Trotz vieler Problem im Vorfeld: Es gibt stehende Ovationen für „Amadeus“. Das Stück wächst über seine Möglichkeiten hinaus.

Schauspielerische Bestleistungen liefert das „Amadeus“-Ensemble ab.
Schauspielerische Bestleistungen liefert das „Amadeus“-Ensemble ab.

Schauspielerische Bestleistungen liefert das „Amadeus“-Ensemble ab.

M. Stutte

Schauspielerische Bestleistungen liefert das „Amadeus“-Ensemble ab.

Krefeld. Ein Hauch von Drama dürfte schon in den Tagen vor der Premiere spürbar gewesen sein. Adrian Linke, Hauptdarsteller in Peter Shaffers "Amadeus", hatte mit einer Stimmbandentzündung zu kämpfen: Bei der Generalprobe brachte er kein Wort heraus, die Souffleuse musste den Text für ihn sprechen. Erst am Tag der Premiere gab der Arzt seinen Segen und den der Pharmaindustrie dazu. Ob Linke durchhalten würde, war ungewiss. "Es ist ein heißer Tanz", gestand Generalintendant Jens Pesel vor der Vorstellung.

Was in den folgenden drei Stunden geschah, war umso erstaunlicher: Das Publikum im ausverkauften Stadttheater erlebte einen denkwürdigen Abend, einen Triumph auf ganzer Linie. Mit stehenden Ovationen feierten die Zuschauer minutenlang das Ensemble, und in den anschließenden Gesprächen im Foyer spiegelte sich nicht bloße Zufriedenheit wider oder Anerkennung für die Aufopferung in widrigen Umständen, sondern reine Begeisterung.

Mit großer Bildgewalt hat Regisseur Reinhardt Friese das Stück inszeniert. Ein riesiger drehbarer Quader, um den das Geschehen kreist und in dem es sich schließlich konzentriert, füllt den Raum (Bühnenbild: Günter Hellweg). Eine Außenwand verwischt die Figuren zu diffusen Spiegelbildern, eine andere zeigt Mozart als fluoreszierende Pop-Ikone, ein Genie nicht ganz von dieser Welt. Ein Klavier, an den Beinen aufgehängt, baumelt über der Bühne, ein himmlischer Podest für Amadeus (Ronny Tomiska), später Totenbett für seinen Widersacher Salieri (Linke).

Die Realität gleitet einen Tick ins Traumhafte ab

Friese nutzt den grandiosen Spiel-Raum effektvoll, aber nicht als Zauberkasten für oberflächliche Tricks: All das Drehen, Schweben und Klettern lässt die Realität einen Tick ins Traumhafte abgleiten. Salieris Erinnerungen bekommen eine bildliche Gestalt, seine Häme und Verbitterung führt bei der Zeichnung der Figuren den Stift. Sie lässt den eitlen Kaiser (Joachim Henschke) im Pudernebel verschwinden, den beflissenen Kammerherrn (Ralf Beckord) wie eine Marionette stolzieren. Mozarts steiler Aufstieg erscheint wie ein Rausch, sein tiefer Fall, begünstigt durch Salieris Intrigen, trägt Züge eines Albtraums.

Es ist großartig, wie Tomiska diesen Weg der Extreme geht, wie er im obszönen Menschen, der infantilen Nervensäge den großen Künstler sichtbar werden lässt, dem nichts leichter fällt, als unsterbliche Musik zu schreiben, und nichts schwerer, als im Leben zurecht zu kommen. Wenn Mozarts schrilles Lachen gegen Ende allmählich erstirbt und die Arroganz weicht, schafft Tomiska in dieser schwer erträglichen Figur Platz für unser Mitgefühl. Salieri, der "diesem Geschöpf" mit einer seltsamen Mischung aus Neid und Bewunderung, Verzückung und Verachtung begegnet, geht uns in seinem sinnlosen Krieg gegen Gott ebenso nah. Linke spielt den "Schutzheiligen der Mittelmäßigen" mit ungeheurer Präsenz.

Selbst im Triumph über den Rivalen lässt er Zweifel aufblitzen, selbst in bösartiger Ränke eine seltsame Zuneigung zu Mozart erkennen. Nicht ihn will er vernichten, sondern nur denjenigen zur Rede stellen, der die Karten so ungleich verteilt hat:

Was man an diesem Abend erleben kann, ist selten: Ein sehr gutes Theaterstück (Dramaturgie: Vera Ring) wächst auf der Bühne über seine Möglichkeiten hinaus. In dieser Inszenierung ist es eher Mozart als Salieri - nicht bloß Kunst, sondern Magie.

Weitere Termine: 13./27. Februar, 5./12./16./18./21. März, Karten unter Ruf 805-125

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