Erfolgsprojekte in Kindergärten und Schulen werden zum Fluch: Die Nachfrage ist kaum zu bewältigen.

Krefeld. Ein wenig muss sich Ralph Schürmanns vorkommen wie Goethes Zauberlehrling: Die Geister, die der Chef der Musikschule gerufen hat, wird er nun nicht mehr los. Sie stürmen voller Begeisterung das Haus Sollbrüggen, um das Musizieren zu lernen. Doch dort wird es langsam eng.

Die Musikschule wächst - und zwar schneller, als sie es auf Dauer bewältigen kann: Aus 2564 Schülern 2007 sind binnen zwei Jahren 3302 geworden - eine Steigerung von fast 30 Prozent. "Die Zahl der Musiklehrer ist in dieser Zeit gleich geblieben", sagt Schürmanns. "So langsam bekommen wir Probleme im Alltagsgeschäft. Die Belastung der Kollegen ist hoch." Schon jetzt sei die Gruppenstärke von durchschnittlich zwei auf 3,5 Schüler angewachsen.

"Wir sind bei Eltern und Kindern im Wort. Wir lassen niemanden im Regen stehen."

Ralph Schürmanns, Leiter der Krefelder Musikschule

Der Zauberspruch, der die eigentlich erfreuliche Entwicklung in Gang gesetzt hat, besteht aus drei Worten: Emu, Muke, Musik-Safari. Mit diesen drei Projekten gehen Musiklehrer an Kindergärten und Schulen, um Kinder mit Instrumenten - inklusive der eigenen Stimme - in Berührung zu bringen.

Die Resonanz ist gewaltig. In den Kitas sind seit Sommer 350 Kinder musikalisch aktiv, hinzu kommen 750 Grundschüler, verteilt im ganzen Stadtgebiet. "Es ist wichtig, auch den Kindern die Hand zu reichen, die sonst nicht zu unserer Klientel gehören", sagt Schürmanns. "Die Musikschulen wurden lange genug dafür kritisiert, elitär zu sein und für das Bildungsbürgertum zu arbeiten."

Unabhängig von sozialer und ethnischer Herkunft bekommen Kindergartenkinder unter dem Motto "Musik macht stark" elementaren musikalischen Unterricht (EMU). Die Zahl der Kitas in Krefeld, die mitmachen, hat sich im Sommer verdoppelt. 350 Kinder sind dabei.

Seit dem Sommer nehmen 450 Grundschulkinder an dem Programm "Musik und kulturelles Engagement" (Muke) teil. Schon in der ersten Klasse werden auf freiwilliger Basis Chor-, Bläser- oder Streichergruppen gebildet. Mit Beginn der zweiten Klasse entscheiden sich die Kinder für ihr Lieblingsinstrument.

Ein altes Feuerwehrauto wird zum Musikmobil und fährt Grundschulen an. Bis zu 300 Kinder pro Jahr sind zu einer Entdeckungsreise eingeladen. Das Projekt wird von Bürgerstiftung und Kulturstiftung der Sparkasse finanziert.

Dass die Musik die Kinder quer durch alle Schichten verzaubert, lässt sich an Zahlen ablesen: "Mehr als die Hälfte will im Anschluss an das Projekt einen Platz im Kernbereich." Dort also, wo ohnehin lange Wartelisten existieren. Dennoch: Den Nachwuchs wieder wegzuschicken, bringt er nicht übers Herz: "Wir sind bei Eltern und Kindern im Wort. Wir lassen niemanden im Regen stehen."

Und doch manövriert sich die Musikschule mit jedem erfolgreichen Projekt weiter in eine Zwickmühle, wie der stellvertretende Leiter Jan Raderschatt betont: "Wir sind inzwischen vorsichtiger geworden. Wenn die Entwicklung so weiterläuft, haben wir demnächst 4000 Schüler, die handwerkliche Ausbildung wird immer schwieriger." An eine weitere Expansion sei jedenfalls momentan nicht zu denken. "Dann setzen wir unsere Qualitätsstandards aufs Spiel", sagt Schürmanns.

Er ist nicht überrascht von der rasanten Entwicklung: Projekte der "Basismusikalisierung" sind auch anderswo ein Renner. Dort allerdings, konkret bei "Jedem Kind ein Instrument" im Ruhrgebiet, pumpt das Land Millionen in die Arbeit der Musikschulen - Krefeld muss Emu, Muke und Co. selbst finanzieren.

Genau deshalb wünschen sich Schürmanns und Raderschatt ein Signal der Politik: "Wir brauchen Planungssicherheit." Ohne personelle Verstärkung stehen die Projekte eher früher als später vor dem Aus - und mit ihnen das musikalische Erwachen hunderter Krefelder Kinder.

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