Theresia Walsers „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ in der Fabrik Heeder ist weit mehr als eine Selbstbespiegelung des Theaters.

wza_1500x1032_611715.jpeg
Szene aus „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“.

Szene aus „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“.

Matthias Stutte

Szene aus „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“.

Krefeld. Der Sturm war hinreichend angekündigt. Schon am Freitagmittag hatten TV-Reporter Panik in den Augen und Fellmützen auf dem Kopf, als drohe die nächste Eiszeit. Was kam, waren tänzelnde Flocken, wie sie im Winter hin und wieder zu sehen sind, und weiße Idylle als Symptom eines leeren Versprechens. Ein Ereignis wird vollmundig angesagt - und bleibt dann aus. Ähnlich hat Theresia Walser ihr Stück "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" aufgebaut, das - unfreiwillig aktuell klingend - am Freitagabend in der Fabrik Heeder Premiere feierte: Die preisgekrönte Autorin lässt darin drei Nazi-Darsteller, zweimal Hitler und einmal Goebbels, in einem Fernsehstudio aufeinander prallen.

Schauspieler verleihen dem statisch angelegten Palaver Witz und Tempo

Der Clou ist, dass die Talkshow, in der sie zu Gast sind, noch nicht begonnen hat und auch nicht beginnen wird. Die Schauspieler ermahnen sich deshalb ständig, jenes später noch einmal zu sagen, dieses besser gleich wieder zu vergessen und manches noch nicht jetzt, sondern erst während der Show zu vertiefen.

Es ist ein Stück des Abschweifens und Vertagens, des Ungesagten und des Überbetonten. Es entlarvt mediale Marktschreier als Blitzbirnen und ihre Wichtigtuerei als dummes Geschwätz. Walser befasst sich allerdings nicht mit der Wettervorhersage, sondern mit dem, was im Fernsehen fälschlicherweise "Talk" heißt, also Gespräch, oder noch schlimmer: Diskussion.

In ihren bissigen Dialogen kann man den Ekel vor politischer Korrektheit ebenso ablesen wie die Abneigung gegen das tägliche Blabla im Abendprogramm. Dies anhand des deutschen Empfindlichkeitsthemas Hitler zu illustrieren und den Bewältigungsbrei, den die Medien regelmäßig anrühren, schwungvoll auszukippen, ist schlichtweg genial. Das Stück mag eine weitere Selbstbespiegelung des Theaters sein, doch es ist weit mehr als das. Witz und Tempo gewinnt das recht statisch arrangierte Palaver durch die Schauspieler, denen Regisseur Thorsten Duit zum Glück viel Raum zum Austoben lässt. Christopher Wintgens gibt den jungen Rebellen, der das moderne Regie-Theater mitsamt dessen Vorliebe für Fäkalien, Nackt-Szenen und Video-Exzesse gegen die älteren Kollegen verteidigt, und schafft es, jedes unnötige Klischee zu umschiffen.

Sein Gegenpol ist Matthias Oelrich als Bühnenlegende Franz Prächtel, der herrisch Anekdoten und Meinungen zum Besten gibt und keine Götter neben sich duldet. Perfekt balanciert Oelrich die Rolle aus - zwischen Sentiment und Wutausbruch, störrischer Konsequenz und unheilbarer Arroganz. Will man überhaupt jemanden aus dieser grandios besetzten Dreierrunde herausheben, so ist es Ralf Beckord: Mit fieser Süffisanz kommentiert er die Scharmützel zwischen dem jungen und dem alten Kollegen, schlägt sich listig mal auf die eine, mal auf die andere Seite und versteckt die größten Gemeinheiten in einem Augenrollen, einem Hochziehen der Braue und Anflügen beißenden Sarkasmus’ in der Stimme. Um solche Rollen ohne Verbissenheit zu spielen und ein Stück wie dieses so lässig auf die Bühne zu bringen, braucht man eine Portion Selbstironie, und die scheint am Theater vorhanden zu sein. Eine Fernsehfassung ist fürs Erste wohl nicht zu erwarten.

Weitere Termine: 12. Januar, 6. Februar, 3. März, 10., 20. April. Karten unter Tel. 02151/805-125.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer