Im WZ-Interview spricht Ralph Kleinsimlinghaus, Vorsitzender des Vereins Kunst in Krefeld, über den Boom der Krefelder Kunst und die Fehler der Museumsleitung.

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Ralph Kleinsimlinghaus in seiner Galerie Villa Goecke

Ralph Kleinsimlinghaus in seiner Galerie Villa Goecke

Ralph Kleinsimlinghaus in seiner Galerie Villa Goecke

Wir erleben Krefelder Kunst zurzeit in nie gekannter Häufung: "Quer geschnitten" im Kaiser-Wilhelm-Museum, ab Samstag die "Große Dujardin" in Uerdingen, am Sonntag der Galerientag. Ist das ein echter Boom oder einfach Zufall?

Ralph Kleinsimlinghaus: Das ist kein Zufall, sondern eine unabdingbare Entwicklung: Es musste so kommen. Die regionale Kunst war hier nie in dem Maße in der Öffentlichkeit vertreten, wie es in anderen Städten selbstverständlich ist.

Woran lag das?

Kleinsimlinghaus: Vor allem an den Kunstmuseen. Schon in der Ära Storck und nun auch in der Ära Hentschel wurde die Krefelder Kunst im musealen Betrieb ausgespart. Dadurch entstand eine Situation, die mit einem Topf voll kochendem Wasser vergleichbar ist - der Deckel musste irgendwann weggeschleudert werden. Wir erleben das in Uerdingen, wo Künstler Eigeninitiative ergreifen. Und auch das Museum öffnet sich nach Jahren des Bittens und Bettelns für die Krefelder Kunst.

Warum hat es Jahre gedauert, bis der Deckel weggeflogen ist?

Kleinsimlinghaus: Die Künstler waren viel zu brav. Es bedurfte erst einiger Anstöße von außen, diese Vehemenz zu erzeugen.

Wieso wehrt sich ein Museum gegen die Integration regionaler Kunst?

Kleinsimlinghaus: Krefeld ist da kein Einzelfall. Es gibt eine Entwicklung hin zu einem internationalen Avantgardismus, der tonangebend ist bei Museen, Sammlern und Förderern. Diese Drehscheibe wird von einigen wichtigen Meinungsmachern am Laufen gehalten, die nur bestimmte künstlerische Tendenzen gutheißen. Wenn die Museen diese Palette nicht bedienen, werden sie argwöhnisch beäugt.

Sie gehören nicht dazu. Krefeld hat mit den Mies-van-der-Rohe-Villen zwei Häuser von internationalem Ruf. Das macht die Abwehrhaltung doch verständlicher.

Kleinsimlinghaus: Natürlich müssen Haus Lange und Haus Esters durch Ausstellungen international ihre Visitenkarte abgeben, um auch künftig berühmte Künstler zu bekommen. Das ist ein Zwangsmechanismus. Dennoch muss es diese Berührungsangst mit regionaler Kunst nicht geben. Paul Wember hat es vorbildlich geschafft, Internationalität mit Nähe zu verknüpfen.

Und den heutigen Verantwortlichen gelingt das nicht?

Kleinsimlinghaus: Ich will hier keine Schuld zuweisen. Man müsste sich grundlegend über die Kunstmuseen unterhalten. Wir brauchen ein Konzept, dass den Wunsch nach avantgardistischer Ausstellungspolitik mit dem Wunsch der Krefelder Künstler nach einer stärkeren Präsenz verbindet. Noch wichtiger ist jedoch das Bedürfnis der Bürger in dieser Stadt. Interessant ist doch, dass sich nach der Ära Wember viele Bürger emotional vom Museum verabschiedet haben. Die gewinne ich nicht zurück, indem ich Dali oder Chagall zeige. Der mündige Bürger denkt wesentlich subtiler, er möchte sich stärker einbringen.

Wie könnte ein solches Konzept aussehen?

Kleinsimlinghaus: Haus Lange und Haus Esters könnten für die internationale Avantgarde reserviert sein, das Kaiser-Wilhelm-Museum für die Sammlung und auch gezielte Ausstellungen guter hiesiger Kunst. Die Identifikation der Bürger mit dem Museum würde sofort steigen, was auch zusätzliche finanzielle Unterstützung bedeutet. Die Dujardin-Ausstellung ist doch ein Signal: Sie wird erst durch großzügige Spenden aus der Bürgerschaft möglich.

Was halten Sie von der Idee regelmäßiger Studio-Ausstellungen Krefelder Künstler im Museum?

Kleinsimlinghaus: Förderung ist immer gut, sie stößt Entwicklungen an. Das lässt sich mit Fußballvereinen vergleichen: Wer nur große Stars aus aller Herren Länder einkauft und den eigenen Nachwuchs nicht fördert, hat auf Dauer keinen Erfolg.

Was zeichnet die Krefelder Kunstszene denn heute aus?

Kleinsimlinghaus: Es gibt hier keine so große Künstlerdichte wie im nahen Düsseldorf. Aber durch die Fachhochschule gibt es immer wieder vereinzelt künstlerische Positionen, die erwähnenswert sind.

Apropos Düsseldorf: Fehlt es hier vielleicht auch an Selbstbewusstsein?

Kleinsimlinghaus: Mich hat das sehr gewundert, als ich vor einigen Jahren hierher zurück gekommen bin. Ganz klar: Dieses Selbstbewusstsein müssen wir stärken. Wir sitzen hier in der Nähe von Düsseldorf und Köln, die gute Kunst wie ein Schwamm aufsaugen. Darin liegt auch eine Chance. Wiesbaden zum Beispiel schafft es als kleine, beschauliche Stadt nahe der Metropole Frankfurt, in der Kunst eine wichtige Rolle zu spielen. Das liegt an der klugen Ausstellungs- und Ankaufspolitik des Museums.

Wie könnte sich Krefeld in dieser Hinsicht besser aufstellen?

Kleinsimlinghaus: Wir können hier nicht die Dichte einer Akademie-Szene kopieren. Aber durch das Angebot von Atelierräumen und künstlerischer Logistik kann man Künstler hierhin ziehen. Dazu braucht man ein übergreifendes Entwicklungskonzept, das Krefeld als Atelier- und Wohnstadt darstellt. Wir haben viele Häuser und Gewerberäume, in denen Kunst eine wunderbare neue Nutzung bieten könnte.

Tun denn die Galerien genug für die Krefelder Kunstszene?

Kleinsimlinghaus: Unser gemeinsamer Galerientag "Kunst in Krefeld" sorgt in anderen Städten, selbst in Metropolen, für Neid. Dass so etwas hier funktioniert, ist herausragend. Und in den Programmen finden Sie immer 30 bis 50 Prozent Krefelder Künstler - das ist ein sehr guter Wert.

Nun gibt es "Quer geschnitten" im Museum. Wie gefällt Ihnen die Ausstellung?

Kleinsimlinghaus: Es ist eine Ausstellung ohne jeden Lokalkolorit, die so überall stattfinden könnte - auch in Düsseldorf oder München. Die Ausstellung ist sehr sehenswert - obwohl sich viele hochkarätige Künstler gar nicht erst beworben haben. Sonst hätte das Ergebnis sicher noch dichter und noch besser sein können.

Warum haben sich viele nicht beworben?

Kleinsimlinghaus: Das Procedere war ungewöhnlich. Vor so einer Ausstellung müssten eigentlich die Fachleute des Museums die Auswahl treffen. In anderen Städten wird das so gemacht. Künstler möchten bewertet werden - aber nicht durch eine zusammengewürfelte Jury, sondern durch die Verantwortlichen des Museums. Da das nicht gegeben war, haben viele Künstler sich gar nicht erst beworben: Sie wollen gesucht und gefunden werden, aber ganz sicher keine Mappe ins Museum tragen.

Vielleicht kann Dujardin hier eine Ergänzung bieten.

Kleinsimlinghaus: Die Dujardin-Ausstellung kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Leute sind sensibilisiert, und sie werden auch dort sehr gute Kunst sehen, die aus den genannten Gründen im Museum nicht vorkommt.

Wie lässt sich verhindern, dass die beiden großen Ausstellungen nur Strohfeuer bleiben?

Kleinsimlinghaus: Die Künstler in Uerdingen haben etwas angestoßen, dass eigentlich nicht wieder sterben darf. Eine Ausstellung wie diese sollte jedes Jahr stattfinden. Potenzielle Räumlichkeiten gibt es in Krefeld zur Genüge. Ich denke, die Stadt wäre gut beraten, eine solche Aktion beim nächsten Mal zu unterstützen. So ließe sich die Belebung der Krefelder Kunstszene vorantreiben, obwohl das Museum geschlossen ist.

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