Künstlerin Luo Mingjun erforscht ihre eigene Vergangenheit.

Luo Mingjuns Arbeiten, mit weißer Farbe auf naturbelassenes Leinen aufgetragen, erinnern an stark verblasste Fotos.
Luo Mingjuns Arbeiten, mit weißer Farbe auf naturbelassenes Leinen aufgetragen, erinnern an stark verblasste Fotos.

Luo Mingjuns Arbeiten, mit weißer Farbe auf naturbelassenes Leinen aufgetragen, erinnern an stark verblasste Fotos.

Andreas Bischof

Luo Mingjuns Arbeiten, mit weißer Farbe auf naturbelassenes Leinen aufgetragen, erinnern an stark verblasste Fotos.

Krefeld. Erinnerungen sind listig und trügerisch. Sie pfeifen auf Präzision und Akkuratesse, geben nur Fragmente von sich frei, und kaum bekommt man sie zu fassen, verschwinden sie wieder im Nebel des Vergessens. Für diese flüchtige Unnahbarkeit hat Luo Mingjun den perfekten künstlerischen Ausdruck gefunden. "Sich noch erinnern können" heißt ihre herausragende Ausstellung in der Galerie Pretty Land.

Das "noch" scheint entscheidend zu sein, denn die Bilder erinnern an ausgebleichte Schwarz-Weiß-Fotografien, einst eingefangene Augenblicke, die nun kurz vor der Vernichtung stehen. Nähert man sich den großformatigen Werken zu sehr an, lösen sich die Strukturen in sinnlose Pinselstriche auf, doch der Blick von weit weg offenbart ungeahnte Details: Gesichter gewinnen Kontur, ein Wald oder eine Straße sind zu erahnen. Erinnerung wird lebendig, behutsam und blass, wie ein Hauch.

"Die Vergangenheit kommt nicht zurück, sie bleicht aus."

Luo Mingjun, Künstlerin

Dieser Effekt dürfte dem Gefühl der Künstlerin nachempfunden sein: Sie hat alte Fotos aus ihrer Kindheit und Jugend in China mit Bleistift auf Papier oder mit Acryl- und Ölfarbe auf Leinen übertragen. "Die Vergangenheit kommt nicht zurück, sie bleicht aus", sagt Luo Mingjun. "Aber mit jedem Pinselstrich kommt ein Stück Erinnerung wieder."

Für die Künstlerin, 1963 in China geboren, aber seit 1987 in der Schweiz ansässig, ist diese Erfahrung essenziell. Ihr Lebensweg wirft immer wieder aufs Neue die Frage nach der Identität auf, und die Lösung des verzwickten Rätsels sucht sie in ihrer Kunst. "Immer, wenn ich denke, ich habe die Frage beantwortet, taucht sie neu auf", sagt Luo Mingjun.

Arbeiten mit atemberaubender Präzision 

Dass ihre Bilder dennoch keine ermüdende Selbstreflektion sind, liegt an der Beiläufigkeit der Motive und an der malerischen Virtuosität. Wie die 46-Jährige mit sanften Bleistiftschatten und einem Hauch weißer Farbe auf dunklem Leinen ganze Augenblicke lebendig werden lässt, das hat eine atemberaubende Präzision, die - welch ein Kunstgriff - dennoch flüchtig wirkt wie Erinnerungen im Kopf des Betrachters.

Pretty Land, Südwall 55. Eröffnung am Samstag, 12 bis 15 Uhr. Mi. bis Fr., 13 bis 18 Uhr, Sa., 11 bis 16 Uhr.

Luo Mingjun, geboren am 14. Februar in der Provinz Sichuan, wächst in Changde auf. Sie besucht ab 1979 die Kunstakademie von Hunan, gründet 1985 die Kunstgruppe "O".
1987 lernt sie in Tibet ihren zukünftigen Mann kennen und folgt ihm in die Schweiz. Sie bekommt zwei Söhne. Regelmäßige Ausstellungen hat Luo Mingjun erst wieder ab 1998. In den vergangenen Jahren macht sie mit Einzel- und Gruppenausstellungen auf sich aufmerksam.

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