1960 werden an 40 Kleinkindern Impfstoffe gegen Polio getestet – im Säuglingsheim des Krefelder Frauenvereins an der Kaiserstraße.

1960 werden an 40 Kleinkindern Impfstoffe gegen Polio getestet – im Säuglingsheim des Krefelder Frauenvereins an der Kaiserstraße.
Unter der Aufsicht von Dr. Max Wollenweber wurden im Krefelder Säuglingsheims Medikamenten-Tests an Kindern im Alter zwischen vier und 18 Monaten durchgeführt. Repros (2): Bischof

Unter der Aufsicht von Dr. Max Wollenweber wurden im Krefelder Säuglingsheims Medikamenten-Tests an Kindern im Alter zwischen vier und 18 Monaten durchgeführt. Repros (2): Bischof

Das Säuglingsheim auf dem ehemaligen Gelände des Tiergartens an der Kaiserstraße: 1960 wurden hier Impfwirkstoffe gegen Polio an Kindern getestet.

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Unter der Aufsicht von Dr. Max Wollenweber wurden im Krefelder Säuglingsheims Medikamenten-Tests an Kindern im Alter zwischen vier und 18 Monaten durchgeführt. Repros (2): Bischof

Krefeld. Es ist kaum zu glauben. Die Unterlagen sind frei zugänglich. Jahrzehntelang hatte sich keiner an ihnen gestört. Dabei bergen sie ein dunkles Geheimnis des Krefelder Säuglingsheims. Unter dem Titel „Probleme der Wirkungsprüfung von Poliomyelitis-Impfstoffen“ kann es jeder nachlesen. 1960 wurden an Kindern im Säuglingsheim Krefeld die Präparate Virelon und Trivirelon der Behringwerke A.G., Impfwirkstoffe gegen Polio (Kinderlähmung), erprobt. Medizinische Tests an lebenden, wehrlosen Versuchspersonen – mitten in Krefeld. Und das ausgerechnet in dem 1953 neu errichteten Vorzeige-Säuglingsheim auf dem ehemaligen Tiergartengelände.

In der wissenschaftlichen Publikation vom 5. Februar 1961 von Ferdinand Müller und Dieter Ricken vom Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Medizinischen Akademie in Düsseldorf heißt es: „Die Untersuchungen wurden an zwei Gruppen von je 20 gesunden Säuglingen bzw. Kleinkindern im Säuglingsheim des Krefelder Frauenvereins durchgeführt.“ Die Kinder waren zur Zeit der Studie zwischen vier und 18 Monaten alt.

Nach Ansicht der Mediziner waren Tests an menschlichen Versuchspersonen zu dieser Zeit unerlässlich, da die Impfstoff-Testungen an Tieren keine verbindlichen Aussagen über die Antikörper erzeugende Wirkung bei Menschen zulassen würden.

„Ob und wer seinerzeit eine Einwilligung zu den Impfungen erklärt hat, wissen wir nicht.“
Ulrich Hattstein, Vorstandsmitglied Frauenverein Krefeld

Dem Frauenverein als Leiter der Einrichtung und dem damals zuständigen Kinderarzt Dr. Max Wollenweber wurde für die Unterstützung bei der Durchführung der Tests in dem Bericht sogar explizit gedankt. „Dem Krefelder Frauenverein, seinem Heimarzt, Herrn Dr. med. Wollenweber, und den Schwestern des Säuglingsheimes danken wir für das Entgegenkommen, die Impfungen in diesem Hause durchführen zu dürfen, und die stete Hilfsbereitschaft“, heißt in einer Fußnote des Berichts wortwörtlich.

Offensichtlich wurde die Forschungsmethodik öffentlich gebilligt. Zu diesem Schluss kommt auch der heutige Vorstand des Frauenvereins Krefelds. „Da in dem wissenschaftlichen Bericht hierüber neben einem niedergelassenen Kinderarzt auch ausdrücklich dem Krefelder Frauenverein gedankt wird, gehen wir davon aus, dass diese Impfreihe mit Wissen und Billigung des Vereins durchgeführt wurde“, erklärt Vorstandsmitglied Ulrich Hattstein.

Der bei den Versuchen 1960 verwendete Impfstoff war im Paul-Ehrlich-Institut in Frankfurt am Main laut Angaben in dem wissenschaftlichen Bericht aus dem Jahr 1961 entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen staatlich geprüft.

Aufmerksam geworden auf die medizinischen Versuche an den Heimkindern in Krefeld war die Krefelderin Pharmazeutin Sylvia Wagner, die bei Recherchen für ihre Doktorarbeit zahllose Medikamenten-Tests an Kindern und Säuglingen aufgedeckt hatte.

Frauenverein besitzt keine Unterlagen mehr aus dieser Zeit Die Frage nach der Verantwortlichkeit für die Durchführung der Tests sei heute nicht mehr zu beantworten. Denn der Frauenverein besitzt zu der betreffenden Zeit nach eigenen Angaben keine Unterlagen. „Zur damaligen Zeit beschränkte sich die Dokumentation darauf, dass die Personalien der untergebrachten Kinder und deren Verweildauer in Büchern festgehalten wurden. Ob und wer seinerzeit eine Einwilligung zu den Impfungen erklärt hat, wissen wir nicht“, sagt Hattstein.

Aus den Unterlagen des Stadtarchivs geht lediglich hervor, dass der Mediziner Dr. Max Wollenweber, dessen Frau dem erweiterten Vorstand des Frauenvereins angehörte, nicht nur als Kinderarzt in der Stadt praktizierte, sondern im Säuglingsheim zu dieser Zeit auch als Vertrauensarzt fungierte. Ob er die Impftests selber durchführte oder nicht, bleibt unklar. Vorsitzende des Frauenvereins war von 1949 bis 1970 Margarete Engländer, die zusammen mit den Mitgliedern ihres Vereins großen Anteil daran hatte, dass das Säuglingsheim nach dem zweiten Weltkrieg auf dem Gelände des ehemaligen Tiergartens neu gebaut werden konnte. Sie wurde später Krefelds erste Ehrenbürgerin. Die Mitglieder hatten zum Neuaufbau des durch eine Fliegerbombe an der Petersstraße zerstörten Säuglingsheims eine sechsstellige Summe gesammelt. 1969 wurde die Einrichtung an der Kaiserstraße zum Kinderheim. Zwei Jahre danach erhielt sie den Namen Kastanienhof.

In dem Heim waren in den 1960er-Jahren durchschnittlich rund 100 vernachlässigte, verwaiste oder ausgesetzte Kinder. Rund 30 Personen waren zu dieser Zeit im Heim angestellt.

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