1997 ist Abschir Abdi nach verspätetem Kaiserschnitt mit schwersten Behinderungen zur Welt gekommen.

St. Josefshospital
Von allein stehen kann er nicht: Zweimal am Tag wird Abschir (14) von seiner Mutter auf dem Stehbrett (Hintergrund) festgeschnallt. An diesem Tag hat ihr ihre Tochter Abschira Abdi (19) geholfen.

Von allein stehen kann er nicht: Zweimal am Tag wird Abschir (14) von seiner Mutter auf dem Stehbrett (Hintergrund) festgeschnallt. An diesem Tag hat ihr ihre Tochter Abschira Abdi (19) geholfen.

DJ

Von allein stehen kann er nicht: Zweimal am Tag wird Abschir (14) von seiner Mutter auf dem Stehbrett (Hintergrund) festgeschnallt. An diesem Tag hat ihr ihre Tochter Abschira Abdi (19) geholfen.

Krefeld. Der 20. Juli 1997 ist ein rabenschwarzer Tag in der Geburtshilfe des Uerdinger St. Josefshospitals. Morgens um 6 Uhr erscheint die hochschwangere Muna Abdi aus Lank drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin mit starken Unterbauchschmerzen im Krankenhaus – aus dem sie erst sechs Stunden zuvor „ohne auffälligen Befund“ entlassen worden war. Ein Kaiserschnitt muss durchgeführt werden – doch das Team ist nicht komplett. Die OP-Schwester erscheint mit 14-minütiger Verspätung.

Statt der vorgegebenen 20 Minuten dauert die Geburt 34 Minuten. In dieser Zeit erhält das Kind keinen oder nur unzureichenden Sauerstoff: Die Folge ist eine schwere Schädigung des Gehirns. Ein Gutachter stellt später fest, dass auch der Kinderarzt aus dem Klinikum zu spät zu Hilfe gerufen wurde. Um 7.45 Uhr wird das Neugeborene in die Kinderklinik verlegt.

Oberlandesgericht fällt klares Urteil zugunsten des Kindes

Seither kämpft die aus Somalia stammende Mutter um Schadensersatz für den heute 14 Jahre alten Abschir. Obwohl das Düsseldorfer Oberlandesgericht in zweiter Instanz am 20. August 2009 den verantwortlichen Arzt und den Krankenhaus-Träger dazu verurteilte, ein Schmerzensgeld von 250 000 Euro zu zahlen und dem Kläger „alle materiellen Schäden zu ersetzen, die ihm infolge der fehlerhaften Geburtsleitung“ entstanden sind, haben sich die Verhandlungen mit der Versicherung des Krankenhauses als überaus zäh erwiesen. Denn es geht um viel Geld.

Eine Abfindung über 1,7 Millionen Euro, die ein Anwalt „hinter meinem Rücken“ mit der Aachen-Münchener Versicherung ausgehandelt hatte, lehnt Muna Abdi ab: „Ein Gutachter hat meinem Sohn eine normale Lebenserwartung bescheinigt. Ich möchte, dass die lebenslange Pflege sichergestellt ist.“

Der jetzige Anwalt, der auf Arzthaftungsrecht spezialisierte Stefan Hermann aus Marl, hat einen Gesamtschaden von sechs Millionen Euro errechnet – inklusive Verdienstausfall. Die hilfsweise Zahlung von 7500 Euro jeden Monat für die Rund-um-die Uhr-Pflege ist eher niedrig angesetzt.

Das Landgericht Krefeld hatte die Klage am 24. Mai 2007 zurückgewiesen: Der vorgegebene Zeitrahmen von 20 Minuten für eine Entbindung könne von „kleineren Kliniken nicht immer eingehalten werden“, hieß es. Bis zum Erscheinen des rufbereiten Facharztes seien weitere zehn Minuten hinzurechen. Das OLG sah das anders und folgte dem Gutachter, dass bei einer um elf Minuten früheren Entbindung das Kind „wahrscheinlich eine bessere neurologische Gesamtchance“ gehabt hätte.“

Bis zur vorübergehenden Unterbringung im Kinderhospiz ist Abschir vormittags in der Gerd-Jansen-Schule in Krefeld betreut worden – Zeit für die Mutter, Luft zu holen.

In den vergangenen Tagen hat, vielleicht auch wegen wiederholter Nachfragen der WZ, die Versicherung Entgegenkommen signalisiert. Zum zweiten Mal nach dem OLG-Urteil sind vergangene Woche 200 000 Euro als „Vorschuss“ gezahlt worden, damit die Familie ein Grundstück für ein behindertengerechtes Haus an der Heinrich-Heine-Straße in Strümp kaufen kann. Stefan Hermann: „Das reicht nicht. Die Bank hatte noch Forderungen an Frau Abdi. Ihr finanzieller Aufwand ist enorm.“ Weitere 300 000 Euro fordert der Patientenanwalt zügig von der Aachen-Münchner: „Sonst klage ich.“

Mutter liegt jetzt in einer Klinik, Sohn im Viersener Kinderhospiz

In all den Jahren hat Muna Abdi selbst ihren Sohn gepflegt, zunächst in einer Wohnung im zweiten Stock, seit 2005 in der Reihenhaus-Siedlung Am Roßkamp in Lank – unterstützt von ihren drei Töchtern, von denen die älteste (19) ein Jura-Studium in Münster begonnen hat. Vor einigen Jahren hat sich der Ehemann scheiden lassen: Er arbeitet in Afrika, besucht hin und wieder die Kinder.

Jetzt hat das Schicksal nochmals übel zugeschlagen. Am Wochenende ist die Mutter ins Viersener Krankenhaus gebracht worden – ihr muss eine Niere entfernt werden, sie wird aller Voraussicht nach Dialysepatientin. Weil die beiden anderen Töchter noch zur Schule gehen, ist Abschir im Viersener Kinderhospiz untergebracht worden. Weihnachten hat sich die Familie Abdi anders vorgestellt.

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