David Pharaos „Der Gast“ wirft böse Blicke auf die heutige Arbeitswelt.

Alexandre (Felix Banholzer, r.) zeigt seinem Spießernachbarn Gérard (Daniel Minetti), wo’s lang geht.
Alexandre (Felix Banholzer, r.) zeigt seinem Spießernachbarn Gérard (Daniel Minetti), wo’s lang geht.

Alexandre (Felix Banholzer, r.) zeigt seinem Spießernachbarn Gérard (Daniel Minetti), wo’s lang geht.

Matthias Stutte

Alexandre (Felix Banholzer, r.) zeigt seinem Spießernachbarn Gérard (Daniel Minetti), wo’s lang geht.

Krefeld. Wäre man in diesen Tagen Christian Wulff, man könnte weiß Gott einen guten Berater gebrauchen – obwohl der sich nach Lage der Dinge nach Kuala Lumpur flüchten müsste oder ins Harakiri, weit weit weg jedenfalls. Die meisten anderen Leute, die nicht zufällig Bundespräsident, Papst oder Kanzlerin sind, kommen gut ohne Verhaltenscoach zurecht. Leben lernt man in der Regel ja eher nebenbei, ein langer und schmerzhafter Prozess, für den der passende Intensiv-Workshop noch nicht erfunden wurde.

Gleichwohl gedeiht eine ganze Branche von Klugscheißern sehr gut davon, großzügig Ratschläge an Menschen zu verteilen, die ohne diese Ratschläge viel besser dran wären. Der französische Sitcom-Autor David Pharao muss einen ziemlich dicken Hals auf diese Leute gehabt haben, als er 2003 das Stück „Der Gast“ zu Papier brachte. Ein Riesenhit übrigens, ganz ohne Berater.

Der schnieke Ratgeber mit dem frisch gebügelten Hemd

Bei der Krefelder Premiere in der Fabrik Heeder obliegt es Felix Banholzer, dem schnieken Ratgeber von nebenan ein Gesicht zu geben. Im stets frisch gebügelten Hemd, den obersten Knopf leger geöffnet, erklärt er seinem arbeitslosen Spießernachbarn (Daniel Minetti) und dessen aufgescheuchter Gattin (Eva Spott) die Welt. Die Arbeitswelt, um genau zu sein, in der man nicht deshalb etwas wird, weil man etwas ist – zum Beispiel gut in seinem Job –, sondern weil man etwas darstellt.

Gérard, der Unglücksvogel aus dem Land der Blümchentapeten, stellt nichts dar. Er liebt Modelleisenbahnen, Magritte-Drucke und Milva, er hält sich im Goldfischglas einen Leidensgenossen, der sich ähnlich träge durch seine kleine Welt bewegt wie Gérard. Minetti schlunzt diesen großmäuligen Verlierer mit einer lässigen Selbstverständlichkeit auf die Bühne, dass es eine Freude ist. In Gérards Frau lässt Spott immer wieder verschüttete Sehnsucht und viel Temperament aufblitzen. Colette wollte mehr vom Leben, heute stellt sie ihrem Möchtegern-Bundy die Pantoffeln hin.

Bühnenbildner Dietrich von Grebmer charakterisiert das Paar schon über die Wohnung, die so wirkt, als habe er an 20 Trödeltischen stets das scheußlichste Teil gekauft. Dass die deprimierende Realität der Arbeitslosigkeit die heile Welt längst ins Wanken gebracht hat, zeigt der schiefe Fußboden. Auf den zweiten Blick ist die Wohnung ein U-Boot mit Bullaugen und Rohren: Gérard und Colette sind untergetaucht, nur so halten sie ihr Leben aus.

Die endgültige Auflösung des Privaten im Beruflichen

Doch dann kommt der künftige Chef (Joachim Henschke) zum Abendessen und der Berater ins Spiel. Schließlich soll Gérard dieses letzte perverse Assessment-Center überstehen, die endgültige Auflösung des Privaten im Beruflichen. Es ist die bösartigste Idee im Stück, und sie setzt eine Kette von Nervenzusammenbrüchen und Verzweiflungstaten in Gang. Regisseur Ali Samadi Ahadi inszeniert den anwachsenden Irrsinn mit sicherem Timing und gutem Gespür für die Figuren.

Mit Pharaos Sitcoms hat „Der Gast“ indes überraschend wenig gemein. Echte Pointen sind rar gesät, viele Lacher haben eine bittere Note. Erst gegen Ende wird das Stück seltsam versöhnlich, indem es uns beruhigend zuflüstert, dass wir alle nur Menschen sind. Dieses Argument hat allerdings schon bei Wulff nicht gezogen.

Karten für 10., 12. und 28. Januar, 15. und 24. Februar sowie 8. März gibt es unter Telefon 805 125.

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