Der Schauspieler erschreckt das Publikum mit seiner Lebensgeschichte.

Lesung
Michael Degen las am Sonntag in der Synagoge zum Abschluss der Jüdischen Kulturtage.

Michael Degen las am Sonntag in der Synagoge zum Abschluss der Jüdischen Kulturtage.

Dirk Jochmann

Michael Degen las am Sonntag in der Synagoge zum Abschluss der Jüdischen Kulturtage.

Krefeld. Der 83-jährige Michael Degen betritt die Bühne, setzt sich hin und beginnt mit dem Lesen. Die kräftige geschulte Stimme des Schauspielers und die lebendigen Beschreibungen ziehen das Publikum sofort in einen Bann. Zwei Stunden liest er in der Synagoge an der Wiedstraße aus seinem autobiographischen Buch „Mein heiliges Land. Auf der Suche nach dem verlorenen Bruder“.

Wer wissen will, wie Degen den verlorenen Bruder wiederfindet, muss allerdings das Buch lesen, diese Passage gehört nicht zu den vorgelesenen. Er steigt im Jahr 1949 ein, Degen befindet sich an Bord eines Schiffes. Ziel der Reise über das Mittelmeer: Die Küste des gelobten Landes Israel. Der Autor erzählt die Erinnerungen im Tempus Gegenwart und verzichtet er auf eine Kommentierung im Nachhinein. Die Ereignisse sprechen für sich.

Degen nimmt sein Publikum anfangs mit in ein militärisches Ausbildungslager. „Sagen Sie nicht Lager“, wird er dort angeranzt. Der Duft von Orangenbäumen zieht durch einen Stacheldraht zu ihm. Er klettert hindurch und pflückt sich die allererste Orange seines Lebens. Das hätte er beinahe mit dem Leben bezahlt, denn unter den zu Pyramiden aufgestapelten Früchten liegen Granaten. „Du musst Disziplin lernen!“ droht man ihm: Demütigung und Druck sollen den jungen Mann von 18 Jahren in die neugegründete Gesellschaft hineinpressen.

Den israelischen Pass gibt es nur für den Soldatendienst

Das zu hören, ist erschreckend, denn der Zuhörer weiß, dass der junge Mann - in Chemnitz geboren, beide Eltern polnische Juden - sich in Kindheit und Jugend vor den Nazis versteckte und staatenlos ist. Das Verbleiben in Israel und der israelische Pass sind nur für Soldatendienst zu haben: „Ich hasse das Militär“, schreibt Degen in seinem Buch und spricht den Satz sehr deutlich aus tiefer Überzeugung.

Versöhnlicher ist ein zweiter Abschnitt, aus dem Degen vorliest. Es geht um das Wiederfinden der Familie. Wärme und Halt in der Religion verkörpert der 98-Jährige Großonkel. „Der Herr hat uns das Leben gegeben, dass wir es so lange wie möglich erhalten“, sagt dieser. „Das Böse wird schwächer, das Gute wird stärker.“

Nicht alle waren Mörder – Eine Kindheit in Berlin, Ullstein, Berlin 2004. Blondi, List, München 2004.

Der Steuerhinterzieher, Ullstein, Berlin 2005.

Mein heiliges Land, Rowohlt Verlag, Berlin 2007.

Familienbande, Rowohlt, Berlin 2011.

Der traurige Prinz, Rowohlt, Berlin 2015.

Die Stimme Michael Degens ist vertraut. Seine Liste von Filmen und Theaterstücken ist lang. Er verkörpert den arroganten Patta im TV-Krimi Donna Leon und hat kürzlich in dem ausgezeichneten Hannah-Arendt-Film gespielt. Zuerst stand Degen in Tel Aviv auf der Bühne: Von seinem wiedergefundenen Bruder hat er damals Neuhebräisch gelernt.

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