Thorsten Duit inszeniert „Hamlet“ als Rache-Drama – und benutzt deutlich zu viele Zaunpfähle.

Ophelia (F. Kleinpaß) nimmt sich auf der Bühne das Leben,
Ophelia (F. Kleinpaß) nimmt sich auf der Bühne das Leben,

Ophelia (F. Kleinpaß) nimmt sich auf der Bühne das Leben,

Hamlet (F. Leberle) schreckt davor zurück. sich das Leben zu nehmen.

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Ophelia (F. Kleinpaß) nimmt sich auf der Bühne das Leben,

Krefeld. Dieser Hamlet ist vergiftet, lange bevor der Dolch ihn trifft. Die Wut nistet wie ein tödliches Serum in seinem Herzen, pumpt durch seine Adern, staut sich in Momenten mühsamer Selbstbeherrschung und bricht umso vehementer hervor, wenn der Prinz die Frau, die er liebt, demütigt und die Mutter, die ihn geboren hat, als Hure beschimpft.

Bei ihrer Inszenierung des Shakespeare-Dramas im Stadttheater konzentrieren sich Regisseur Thorsten Duit und Dramaturgin Vera Ring auf die Psychologie des Titelhelden. Durch konsequente Straffung legen sie einen Kern frei, der über die Jahrhunderte stabil geblieben ist: Wie viel Ungerechtigkeit und Boshaftigkeit hält ein Mensch aus, bis er handeln muss? Dieser Hamlet ist ein Amokläufer - in der Hand eine Knarre und im Inneren grenzenlose Dunkelheit.

Die Kurzfassung verlangt nach Eskalation, Ursache und Wirkung

Frederik Leberle, erst schwarz gekleidet, beim letzten Kampf dann ganz in Weiß, schleicht wie ein verletztes Tier über die Bühne, unberechenbar in seiner Verwundung. Am stärksten ist er, wenn er das innere Brodeln überlaufen lässt, wenn er Ophelia (Floriane Kleinpaß) schüttelt, die Königin (Ines Krug) anbrüllt und ihr dabei jede Fluchtmöglichkeit verstellt, dem König (Christopher Wintgens) mit jeder Faser seines Körpers den Tod wünscht.

Was weniger gut gelingt, sind die leisen Töne, der Zweifel und Selbsthass. Mag sein, dass Duit kein Besinnen und Grübeln zulässt, weil er die Wut am Kochen halten möchte: Seine Kurzfassung verlangt nach Eskalation, Ursache und Wirkung. Wäre dieser "Hamlet" ein Film, er wäre ein Rachedrama mit Mel Gibson.

Dazu passt der angesagte Soundtrack: Die Songs von Placebo oder Linkin Park sind gut gewählt, doch unbeholfen eingesetzt. Ihre Wirkung verpufft, weil Duit die Schauspieler hineinquatschen lässt wie schlechte Radiomoderatoren, die man zu allem Überfluss kaum verstehen kann.

Auch das Bühnenbild von Michael S. Kraus besteht - anders als seine schön ironischen Glitzer-Kostüme - aus viel gutem Willen und wenig Konsequenz: Die aus kaltem Metall gelötete Machtzentrale muss zugleich als Gefängnis-Metapher herhalten. Eine Skyline im Hintergrund signalisiert dem, der es nicht gemerkt hat, dass der Dänenprinz im Hier und Jetzt angekommen ist. Hamlet liest sogar die Boulevard-Presse, er begrüßt Rosencrantz (Tobias Wessler) und Guildenstern (Ronny Tomiska) wie Schulhof-Buddies.

Es ist bezeichnend, dass den stärksten Eindruck ein Auftritt hinterlässt, der nicht mit dem Zaunpfahl Modernität herbeiwedelt: Barfuß betritt der Geist des Vaters (Ralf Beckord) die Bühne und spritzt mit leisen, klaren Worten das Gift in Hamlets Herz. Hier wird die Direktheit und Gradlinigkeit sichtbar, die Duit wohl erzielen wollte: Warum er sie danach hinter Schauwerten versteckt, bleibt sein Geheimnis.

Weitere Termine: 4., 9., 14., 19., 27. März, 11., 28., 29. April, 16., 28. Mai. Karten unter Ruf 805 125.

 

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