen, aber auch äußere Faktoren, etwa ein Infekt während der Schwangerschaft oder ein traumatischer Geburtsverlauf können zu diskreten Beeinträchtigungen bereits in der Kindheit führen, die für den Betroffenen möglicherweise aber nie von Bedeutung werden. Man bezeichnet diese Faktoren als „First Hit“. „Second Hit“ sind Stress-Faktoren. Dazu gehören etwa die Hormonumstellung während der Pubertät, das erste Mal Verliebtsein, der Auszug aus dem Elternhaus, aber insbesondere auch Drogenkonsum, der sich persönlichkeitsverändernd auswirken kann, die Wahrscheinlichkeit erhöht, eine Schizophrenie zu entwickeln, und das Rückfallrisiko erhöhen kann. Häufige Folgen sind Antriebslosigkeit, sozialer Rückzug, mangelnde Selbstfürsorge, berufliche Leistungseinbußen bis zu depressiven Episoden. Man spricht hier von einer Vorlaufphase, die bis zu fünf Jahren dauern kann. Am Ende dieser Phase sind Betroffene übersteigert misstrauisch und entwickeln eine schizophrene Psychose.

Wie viele Menschen sind von dieser Erkrankung betroffen?

Horn: Etwa 800 000 bis 1,6 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Schizophrenie, das entspricht ein bis zwei Prozent der deutschen Bevölkerung. Betroffen sind häufig junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren. In ihrer Frühphase ist die Schizophrenie nur schwer zu erkennen.

Wie kann sie behandelt werden?

Horn: Die Schizophrenie ist eine schwere psychische Erkrankung, mit einem nicht unerheblichen Teil von Verläufen, die stationäre Aufenthalte und eine lange anschließende ambulante Behandlung erfordern. Ohne Behandlung führt die Psychose zu einer starken Verwirrung der Betroffenen, durch Rückzug und Reizabschirmung versuchen viele, sich zu schützen. Dieser Schutz ist die erste wichtige Behandlungsmaßnahme. Stress verstärkt die Dopamin-Überreizung, Stressabbau verringert sie. In der Therapie versucht man, gemeinsam mit den Betroffenen herauszufinden, was Stress auslöst, und wann er zu viel wird – da nämlich die Symptome unter Stress auftreten. Ganz wichtig ist es auch, über die Erkrankung aufzuklären: Woher kommt sie? Was sind Frühwarnsymptome? Und einen Krisenplan zu entwickeln: Wen rufe ich im Notfall an, wann nehme ich Medikamente und wie wirken sie?

Welche Rolle spielen Medikamente in der Therapie?

Horn: Sie haben einen hohen Stellenwert in der Behandlung – wer gut eingestellt ist, hat meist auch gute Erfolgsaussichten.

Ist Schizophrenie heilbar?

Horn: Grundsätzlich ja, die Symptome können verschwinden, es bleibt das Rückfallrisiko. Eine schizophrene Psychose kann einmalig auftreten und anschließend nie wieder. Sie kann aber auch in Schüben, also wiederkehrend mit freien Intervallen oder verbunden mit einer Restsymptomatik, die dennoch ein weitgehend normales Leben ermöglicht, verlaufen. Ziel von Therapie ist es dabei immer, Lebensqualität für Betroffene zu erzeugen.

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