Albern und stellenweise übertrieben: Die Premiere von „Minna von Barnhelm“ am Theater hinterlässt einen faden Beigeschmack.

Albern und stellenweise übertrieben: Die Premiere von „Minna von Barnhelm“ am Theater hinterlässt einen faden Beigeschmack.
Minna von Barnhelm (Mitte) will ihren Verlobten zurückgewinnen. Um das zu schaffen, bedient sie sich einer kleinen List.

Minna von Barnhelm (Mitte) will ihren Verlobten zurückgewinnen. Um das zu schaffen, bedient sie sich einer kleinen List.

Matthias Stutte

Minna von Barnhelm (Mitte) will ihren Verlobten zurückgewinnen. Um das zu schaffen, bedient sie sich einer kleinen List.

„Minna von Barnhelm“ von Gotthold Ephraim Lessing gilt als das erste deutsche Lustspiel. Geschrieben 1763 unmittelbar nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges, dessen Auswirkungen in die Handlung eingeflossen sind, lebt das Stück durch seine gelungene Verbindung aus ernsten und heiteren Elementen.

Major von Tellheim (Ronny Tomiska), aus der Armee unehrenhaft entlassen und in finanziellen Schwierigkeiten, fühlt sich durch diese Umstände nicht mehr würdig, seine Verlobte Minna von Barnhelm (Esther Keil) zu heiraten. Diese setzt sich über Tellheims Argumente hinweg, da für sie nur die Liebe zählt. Als sie merkt, dass Tellheim sie trotzdem noch liebt, führt sie mit einer List das glückliche Ende herbei. Seinem ernst gemeinten Verzicht stellt sie einen nur gespielten Verzicht gegenüber. Sie gibt sich selbst als verarmt aus und lockt ihren Verlobten damit aus der Reserve.

Für das Theater Krefeld hat Anja Panse das Stück inszeniert, dessen Sprachwitz und klare Form es zu einem zeitlosen Klassiker machen. Die Regisseurin betont das Thema der Zeitlosigkeit, indem sie das Stück über fünf Akte von der Entstehungszeit bis in die Gegenwart wandern lässt. Das wird vor allem am Bühnenbild und den Kostümen (Hannah Hamburger) sichtbar. Das Wirtshaus als zentraler Schauplatz ist zu Beginn als kompaktes Element ganz nach vorne gezogen. Im Lauf des Abends teilt es sich in mehrere bewegliche Fragmente. Der Raum weitet sich, das Mobiliar reduziert sich. Verkrustete Strukturen werden aufgebrochen. Ein gutes Konzept, das leider nicht konsequent durchgehalten, sondern mit überflüssigen Zutaten veralbert wird. So wird der Büste Lessings eine preußische Pickelhaube verpasst, ein gutes Sinnbild dafür, dass es so einfach nicht geht.

Klischeehaft: Kostüme stören das Gesamtbild

Schon die Kostüme bedienen viele Klischees. Diener Just (Bruno Winzen) ist am Anfang bis zur Unkenntlichkeit „verschminkt“, der Wirt (Christopher von und zu Lerchenfeld) muss einen sichtbar falschen Bauch vor sich hertragen und tänzelt albern dazu herum. Im Kostüm des 18. Jahrhunderts wirkt Esther Keil als Minna sehr mädchenhaft, die weiteren Kleider verleihen ihr etwas Gouvernantenhaft-Spießiges, was ihr für die Rolle der unkonventionellen Frau nicht gerade eine Hilfe ist. Mit ihrem differenzierten Spiel setzt sich Keil darüber hinweg. Die adretten Uniformen lassen Tellheim und Wachtmeister Werner (Philipp Sommer) wie Operettenfiguren wirken. Gegen Ende sind die beiden bei der Bundeswehr gelandet, wobei Werner in voller Montur seinem Afghanistaneinsatz entgegenfiebert.

Dass Minnas Zofe Franziska, die von Denise Matthey geradlinig und sehr komödiantisch verkörpert wird, unbedingt die Frau eines derartigen militaristischen Holzklotzes werden möchte, bleibt ein Rätsel. Ebenso seltsam ist, dass Adrian Linke nicht nur die köstliche Rolle des Riccault de la Marlinière spielt, sondern auch in albernden Kleidern die einfältige Wirtstochter geben muss.

Zu wenig auf Qualitäten der Darsteller gesetzt

Dauer Das Stück dauert zweieinhalb Stunden, es gibt eine Pause.

Termine Weitere Aufführungen sind für den 12., 15., 17., 22., 27. und 30. Juni geplant.

Karten Tickets können unter Telefon 80 51 25 bestellt werden.

Immer wieder wird der Spielfluss unterbrochen. So bricht Minna beim Anblick des Wirts in ihrem Zimmer in hysterisches Kreischen aus. Auch ihre Liebe zu Tellheim zeigt sich anfangs als überzogene Schwärmerei eines Teenagers. Allgemein wird erotische Anziehungskraft nicht subtil im Spiel, sondern plump mit eindeutigen Bewegungen deutlich gemacht. Diese und einige andere überflüssige Mätzchen stören das in seinen Grundzügen schlüssige Konzept. Besonders schade ist dabei, dass der Regisseurin sehr gute Darsteller zur Verfügung stehen, auf deren Qualitäten sie aber zu wenig setzt. Die große Aussprache zwischen Minna und Tellheim ist eine der wenigen Beispiele, wo die Schauspieler doch noch zum Zug kommen. Esther Keil und Ronny Tomiska lassen hier wirklich Menschen hinter den Schablonen durchscheinen. Das hätte man sich in mehr Szenen gewünscht.

Zum Schluss muss sich das endlich vereinte Paar noch in eine bizarre Utopie flüchten, bei der vielleicht der Sommernachtstraum Pate gestanden hat. Minnas Oheim (Michael Ophelders) schwebt dazu als seltsames Mischwesen mit Hirschgeweih von oben herab. Dazu stimmen alle ein Lied an, dem ein kluger Text von Theodor Fontane über die Ehre zugrunde liegt. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen. Der herzliche Applaus galt vor allem den Darstellern.

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