Die 19-jährige Anna Krüger aus Uerdingen blickt noch heute mit Schaudern an die Tragödie zurück.

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Ende des Bangens am 24. Juli 2010: Axel Zak sowie Michael, Anna und Heike Krüger halten sich in den Armen.

Ende des Bangens am 24. Juli 2010: Axel Zak sowie Michael, Anna und Heike Krüger halten sich in den Armen.

Traxler

Ende des Bangens am 24. Juli 2010: Axel Zak sowie Michael, Anna und Heike Krüger halten sich in den Armen.

Krefeld. Nach der Loveparade-Katastrophe am 24. Juli 2010 ermittelt die Staatsanwaltschaft nun gegen Mitarbeiter und Beamte der Stadt Duisburg, des Veranstalters Lopavent und der Polizei. Es soll Verfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung geben.

Anna Krüger hat das dramatische Geschehen bei der Loveparade nicht verdrängt. Die 19 Jahre alte Schülerin war damals mit ihrem Freund Axel Zak nur knapp und mit leichten Verletzungen dem tödlichen Chaos entkommen. „Anna hat sich nicht verändert. Sie hat sich nicht verschlossen, sondern sich gründlich mit den Ereignissen von damals beschäftigt“, sagt ihre Mutter Heike, Straßenbahnfahrerin bei den Stadtwerken. Aber immer noch lastet dieser Tag wie ein dunkler Schatten auf der jungen Frau aus Uerdingen.

Rückblende: Am Abend des 24. Juli stehen Heike Krüger und ihr Mann Michael am Bahnhof in Uerdingen. Sie bangen um Anne und Alex. Sie wissen, dass es in Duisburg viele Tote und Verletzte gegeben hat. Heike Krüger damals zur WZ: „Wir wissen nicht, wo Anna ist, aber sie lebt.“ Kurz davor hatte sie zwei SMS-Nachrichten von ihrer Tochter erhalten.

Anna hat sich mit ihren Erlebnissen bewusst auseinandergesetzt

In der ersten Nachricht hieß es: „Du kommst nirgends durch. Alles gesperrt.“ Kurz danach die erlösende Nachricht: „Sind im Zug nach Hause“. Es vergehen noch quälend lange Minuten, bis der Zug aus Duisburg einrollt. Michael Krüger hört man oben auf dem Bahnsteig laut nach seiner Tochter rufen. Auf dem Vorplatz fällt sich die Familie dann weinend vor Erleichterung in die Arme.

Anna schildert am Tag danach der WZ: „Es war ein schreckliches Gedränge, ein Durcheinander, es gab Unfälle, Schlägereien, Zäune wurden umgerissen, Krankenwagen heulten, man drängte sich von Sperre zu Sperre. Die Security schien mir völlig überfordert von den Menschenmassen.“ Ihr Freund Axel ergänzt: „Die Leute versuchten, an den Seitenwänden und an Stangen hochzuklettern, lagen unter- und übereinander. Man bekam keine Luft mehr, Besoffene drängten immer weiter nach vorne. Es war das absolute Chaos.“

Zahlreiche Teilnehmer der Love-Parade leiden weiter unter erheblichen psychischen Spätfolgen. „60 bis 70 Prozent der Menschen, die zu den Treffen kommen oder zu denen ich telefonisch Kontakt habe, sind traumatisiert“, sagte Jürgen Hagemann, Vorsitzender des Betroffenen-Vereins „Massenpanik Selbsthilfe“ in Duisburg. Seine Tochter war bei der Katastrophe schwer verletzt worden.
 

Bei der Kostenübernahme gebe es zum Teil Probleme mit den Krankenversicherungen, sagte Hagemann. Etwa 100 Menschen haben sich laut Hagemann in dem Verein zusammengeschlossen, der Opfern auch Hilfe bei der Suche nach einem Anwalt anbietet. Bei der Love-Parade waren am 24. Juli 2010 und in den Tagen danach 21 Menschen gestorben und Hunderte verletzt worden.
 

Ein halbes Jahr danach blickt Anna immer noch mit Schaudern, aber gefasst zurück. „Was damals passiert ist, werde ich nie vergessen. Wir haben erst lange danach begriffen, wie knapp wir dem Tod entkommen sind.“

Bewusst und gezielt habe sie sich damit auseinandergesetzt. „Ich war mit meiner besten Freundin in Duisburg am Ort des Geschehens und habe dort eine Kerze angezündet.“ Dies sei sehr bewegend, aber auch erleichternd für sie gewesen, erzählt Anna.

Viele Videos vom Geschehen hat sie sich im Internet mit ihrer Freundin angesehen. Sehr genau hat sie auch die Berichte über die gegenseitigen Schuldzuweisungen gehört, gesehen und gelesen. Insbesondere die Rolle des Duisburger Oberbürgermeisters Sauerland habe sie wütend gemacht. „Es ist einfach nicht zu fassen, dass es keine Entschuldigung von ihm gibt, dass er nicht daran denkt, zurückzutreten. Das ist geradezu lächerlich.“

Glücklicherweise plagen Anna keine Albträume mehr. ie steckt mitten in den Vorbereitungen auf die Abiturprüfungen, die im Mai und Juni anstehen. Die Schülerin der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule ist optimistisch. „Ich glaube, ich werde ganz gut abschneiden.“ Danach will sie studieren. Lehramt oder Psychologie.

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