Mit dem Uerdinger Jahrhundertspiel entwickelten sich auch unglaubliche Geschichten.

Nach dem Abpfiff war der Jubel grenzenlos. Friedhelm Funkel stürzte sich in das Getümmel mit dem Uerdinger Publikum.
Nach dem Abpfiff war der Jubel grenzenlos. Friedhelm Funkel stürzte sich in das Getümmel mit dem Uerdinger Publikum.

Nach dem Abpfiff war der Jubel grenzenlos. Friedhelm Funkel stürzte sich in das Getümmel mit dem Uerdinger Publikum.

dpa/Friedemann Vetter

Nach dem Abpfiff war der Jubel grenzenlos. Friedhelm Funkel stürzte sich in das Getümmel mit dem Uerdinger Publikum.

Krefeld. Nur 45 Minuten lagen zwischen absoluter Hoffnungslosigkeit und purer Ekstase. 1:3 lag Bayer Uerdingen im Europapokal-Viertelfinale gegen Dynamo Dresden hinten, bereits das Hinspiel ging mit 0:2 verloren. In der Grotenburg glaubten nur wenige Fans an ein Wunder, viele verließen das Stadion frühzeitig.

Doch was sich danach abspielte, ist vielen selbst heute noch unbegreiflich. Die Uerdinger erzielten sechs Tore, gewannen mit 7:3 und zogen so ins Halbfinale ein. Im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums sammelte die WZ noch einmal Geschichten von Krefeldern, denen der 18. März 1986 wohl für immer in Erinnerung bleibt.

Heute kann Eckart Preen problemlos mit dem Fahrrad zur Grotenburg fahren. Er wohnt in Uerdingen, der Weg zum Stadion ist kurz. Doch vor 30 Jahren gestaltete sich die Anreise schwieriger, schließlich wohnte er rund 350 Kilometer entfernt in der Nähe von Braunschweig. Schon damals war Preen ein glorreicher Fußballfan, in seiner Kindheit gab es kein Spiel, das er nicht verfolgte.

„Wir wohnten im sogenannten Zonenrandgebiet, dadurch bin ich mit dem DDR-Fernsehen aufgewachsen. Im Laufe der 1970er und 80er habe ich unzählige Europapokalspiele im TV gesehen.“

Der erste Besuch in Krefeld ging sofort in die Grotenburg

Beim deutsch-deutschen Duell im Viertelfinale drückte er damals die Daumen für Bayer Uerdingen. Das 0:2 im Hinspiel war gar nicht nach seinem Geschmack, zumal er kurz zuvor sein Ticket für das Rückspiel zugeschickt bekam.

Direkt nach Schule machte sich Preen damals also eher mit gedämpfter Stimmung auf die lange Zugstrecke in Richtung Krefeld. Es war sein erster Besuch in Krefeld überhaupt, dass er zwanzig Jahre später einmal ein Eigenheim in Uerdingen besitzen würde, daran war damals noch nicht zu denken.

Obwohl Preen in seinem Leben Hunderte spannende und zum Teil außergewöhnliche Fußballspiele in aller Welt gesehen hatte, gebührt dem Spiel am 19. März 1986 in der Grotenburg noch heute der absolute Spitzenplatz. Das Stadion zur Halbzeit zu verlassen, kam für Preen überhaupt nicht in Frage, von seinem überdachten Stehplatz verfolgte er „staunend und ungläubig“ die Aufholjagd der Uerdinger.

Mit dem „Ost-West-Express“ zurück ins Zonenrandgebiet

Viel Zeit zum Feiern blieb Preen aber nicht, schließlich standen seine Abiturprüfungen an. Schnell flitzte er nach dem Spiel zum Oppumer Bahnhof, von da aus ging es dann über Duisburg mit dem „Ost-West-Express“ in die damalige Heimat. Bereits einige Stunden später saß Preen dann wieder im Klassenzimmer, so als wäre nichts gewesen . . .

Auch Norbert Maas war damals mit seinen Arbeitskollegen im Grotenburg-Stadion. Einige seiner Freunde wollten schon zur Halbzeit gehen, doch für Maas war klar: „Wir bleiben!“ Er erinnert sich noch ganz genau daran, wie Matthias Herget nach der Pause aus der Kabine kam und symbolisch die Ärmel hochkrempelte.

„Ich habe mir gedacht: Jetzt geht’s los! Ich wusste, dass es noch nicht gelaufen war.“ Maas sollte recht behalten. Noch heute freut er sich, damals nicht auf seine Kollegen gehört zu haben.

Bernd Arnold ist schon seit frühester Kindheit Uerdingen Fan. An seinem 16. Geburtstag im Jahr 1982 verfolgte Arnold sein erstes Spiel, ab der Saison 84/85 besaß er eine Dauerkarte. Vor dem Rückspiel gegen Dresden war er voller Euphorie, als es dann jedoch zur Halbzeit 1:3 stand, hielt ihn nichts mehr in der Grotenburg. Arnold: „In der Halbzeitpause wollte ich gehen, ich hatte die Hoffnung aufgegeben.“

Mit beim Spiel war auch sein bester Freund, der nur sporadisch zum Spiel kam, ein Uerdingen Fan wie Arnold war er nicht. Er überzeugte ihn, noch wenigstens 15 Minuten der zweiten Halbzeit zu gucken. Als diese gerade abliefen, waren sie schon auf dem Weg nach draußen, als wie aus dem nichts das 2:3 fiel. „Alle Leute, die gerade auf dem Weg nach draußen waren, kamen urplötzlich wieder rein.“ Was danach passierte bezeichnet Arnold auch heute noch „wie ein Rausch.“

Das Spiel nahm seinen bekannten Verlauf, nach dem 4:3 sagte er noch zu seinen Freunden: „Wenn wir wirklich weiterkommen sollten, dann fahre ich zum Halbfinale, egal wer der Gegner ist.“ Uerdingen gewann und Arnold fuhr zusammen mit zwei Freunden zum Halbfinale nach Madrid. Ein unbeschreibliches Erlebnis, aber „das Schönste von all dem ist, dass ich auch nach 30 Jahren dem KFC treu geblieben bin und seit 2012 wieder eine Dauerkarte besitze.“

Ob es nun Glück oder Pech war, weiß Dietmar Pietz bis heute nicht so richtig. Als Uerdinger Polizist musste er bei jedem Heimspiel im Stadion Dienst schieben, am 19. März 1986 jedoch befand sich Pietz in der Kur, das Spiel verfolgte er mit anderen Kollegen vor dem Fernseher. „Eigentlich war ich der einzige Uerdinger Fan und zur Halbzeit erntete ich nur mitleidige Blicke und wenig schmeichelhafte Kommentare“, sagt er.

Mit zunehmender Spielzeit stellten sich aber immer Kollegen auf die Seite der Uerdinger, nach dem Abpfiff tanzten alle um die Tische herum, „es war unfassbar“, sagt Pietz.

Wolfgang Hess besuchte zusammen mit seiner Frau das „Wunder von der Grotenburg“. Haupttribüne, Reihe eins. Die beiden hatten also die besten Plätze und erhofften sich ein spannendes Spiel.

Als Fußball-Realist sah sich Wolfgang in der Pause gezwungen, das Stadion zu verlassen, zu gering war der Glaube an ein Weiterkommen, zu schlecht war das Wetter. Doch seine Frau blieb glücklicherweise standhaft, verrät Hess. „Sie wollte das Spiel unbedingt zu Ende gucken. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar.“

Egal wann oder wo, zahlreiche Krefelder waren vor 30 Jahren dabei. Auch wenn der KFC heute in der 5. Liga spielt und der Europapokal weit entfernt ist, hoffen doch viele auf ein baldiges Spiel gegen einen großen Gegner. Und wer weiß, Wunder gibt es schließlich immer wieder. tin

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