Museumschef Martin Hentschel ist ein Ausstellungsmacher ersten Ranges, doch für den diplomatischen Dienst nicht geeignet. Wer ist der Mann, der in Krefeld ständig aneckt?

Kaiser Wilhelm Museum, Westwall, Krefeld; Gem�ldedepot; Depot; Gem�lde; Bilder; Kunst; Direktor Dr. Martin Hentschel
Die Unbequemen machen den Unterschied: Museumschef Martin Hentschel.

Die Unbequemen machen den Unterschied: Museumschef Martin Hentschel.

Bischof, Andreas

Die Unbequemen machen den Unterschied: Museumschef Martin Hentschel.

Krefeld. Wieder einmal hat Martin Hentschel einen bösen Brief geschrieben. Drei dieser Botschaften hat der Chef der Kunstmuseen im Jahr 2010 verfasst, und jeder einzelne hat für einen kleinen Skandal in Krefelds Kunstszene gesorgt. Mit Galeristen und Sponsoren hat Hentschel sich angelegt, zuletzt sogar mit dem eigenen Förderverein. In der Wortwahl ist er dabei nicht zimperlich: Seine Gegner nennt er Selbstdarsteller, Besserwisser, Demagogen.

Zu Neujahr traf der Zorn des Direktors die Museumsfreunde (die WZ berichtete), und man muss kein Psychologe sein, um festzustellen, dass sein Angriff die ehrenamtlichen Mäzene tief verletzt hat. Der Vorstand, gerade ein halbes Jahr im Amt, wird heftig attackiert, hart an der Grenze zur Beschimpfung. Alle Mitglieder des Vereins bekamen den Brief nach Hause. Verwunderung und Empörung hallen durch die Kunstszene. Wer sich freiwillig engagiert, will nicht auf diese Art beleidigt werden.

Hentschels Ausstellungen bringen internationalen Glanz nach Krefeld

Lässt man den teils bösartigen Unterton für einen Moment außer acht, sprechen aus dem Brief vor allem jene zwei Sorgen, die Martin Hentschel stets anzutreiben scheinen: die um die Reputation des Museums und die um den Geltungsbereich der eigenen Kompetenz. Wenn es einen Satz gibt, der seine Denkweise perfekt umschreibt, wäre es dieser: Ich weiß am besten, was zu tun ist.

Die Argumente, mit denen sich diese These untermauern ließe, hat Hentschel in den vergangenen Jahren selbst geliefert. Er hat sich in Krefeld als Ausstellungsmacher ersten Ranges profiliert und dieser Stadt ab und an jenes internationale Flair gegeben, das sie gerne dauerhaft inne hätte. Trotz bescheidener Mittel hat er Andreas Gursky, Kiki Smith, John Baldessari, Sherrie Levine und weitere große Namen hierher geholt. Das Gespür für Themen und ihre Präsentation können selbst Kritiker ihm nicht absprechen.

Er steht unter dem Generalverdacht, Krefeld als Provinznest zu sehen

Ähnlich klug und hartnäckig hat Hentschel sein Haus nach außen verteidigt. Ob Freizeitpolitiker die Stadt mit der Idee in Misskredit bringen, den Monet zugunsten der Stadtkasse zu verkaufen, oder Hobby-Architekten am Entwurf für das Kaiser-Wilhelm-Museum herumdoktern: Hentschel bleibt konsequent bei seiner Linie. Wenn es für Krefeld peinlich wird, wahrt er sein Gesicht.

Als die Politik anregt, den Monet zugunsten der Stadtkasse zu verkaufen, erklärt Hentschel: „Mit mir wird es einen Verkauf nicht geben.“
 

 In einem Interview warnt Hentschel vor einer Sparversion der Umbaupläne: „Wie ein Golf ohne Räder.“
 

Galerist Ralph Kleinsimlinghaus fordert, Hentschel müsse sich mehr um die lokale Szene kümmern. Der Direktor kontert: „Die hiesige Kunst spielt den Part, der ihr gebührt.“
 

Sponsoren planen eine Party im geschlossenen Kaiser-Wilhelm-Museum – Hentschel stellt sich quer. Kulturdezernent Roland Schneider wirft ihm „Erpressung“ und „unverschämte“ Umgangsformen vor.

Im Vorwort zum Programm des Galeriensonntags kritisiert Kleinsimlinghaus erneut Hentschels Konzepte. Der Museumschef wirft ihm „Demagogie“ und „Besserwisserei“ vor.

Vom Weihnachtsbrief der Vorsitzenden fühlt Hentschel sich provoziert. In einem dreiseitigen Schreiben wirft er dem Vorstand des Fördervereins „Eskapaden in puncto Selbstdarstellung“ vor.

Doch diese Konsequenz wird Hentschel manchmal zum Verhängnis. Wer sich zu oft überlegen gefühlt hat – ob berechtigt oder nicht –, neigt dazu, seine Gesprächspartner das spüren zu lassen. Diese Haltung kommt nicht gut an, zumal der Direktor, der in Düsseldorf wohnt, unter dem Generalverdacht steht, Krefeld für ein Provinznest zu halten, in dem er eh nur Station macht.

Auch innerhalb der Verwaltung eckt er an und handelt sich Ärger ein. Mit seinem Dezernenten und dem Oberbürgermeister ist er wiederholt heftig aneinander geraten, in der Regel, weil sie in seinen Bereich hinein regieren wollten. Kompromisse sind nicht Hentschels Stärke, er wählt eher die Konfrontation. Und läuft jedes Mal Gefahr, sich vollends zu isolieren.

So sehr Hentschel in der Sache oft Recht hat, so wenig trägt seine Form der Streitkultur dazu bei, die Probleme zu lösen. Statt Verständnis erntet er meist Zorn und hinterlässt verbrannte Erde, wo er fruchtbaren Boden braucht.

Es sind die Unbequemen, die in der Kultur den Unterschied machen. Bei Martin Hentschel gilt das momentan im guten wie im schlechten Sinne.

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