Der New Yorker Saxophonist Mark Turner und sein Quartett begeistern die Zuschauer im ausverkauften Jazzkeller.

Der New Yorker Saxophonist Mark Turner und sein Quartett begeistern die Zuschauer im ausverkauften Jazzkeller.
Vom Nabel der modernen Jazzwelt nach Krefeld: Mark Turner und sein Quartett.

Vom Nabel der modernen Jazzwelt nach Krefeld: Mark Turner und sein Quartett.

Mark Mocnik

Vom Nabel der modernen Jazzwelt nach Krefeld: Mark Turner und sein Quartett.

Krefeld. Es gibt Dinge, auf die kann man sich verlassen. Kommt etwa eine Jazzband aus New York, dann wird deren Konzert bestimmt gut besucht sein, da den meisten Fans New York immer noch als Nabel der modernen Jazzwelt gilt. Oder sollte es doch an Tenorsaxophonist Mark Turner selbst gelegen haben, dass das Konzert seines Quartetts im Jazzkeller jetzt ausverkauft war? Der Jazzklub Krefeld als Veranstalter konnte jedenfalls zufrieden sein: Eine gute Band traf auf maximale Aufmerksamkeit.

„Bester Musiker, den Sie noch nie gehört haben“ – dieses Etikett hat die New York Times Turner verpasst. Es galt also doch, eine Entdeckung zu machen, auch wenn Turner hier 2013 schon als Mitglied der Band des Schlagzeugers Jochen Rückert zu hören war. Als Bandleader aber ist er lange Zeit nicht in Erscheinung getreten, bis er vor zwei Jahren beim Münchener Label ECM mit seinem Quartett die Platte „Lathe of Heaven“ vorlegte. Deren Material – alles von Turner komponiert – erklang jetzt im Jazzkeller fast mit der Originalbesetzung. Avishai Cohen an der Trompete und Kontrabassist Joe Martin waren bei der Aufnahme dabei, der hier gut bekannte Damion Reid ersetzte Marcus Gilmore am Schlagzeug.

Reibung zwischen Melodie und Groove

Andere Bands mit ähnlicher Besetzung, das heißt ohne Harmonieinstrument wie Klavier oder Gitarre, nutzen meist die daraus entstehende Freiheit, harmonisch ungebundener zu agieren und Arrangements überhaupt offener zu gestalten. Bei Turner erlebte man das genaue Gegenteil.

Strenge Formen dominierten die einzelnen Stücke und das Zusammenspiel der sehr guten Musiker. Darüber hinaus agierten Turner und Cohen lange Zeit mit dem zurückgenommenen Gestus des Cool-Jazz. Erst spät wechselten sie auch einmal in die expressivere Sprache des Bebop. Der Abend begann mit einem langen, getragenen Thema, konsequent zweistimmig für Tenorsaxophon und Trompete gesetzt, und obwohl Martin und Reid darunter einen sehr lebendigen Latin-Groove legten, ließen sich die Bläser nicht dazu verführen, die unruhige Rhythmik aufzunehmen. Die Reibung aber zwischen Melodie und Groove sorgte für gehörige Spannung.

Turner bezieht sich in seinem Spiel auf den großen John Coltrane, das hört man vor allem am gebrochen-süffigen Sound seines Tenors. Mit hoher Notendichte pro Takt, also vielen schnellen Läufen, wartet er aber nicht auf, er agiert konsequent mit der Reduktion auf das Wesentliche.

Cohens schlanke Trompete ist deutlich von Miles Davis beeinflusst, das Zusammenspiel der beiden Bläser, die auch oft gemeinsam oder im dichten Wechsel improvisierten, erinnerte deutlich auch an die Zusammenarbeit von Davis und Wayne Shorter im legendären Miles-Davis-Quintett der 1960er-Jahre.

Der reaktionsschnelle und sehr flinke Trommler Damion Reid und der am Bass recht eloquente Joe Martin sorgten immer wieder für brodelnde Begleitung, swingten mit viel Drive, ließen Latin-Beats ordentlich hüpfen und verpassten Rockgrooves einen ungewöhnlichen, hochtaktigen Puls.

Insgesamt überzeugte Turners Quartett, da der immer durchscheinende Bezug auf die amerikanische Jazztradition keineswegs traditionalistisch wirkte, sondern mit meisterhafter Zeitlosigkeit glänzte. Viel Applaus, eine Zugabe.

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