Die Künstlerin Alicja Kwade lässt im Garten von Haus Esters 1417 Asteroiden einschlagen.

Wie Trümmer der letzten Eiszeit: Alicja Kwade hat im Garten von Haus Esters Steine regnen lassen.
Wie Trümmer der letzten Eiszeit: Alicja Kwade hat im Garten von Haus Esters Steine regnen lassen.

Wie Trümmer der letzten Eiszeit: Alicja Kwade hat im Garten von Haus Esters Steine regnen lassen.

Andreas Bischof

Wie Trümmer der letzten Eiszeit: Alicja Kwade hat im Garten von Haus Esters Steine regnen lassen.

Krefeld. Die junge Frau steht mitten in den Trümmern der letzten Eiszeit, im Herzen der Katastrophe. Hier, im Garten von Haus Esters, ist ein kosmischer Hagel niedergegangen, jedenfalls sieht es schwer danach aus.

Ausgerechnet in der gradlinigen Ordnung Ludwig Mies van der Rohes scheint das Chaos ausgebrochen – doch nur auf den ersten Blick.

Alicja Kwade, die Herrin der Steine, mag das Chaos nicht. Mit ihrer Kunst denkt sie ihm förmlich entgegen, jedes Werk ist das Ergebnis logischer Schritte und wissenschaftlicher Präzision.

Die Findlinge hat sie aus Neubrandenburg kommen lassen und den Baggerfahrer so lange dirigiert, bis sie sauber nach Größe geordnet waren – ein Strom vom sieben Tonnen schweren Brocken hinten im Garten bis zum feinen Sand auf dem Wohnzimmerboden. Es sind 1417 Steine – so viele Asteroiden stuft die Nasa derzeit als gefährlich ein.

„Mich interessiert das älteste Problem der Menschheit: Was soll das Ganze?“

Alicja Kwade, Künstlerin

Kwade, deren Ausstellung „Grad der Gewissheit“ am Sonntag eröffnet wird, spricht gern über ihre Kunst. Sie redet schnell und druckreif, oft klingt sie dabei wie eine Naturwissenschaftlerin, die eine komplizierte Formel herleitet.

Alicja Kwade, geboren 1979 in Kattowitz (Polen) lebt und arbeitet in Berlin. Sie hat in Hamburg, Berlin, Hannover, Bremerhaven und weiteren Städten ausgestellt. 2008 erhielt sie den Piepenbrock-Förderpreis für Skulptur.

Die Ausstellung „Grad der Gewissheit“ wird am Sonntag um 11.30 Uhr in Haus Esters eröffnet. Zu sehen ist sie dienstags bis sonntags, 11 bis 17 Uhr. Sie endet am 16. Februar 2014.

„Mich interessiert das älteste Problem der Welt: Was soll das Ganze? Aber unser Säugetier-Gehirn ist nicht dafür gemacht, das herauszufinden.“ Die Berlinerin, 1979 im polnischen Kattowitz geboren, versucht es dennoch – und findet erstaunliche Antworten: „Ich suche immer nach der klarsten Lösung für die Dinge.“

In gleich zwei Arbeiten untersucht Kwade den Wert von Rohstoffen. Für „02.07.2013“ hat sie an diesem Tag um 17.02 Uhr acht Gramm Gold gekauft. Für den gleichen Betrag – 246,72 Euro – hat sie Silber, Zinn, Nickel, Kupfer, Blei, Zink und Aluminium erworben und in teils riesige Platten gießen lassen, die sie unter das kleine Goldplättchen legt.

Auf ähnliche Weise zeigt sie bei „In 139 Tagen, 3368 Minuten und 67 Sekunden“ den Wertverfall des Materials. Für „Atropa Belladonna“ drapiert sie Stanzreste, die beim Prägen von Münzen übrig bleiben, wie Brunnen und wirft vergoldete Tollkirschen hinein – zwölf Stück, was genau der tödlichen Dosis entspricht.

Kwades Arbeiten sind Denkanstöße, sie führen zu Kernfragen der Ökonomie und anderer menschlicher Systeme. Sogar die Zeit und ihre Ordnung stellen sie in Frage, indem Kwade nicht nur die Zeiger dreht, sondern auch das Zifferblatt.

Die Gedankenwelt, die sie eröffnen, ist vielschichtig, doch auch ihrer unmittelbaren Wirkung kann man sich kaum entziehen. Sie verunsichern und faszinieren, weil sie in einen Bereich führen, der zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit liegt – auf dem schmalen Grat der Ungewissheit.

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