Krefelder Designerkollektiv bringt mit enormem technischen Aufwand einen Animationsfilm live auf die Bühne.

Zu sehen sind Bettina Lieder und Andreas Beck an einem Licht-Animationstisch, im Hintergrund die Leinwand.
Zu sehen sind Bettina Lieder und Andreas Beck an einem Licht-Animationstisch, im Hintergrund die Leinwand.

Zu sehen sind Bettina Lieder und Andreas Beck an einem Licht-Animationstisch, im Hintergrund die Leinwand.

Birgit Hupfeld

Zu sehen sind Bettina Lieder und Andreas Beck an einem Licht-Animationstisch, im Hintergrund die Leinwand.

Krefeld. Am Schluss läuft wie im Kino ein Abspann über den Vorhang des großen Saals im Schauspielhaus des Dortmunder Theaters. Das ist das folgerichtige Ende einer Performance, die das Krefelder Designerkollektiv sputnic dort präsentiert hat. Auf der Basis des Romans „Die Möglichkeit einer Insel“ des französischen Starautors Michel Houellebecq haben die Krefelder den wahrscheinlich weltweit ersten Live-Animationsfilm geschaffen. Die umjubelte Premiere fand am Wochenende statt.

Viele Krefelder waren im Publikum. Professoren der Hochschule Niederrhein, an der Nils Voges, Malte Jehmlich und Nicolai Skopalik gemeinsam 2007 mit dem Animationsfilm „Südstadt“ ihr Examen ablegten, zeigten sich nach der Vorstellung begeistert. Der Applaus fiel insgesamt reichlich aus.

Houellebecqs Geschichte ist eine negative Utopie. 2000 Jahre von der Jetztzeit entfernt, hockt der Klon und Neo-Mensch Daniel 24 in seiner einsamen Behausung und reflektiert über das Leben seines genetischen Urahns, Daniel, der in unserer Zeit lebt. Der heutige Daniel ist ein so zynischer wie erfolgreicher Entertainer, der erfolglos nach der Liebe sucht und das Altern als unerträglichen Makel empfindet. Am Ende der Handlung sucht aber auch der Neo-Mensch wieder außerhalb seiner keim- und gefühlsfreien Sicherheitsbehausung nach einem erfüllteren Leben.

Für die Visualisierung von Romanen ist die Form besonders geeignet

Mit einem enormen Aufwand an analoger und digitaler Technik bringen die sputnics den Roman auf die Leinwand über der Bühne. Auf der Bühne agieren die Schauspieler Bettina Lieder, Merle Wasmuth, Andreas Beck und Frank Genser als Sprecher, aber vor allem als Operateure an vier von unten beleuchteten Lichttischen. Über diesen befinden sich Kameras, auf die Tische werden Plexiglasplatten mit vorbereiteten Hintergründen gelegt, auf denen wiederum Scherenschnittfiguren animiert werden.

Eine Häuserzeile, oder ein Modell unseres Planetensystems werden durch weitere Kameras eingefangen. Manchmal sieht man auch reale Gegenstände. Ihr Bild können die Operateure per Knopfdruck auf die Leinwand schalten, die Bildregie ist auch Teamarbeit. An die zweihundert Platten kommen in der 90-minütigen Aufführung zum Einsatz, die Koordinationsleistung der Akteure, die sprechen, animieren, teilweise auch noch spielen, ist enorm.

Weitere Aufführungen sind am 4. und 16. April sowie am 10., 20., 30. Mai und 5., 19. Juni. Karten gibt es unter Telefon 0231/50 27 222 oder im Internet.
 

Nils Voges (Sputnic, Regie), Malte Jehmlich (Sputnic, Bühne und Kostüm), Julia Zejn ( Animation), Philipp Maike und Nicolai Skopalik (Provinztheater, Sputnic, Musik), Sibylle Stuck (Licht), Lucas Pleß (Coding & Engineering), Mario Simon (Video), Anne-Kathrin Schulz (Dramaturgie). Weitere Informationen zum Design-Kollektiv Sputnic gibt es hier.

Voges (Buch, Regie), Jehmlich (Bühne, Kostüme) und Skopalik (Musik) und ihr vielköpfiges Team haben mit ihrem Live-Animationsfilm eine Performance-Art entwickelt, die vielleicht als Prototyp für weitere Stoffe dienen kann. Gerade für die Visualisierung von Romanen mit ihren vielen Darstellungsebenen scheint die Methode geeignet.

Die ersten Pressestimmen zeigen sich jedenfalls begeistert. „Heraus kommt ein großer, faszinierender Theater-, Film-, Philosophie- und Weltspiegelungsabend“, befand der Kritiker der Waz, und in den Ruhrnachrichten steht: „Intelligent und virtuos die Handhabung der Technik, stark die Sprechleistung. Unbedingt sehenswert, bravo!“

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