Das Aus der Geburtshilfe schlägt Wellen. Wäre sie zu retten gewesen? Und wie sieht künftig die Versorgung aus?

Elke Freitag fühlt sich „unchristlich behandelt“.
Elke Freitag fühlt sich „unchristlich behandelt“.

Elke Freitag fühlt sich „unchristlich behandelt“.

Bärbel Ostermann befürchtet Geburten am Fließband.

Sagen Sie Ihre Meinung am WZ-Mobil.

A. Bischof, Bild 1 von 3

Elke Freitag fühlt sich „unchristlich behandelt“.

Krefeld. Dass es nicht geräuschlos abgeht, wenn ein Krankenhaus seinen Kreißsaal für immer schließt, muss den Verantwortlichen klar gewesen sein. Auf kaum einem medizinischen Feld sind so viele Emotionen im Spiel wie bei der Geburt eines Kindes. Das Vokabular der Geschäftsführung steht im krassen Gegensatz dazu: unwirtschaftlich, rückläufig, hochdefizitär. Fertig, Licht aus, Tür zu.

„Klar hätte man uns retten können.“
Elke Freitag, Hebamme

Doch so einfach ist das nicht. Zumal es beim St. Josefshospital vielleicht andere Lösungen gegeben hätte. „Klar hätte man uns retten können“, sagt die leitende Hebamme Elke Freitag, die wie viele Kolleginnen seit über 20 Jahren in Uerdingen arbeitet. „Aber selbst eine letzte Chance wollte man uns nicht geben.“

Diese letzte Chance hätte ein so genanntes Belegsystem bringen können. Die acht fest angestellten Hebammen wären von der Lohnliste verschwunden und künftig direkt von den Krankenkassen bezahlt worden. „Das hätte Personalkosten von rund einer halben Million Euro eingespart“, erklärt Bärbel Ostermann, die als Beleghebamme arbeitet, auch in Uerdingen.

Noch vor einigen Wochen war Ostermann im Haus an Gesprächen über ein solches Modell beteiligt, sagt sie. „Es gab ein komplettes Konzept. Ich wurde vertröstet, dass man sich melden würde.“

„Für die Hebammen ist in diesem Haus kein Platz mehr“

Stattdessen meldete sich die Leitung auf andere Weise: Am Mittwoch wurde in einer Versammlung das Aus verkündet. „Der Pflegedirektor hat mir ins Gesicht gesagt: ’Für die Hebammen ist in diesem Haus kein Platz mehr.’“ Die fünf Kolleginnen um die 50 stünden „vor dem Nichts“.

Uerdingen Laut Ottmar Köck, Geschäftsführer Region Rheinland bei der St. Franziskus-Stiftung, ist die Umwandlung in ein Belegsystem „eingehend geprüft“ worden. Die Einsparung von 500.000 Euro könne man „nicht bestätigen“. Zwar gebe es zuletzt einen „leicht positiven Trend“ bei den Anmeldungen, aber die notwendigen 800 Geburten pro Jahr seien in weiter Ferne. Die Geburtsklinik sei im dritten Jahr „hochdefizitär“.

Helios Das Klinikum betont, das neue Mutter-Kind-Zentrum sei für die „familienfreundliche Geburt“ in „persönlicher Umgebung“ konzipiert. Es gebe „ausreichend Kapazitäten“. Um auf steigende Zahlen zu reagieren, gebe es aktuell Gespräche, das Hebammenteam zu verstärken.

Dass sie in der gynäkologischen Station weiterbeschäftigt werden, sei ausgeschlossen, hieß es. Dafür hätten sie nicht die richtige Ausbildung. „Paradoxerweise durften wir aber immer aushelfen, wenn Personalmangel war“, erzählt Freitag. So kurz vor Weihnachten auf diese Weise abserviert zu werden, findet sie unerträglich: „Ich hätte nicht gedacht, dass wir in einem kirchlichen Haus so unchristlich behandelt werden.“

Die Anmeldezahlen gingen zuletzt offenbar nach oben

Wütend sind die Hebammen auch darüber, dass das Ende in einer Phase kommt, in der es gefühlt wieder aufwärts ging. „Die Ordner sind bis Juni 2012 deutlich besser gefüllt als in den Vorjahren“, erzählt Ostermann. Für 2011 sei die von der Geschäftsführung verbreitete Zahl von 480 Geburten schlicht falsch: „Die 500 wird locker geknackt.“

Diese jährlich dreistellige Zahl werdender Mütter wird sich künftig ein neues Krankenhaus suchen müssen. Ins Helios-Klinikum will aber offenbar nicht jeder, wie Freitag berichtet: „Ich hatte schon einen Anruf einer Frau, die sagte: ’Ich gehe nicht dahin. Ich bin doch keine Nummer’.“ In eine andere Stadt zu fahren, sei jedoch speziell beim zweiten oder dritten Kind ein Risiko: „Da geht es oft schnell.“

Auch Bärbel Ostermann befürchtet, dass die Qualität der Versorgung in Krefeld leidet. In Großkliniken betreue schon heute eine Hebamme drei bis vier Geburten gleichzeitig: „Das werden künftig eher fünf bis sechs sein“, sagt Ostermann. „Kinder werden am Fließband geboren, ohne persönliche Zuwendung.“ Auch die Quote der Kaiserschnitte werde drastisch steigen. „All das“, sagt Ostermann, „ist eine Katastrophe für alle Frauen in Krefeld.“

Das WZ-Mobil steht am Mittwoch, 16 bis 17 Uhr, am historischen Marktplatz Uerdingen. Dort können Sie Ihre Meinung zur Schließung der Geburtshilfe sagen.

Leserkommentare (13)


() Registrierte Nutzer