Aberwitz und Poesie liegen bei dem neuen Stück des Krefelder Theaters haarscharf nebeneinander. Doch die Regie hat nur Kirmes und Zirkus im Sinn.

Stelzfuß (Adrian Linke, l.) verführt Wilhelm (Paul Steinbach).
Stelzfuß (Adrian Linke, l.) verführt Wilhelm (Paul Steinbach).

Stelzfuß (Adrian Linke, l.) verführt Wilhelm (Paul Steinbach).

M. Stutte

Stelzfuß (Adrian Linke, l.) verführt Wilhelm (Paul Steinbach).

Krefeld. Der Teufel trägt bauchfrei. Über dem lasziv aufgeknöpften Netzhemd sieht er aus wie ein alternder Elvis-Imitator, in dessen Geheimratsecken Sattelschlepper parken könnten. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, baumelt ein Totenkopf um seinen Hals, ein zweiter prangt am Gürtel. Adrian Linke ist solche Auftritte inzwischen gewöhnt. Als Frank’N’Furter heizt er durch die „Rocky Horror Show“, als gebe es kein Morgen. Nun spielt er Satan persönlich, und zwar so, als sei in der Hölle gerade eine größere Lieferung Drogen eingetroffen.

Regisseur des Musicals „The Black Rider“, das am Sonntag Premiere im Stadttheater hatte, ist Rocky-Macher Frank Matthus. Auf einer Leinwand im Hintergrund lässt er Riesenräder rotieren, und auch sonst stehen die Zeichen auf Kirmes. Die Darsteller sind als Freakshow frisiert, und geschminkt, die Band unter der Leitung von Jochen Kilian lässt die Songs von Tom Waits so klingen, wie sie gemeint sind: nach Wanderzirkus und Hafenkneipe, abgewrackt, versoffen und gelegentlich wunderschön.

Immer dann eine Schippe drauf legen, wenn schon nichts mehr geht

Das Stück, das Waits 1990 mit der Popkultur-Ikone William S. Burroughs und der Theaterlegende Robert Wilson geschrieben hat, verlangt vom Regisseur Fingerspitzengefühl und gleichzeitig den Willen, immer dann eine Schippe drauf zu legen, wenn eigentlich schon nichts mehr geht. Das Schrille und das Stille, Aberwitz und Poesie, Groteske und Tragik liegen so haarscharf nebeneinander, dass jeder Schritt zum Balanceakt wird.

Dieses schräge Kunststück gelingt Matthus vor allem in den Szenen zwischen Wilhelm (Paul Steinbach) und Käthchen (Henrike Hahn). Der Dichter und die Försterstochter sind füreinander geschaffen, doch im Wald gilt die Regel: „Wer denkt, taugt nichts als Mann.“ Schießen und töten soll der Wilhelm erst lernen, doch damit das gelingt, muss es mit dem Teufel zugehen.

Diese Liebe, die das Ende von Anfang an in sich trägt, wird zum Kern der Inszenierung, schon deshalb, weil das Drumherum in erster Linie Show ist. Matthus hat eine Art Nummernrevue entworfen, eine lose Blattsammlung. Deren Bindemittel könnte der Rausch sein, die Gewalt, der Wahnsinn oder einfach der Spieltrieb der Darsteller. Doch Matthus scheint sie zu zähmen statt anzustacheln. Passend dazu verwandeln die Kostüme und Masken von Johanna Maria Burkhart sie in Puppen. Auch die düstere, seltsam strenge Bühne gibt kaum Raum zur Entfaltung.

Der echte Waits-Moment kommt viel zu spät

So dauert es fast zwei Stunden, bis Paul Steinbach endlich das Tier zum Vorschein bringt. „Lucky Day“ singt er wie am Rand des Wahnsinns, ein echter Waits-Moment, wie ihn Linke beim Titelsong „The Black Rider“ und Esther Keil als Brautmutter bei der Ballade „Time“ noch knapp verfehlt haben. Gesanglich präsentieren sie sich – wie fast alle Darsteller – erneut in Hochform. Nur so richtig spielen dürfen sie diesmal nicht.

15., 23. Februar, 28., 29. März sowie April bis Juli. Karten: Telefon 805 125.

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